Filme über Gespenster haben seit den späten Neunzigern mit ihren an der Decke entlang krabbelnden japanischen Grundschulkindern Hochkonjunktur. Alle paar Wochen ist Geisterstunde im Lichtspielhaus und ebenso regelmäßig räumen die mal mehr, mal weniger qualitativ hochwertigen Streifen ordentlich an der Kinokasse ab. Ein Ende des Trends scheint so auch nicht absehbar zu sein. Das ist soweit auch kein Grund zum Verdruss, denn nicht selten sind diese jugendfreien Schocker durchaus vorzeigbar. Erst unlängst servierte uns James Wan, der unfreiwillige Wegbereiter des Torture Porns („Saw" 2004, „Death Sentence" 2007), mit „Insidious" ein recht ansehnliches Spukspektakel. Mit seinem - zehn Jahre zuvor bereits von den Japanern wiederaufgegriffenen - Motiv des von übernatürlichen Kräften verfolgten Kindes, landete er einen pekuniär mächtig aufstampfenden Genre-Hit. Bei gerade einmal 1,5 Millionen Dollar Produktionskosten wurden weltweit an der Box Office beinahe 100 Millionen amerikanische Taler eingesammelt. Und wer auch nur Mathematik buchstabieren kann, hat längst erkannt, dass sich das rechnet. Man muss sich also nicht erst die Karten legen lassen, um berechtigt meinen zu dürfen, dass es erst einmal cineastisch so weitergeht mit den knarzenden Dielen, den neu bezogenen Gebäuden mit sinistrer Vergangenheit, den Parallelwelten, den Wiedergängern und schrill kreischenden Kinderfratzen.
Scott Derrickson, der bereits die Erde stillstehen ließ und Emily Rose ihren Exorzismus verpasste, wurde nun von der gleichen Filmschmiede, die sich schon für „Insidious" verantwortlich zeichnete, damit beauftragt, es James Wan nachzutun und schickt befehlsgemäß derzeit die Filmfreunde in die Geisterbahn.
Der seit geraumer Zeit wenig erfolgreiche Enthüllungsschriftsteller Elliot Oswald (Ethan Hawke) zieht mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in ein leerstehendes Haus, um mit neuer Inspiration ans Werk gehen zu können. Die Familie ist eingedenk des liebgewonnen verlassenen Heims vom Umzug in ein neues Domizil nicht eben begeistert. Doch wäre sie das noch ungleich weniger, wenn sie wüsste, was allein Papa weiß: Auf dem Anwesen wurden erst kurz zuvor die Vormieter brutal ermordet - ohne dass der oder die Täter je ermittelt worden wären. Elliot interessiert sich nun für den unheimlichen Fall, der sich bald als Serienmord entpuppt, und lässt sich fasziniert vom blutbefleckten Gebäude arbeitstechnisch beflügeln. Doch hat er sich das falsche Haus ausgesucht, denn bald muss der sture Schreiberling merken, dass sich seine Familie in großer Gefahr befindet. Mit dem Einzug in die neuen vier Wände hat er sich einer unheilvollen Macht in den Weg gestellt, deren Tor in diese Welt just das neue traute Heim ist.
