Gandhi(1982)
Als ich im Juni 2013 das erste und einzige mal Skateboard "fuhr", kam meine Woche der Läuterung. Ich wollte zeigen, dass man als ungraziöser 85 Kilo Bump auch schön fahren kann. Zumindest berichteten das meine Angehörigen. Ich muss wohl einen Fuß auf das Ding gesetzt haben und der andere kam gar nicht recht hinter her. Rumms! Und da machte ich einen 90 Grad Fall erster Güte und knallte volle Kanone auf meinen Hinterkopf. Ich lag wohl zwei Minuten bewusstlos da, atmete schwer und der aufgeregte Rest um mich herum bestellte sofort den Notarzt. Als ich wieder zu mir kam, schoss eine riesige, blutige Beule aus meinem Hinterkopf und ich fragte erstmal; "Wo sind wir hier?" "Oh mein Gott!" schallte es einhellig im Chor und alle beruhigten mich und sagten mir, dass der Rettungswagen gleich hier wäre. Ich richtete mich etwas auf und meinte nur, dass ich jetzt vielleicht mal dringend müsste. "Was müsste?" fragten alle drum herum. "Ich müsste glaube ich mal was "größeres" erledigen...auf einer Toilette halt." Etliche Gaffer standen da und ich wollte vor, den hiermit eindeutig belehrten Kindern - Skateboard fahren = Helmpflicht -, nicht das Wort scheißen gebrauchen. "Das geht jetzt nicht!" meinten alle aufgeregt, aber was sollte ich tun? Das verfliegt ja nicht einfach mit der Zeit.
Ich beruhigte mich etwas, stellte fest, dass meinem Nüschel ungefähr 2 Stunden Lebenszeit fehlten und meine Beule sah nun mittlerweile aus, wie eine kleine rote Toilette von unten. Im Krankenwagen saß nun eine ganz junge Frau und ihr noch jüngerer Assistent. Sie fragten und fragten und mir wurde ganz schön schlecht. Tetanus Impfung hier, wie oft trinken sie dies und jenes Fragen löcherten meine Beule. Als ich da so auf der Trage lag war mein "Problem" eben nicht wirklich verflogen und bis zum Krankenhaus waren es noch ein paar Kilometer. Ich richtete mich auf und erklärte mein "Problemchen". Die beiden und ich waren natürlich alles andere als angetan und jeder der schon mal an ein Krankenhausbett gefesselt war, weiß was passiert, wenn es eben passiert. Wir drei brachten es also hinter uns. Wir hatten aber doch - im allerletzten Moment - einhellig die grandiose Idee, das alles außerhalb des Wagens zu erledigen. So hielten mich die beiden am Rande der Straße in Waage und ich tat, was eben fast überfällig war. Den beiden erklärte ich unter lächelnder Übelkeit, dass ich dieses Freiluftabenteuer sonst viel lieber allein verrichte.
Gehirnerschütterung, 5 Tage Krankenhaus und absolute Ruhe. Der Rest meiner Familie war beruhigt und nun hatte ich 5 völlig isolierte Tage vor allem. Ein tolles Krankenhaus. Wirklich. Eine jener Einrichtungen, die im Jahre 2013 doch tatsächlich noch Videorekorder und nur 3 Fernsehkanäle für mich bereit hielten. Tag eins schlief ich völlig durch und die Medikamente machten ein wohliges Gefühl. Ich vermisste nichts. Schweigen und absolute Ruhe sind und bleiben die beste Medizin. Tag 2 verlief ähnlich, auch wenn mir immer noch nicht besonders gut war. Am dritten Tag waren ARD, ZDF und ein Bibelkanal doch zu viel und ich schritt in dem luftigen "Hinten offen" Hemd und der fahrenden Tropfstange barfuß raus aus meinem Zimmer. Ich fragte nach, ob man denn auch Kassetten für den Rekorder hatte. Die Krankenschwester war sehr nett, wies mich freundlich darauf hin, vielleicht mal Unterwäsche anzuziehen und schlenkerte mit mir noch ein paar Meter weiter zum Aufenthaltsraum. Ein Regal mir vier Videos. Na, fantastisch! Neben zwei Barbiefilmen, einem kaputten Rosamunde Pilcher Tape war noch eines. Die uralte, vergriffelte Hülle von Gandhi. Ich hatte ihn Jahre nicht gesehen und war sofort begeistert.
Als ich da so lag und Gandhi bei seinem Weg zusah, musste ich doch wieder und wieder weinen. Ich fragte täglich bei dem behandelnden Arzt nach, ob mit mir was nicht stimme. Keine gescheite Antwort, die Medikamente sind ok und meine Werte waren auch da, wo sie hin sollten. Tag 3 und ich konnte nicht schlafen. Gandhi, dieser greifbare Gott. Was hat sich dieser Mann nur eingesetzt für ALLE. Keine Grenzen, keine Pflicht zum Glauben an sich und viel Ziegenmilch wie Zitrone. Ein Prophet ohne Gewalt. Ein Mann des Wortes und vor allem des Schweigens. Er hatte eine Frau, Kinder die alles andere als heilig waren und teils an Suchtmitteln und obdachlos dahin schlichen. Was für ein grandioser Film. Richard Attenborough ist hier ein absolutes Meisterstück gelungen. Ich schaute den unheimlich schöpferischen Film nun jeden Tag einmal an und litt, weinte, stritt und schwieg mit ihm. Gandhi. Mahatma. Große Seele. Bescheidenheit.
Ben Kingsley in einer für ihn gemachten Rolle. Diese wundervollen Bilder. Video hin, Röhrenfernseher her. Am 4. Tag schlich ich mich - mit Unterwäsche - in eine andere Abteilung und fragte, ob ich deren Rechner mal nutzen dürfe. Und so las ich und las, schaute eine kurze Doku auf Youtube und verschwand wieder in mein Zimmer. Gandhi. Ein Mann der eigentlich zum Ende hin enttäuscht war über sein nicht erreichtes. Pakistan. Indien. Vorurteile und viele weiter Steine, die selbst seinen Schultern zu viel wurden. In der Doku sieht man eine Aufnahme von ihm, wie er den Tod betrauerte. Schweigend. Gandhi war sicherliche eine ganz und gar zerrissene Seele, die mich mitnahm.
Als ich wieder zu Hause war und noch weiter 5 Tage daheim bleiben durfte, las ich eine knappe Biographie von ihm in Buchform und schwieg. Mein Umfeld wurde wahnsinnig. Ich schrieb auf eine Zettel, dass ich heißer wäre. Ich musste lügen, um einfach mal runter zu kommen, zu fühlen, meine Gedanken in ehrlicher Emotion zu spiegeln und das Leben mit anderen Augen sehen. Schweigen macht einen erst wahnsinnig, mit den Tagen disziplinierter und doch ruhiger. Dafür danke ich dem Film, dem Regisseur und den Gestirnen. Mit oder ohne Gandhi wäre es sicher genau so boshaft und unfair, wie es eben dieser Tage so ist. Ein großer Mann, zu dem ich erst durch ein Skateboard finden konnte.
Das Lesezeichen in diesem Buch ist übrigens die Selbstbeteiligungsrechnung für die schöne Fahrt im Krankenwagen. 14 Euro steht da. Für diese Fahrt hätten die zwei "Helfer" eigentlich mehr verdient gehabt.
Danke für diesen Menschen, der einst doch im Großen scheiterte und die Völker eben nicht schweißen konnte. Im kleinen danke ich aber seiner Wirkung und schweige hier und da auch mal ein paar Tage. Große Seele, großer Film, keine Wertung.