Das Motiv des Spukhauses ist beinahe so alt wie die Literatur selbst. Spätestens aber seit der Neuzeit und ihren Gothic Novels fand das Publikum besonderen Gefallen an alten Gemäuern, die ein dunkles Geheimnis verbergen und deren verstorbene Bewohner den noch lebenden das Leben schwer machen. Zwar ist in letzter Konsequenz hier nicht das Haus selbst der Feind, sondern nur ein Medium, doch dreht sich letztlich dennoch alles um das neue Zuhause, von dem die Gefahr ausgeht und an dem, im wahrsten Sinne des Wortes, der Tod klebt. Die Frage nach der Logik stellen wir bei dieser Geistergeschichte allerdings freilich wieder einmal besser hinten an. Kein Mensch bei gesundem Menschenverstand würde so entspannt schlurfende Schritte in leeren Räumen, Skorpione und Schlangen auf dem Dachboden (obendrein im nördlichen Pennsylvania) und sich selbst an- und ausschaltende Hausgeräte achselzuckend hinnehmen wie der gute Elliot. Als er dann gar noch den Anblick der üblen Fresse des babylonischen Dämons Bughuul, der bedrohlich aus dem Gebüsch im heimischen Garten lugt, kommentarlos durchwinkt, ohne den Drang zu entwickeln, seine Familie schleunigst aus dem Haus zu bugsieren, wird man als halbwegs nüchterner Filmroutinier doch ein wenig brummig mit dem Drehbuch. Allerdings hilft über die strapazierte Geduld ein Pluspunkt der Inszenierung hinweg, der ein zentrales Moment solcher Filme ist und der hier mustergültig orchestriert wird - der Schrecken oder das Erschrecken. Sowohl die musikalische Untermalung als auch die situative Dramatik deuten wieder und wieder unmissverständlich auf den bevorstehenden Schockmoment hin, doch erlaubt es eine überzeugende Inszenierung eben, den Kinobesucher trotz seiner Vorahnung wiederholt aus seinem Sessel hüpfen zu lassen. Das filmisch zu arrangieren misslingt andernorts nur allzu oft. Scott Derrickson hat seine Hausaufgaben jedenfalls gemacht. Seine ins Bild springenden Stilmittel des Horrorfilms gewähren das, was man sich von einem solchen Genrefilm erhofft. Hier ein wenig Schweiß, dort ein wenig Luftanhalten und der Ruck im Sitz.
Es ist bei „Sinister" aber gerade das Implizite, das die ersten zwei Drittel des Films die Spannung trägt. Die traditionellen Elemente des Geisterfilms werden beinahe bis zur Perfektion getrieben, bis, ja bis - ab dem letzten Drittel des Streifens die ersten Gespensterkinder durchs Bild tapsen. Derrickson traut seinem Publikum nicht zu, einen Mangel an explizit Gezeigtem durch die subtilen Deutungsmöglichkeiten nicht visualisierten Horrors zu kompensieren. Der fantasielose Durst nach unmissverständlicher Auflösung muss offenbar gestillt werden. Philosophieren und Interpretieren liegt selbstredend nicht im Kurs des Mainstreampublikums, also geht man besser auf Nummer sicher und serviert dem Zuschauer die Hintergründe der Story grundschulgerecht plastisch mit dem Vorschlaghammer. So erfahren wir nach fünfzig Minuten vorzüglich gestalteter Horrorstory, dass... *Spoiler* der fiese antike Gott Bughuul die Seelen von Kindern frisst. (*schnarch*) Die sind dann aber keineswegs zu Brei verdaut und futsch, sondern latschen in Sixth Sense Manier - hier allerdings mit irgendwelcher Knetmasse im Gesicht - durchs Bild und erschrecken vom Kobold besessen den Nachwuchs.*Spoiler Ende* So fällt, was zuvor virtuos an Spannung aufgebaut wurde, der albernen (obendrein bis zum Einschlafen toterzählten) Story um gemeine Gespensterkinder zum Opfer.
Scott Derricksons „Sinister" scheitert an der Hürde, die so viele andere vor ihm im Business auch schon stolpern ließ, der Auflösung. Einmal mehr schafft es das Drehbuch nicht, die Spannung, die sich aus Andeutungen, subtilem Horror und hilfloser Unwissenheit speist, ins letzte Drittel des Films hinüberzuretten. Da täuschen zwar toll ins Werk gesetzte Schockmomente, ein bedrohlich inszenierter Bösewicht und ein vortrefflicher Score etwas drüber hinweg, aber der Geisterbahn geht am Schluss der Fahrt doch deutlich die Puste, sprich, die Ideen aus. Und die zu guter Letzt natürlich wieder durchs Bild trollenden Kindergeister verkleckern den Brei dann endgültig. Schade ob der spannenden ersten Hälfte des Films.