Review

Auf Europatour war Woody Allen zuletzt zumeist, nicht ohne Grund, ein Grund, der hier nicht unbedingt zu erwähnen gilt, wenn man sich auf den Film konzentrieren mag und alles andere ausblenden will. Mal ging es nach Barcelona, mal nach Paris, mal nach London, nun nach Rom, zu Roberto Benigni, ein ähnlicher Typus, wesentlich später Karriere gemacht, auch lange nicht die gleiche Reichweite oder die Masse an Werken geschaffen, dies ist auch schlecht möglich. Ein Unding schlechterdings:

Die amerikanische Touristin Hayley [ Alison Pill ] verlobt sich während eines Sommers in Rom mit dem Anwalt Michelangelo Santoli [ Flavio Parenti ]. Hayleys Eltern Jerry [ Woody Allen ] und Phyllis [ Judy Davis ] fliegen nach Italien, um ihren Verlobten kennenzulernen. Während des Besuchs singt Michelangelos Vater Giancarlo [ Fabio Armiliato ], ein Bestatter, unter der Dusche. Jerry, ein pensionierter – und von der Kritik verachteter – Operndirektor, fühlt sich inspiriert, sein Talent der Öffentlichkeit vorzustellen. Er überredet Giancarlo zu einem Vorsingen vor einem Saal voller Operngrößen.

Die erste von vier Erzählungen, die erste von vier separaten Vignetten, die sich kreuz und quer durch den Film teilen, Für Allen-Verhältnisse ist das Werk auch relativ lang, eine Viertelstunde mehr als üblich etwa, sonst die anderthalb Stunden im Blick, hier etwas mehr. Auch hier werden die Darsteller als alphabetischer Reihenfolge aufgeworfen, derart viele Stars sind jetzt, Damen der Gesellschaft wie auch die Herren, es ist nicht nur bloß Benigni und Allen, es ist ein Ensemblefilm, mit einem Verkehrsunfall wird begonnen, falsch gelenkt, falsch den Verkehr am Fließen gehalten, der Polizist sieht alles, er ist der Erzähler, auch der Verursacher des Unfalls, er war abgelenkt. Ein Römer und eine New Yorkerin treffen sich zufällig, es folgt bald mehr, der Sommer geht schnell vorbei aber, es wurde nur angedeutet, eine nächste Liebesgeschichte schon am Blühen. 

Die Darsteller helfen der Zuordnung, es wird viel aufgefahren, das ganze Büfett, hin- und her gereist, Allen spielt hier ausnahmsweise auch mal wieder selber mit. Politik wird kurz diskutiert, zur Sprache gekommen, Kommunismus und Anarchismus, die verschiedenen Weltanschauungen, die teuren Hotels in Augenschein genommen, die Attraktionen für die Touristen, viele sind nervös her, manche reisen mit dem Zug, andere mit dem Flugzeug, Frauen haben andere Sorgen als die Männer, Wegbeschreibungen ist undeutlich und verwirrend, Baldwin spielt mit, ein erfahrener Geschäftsmann, ein Bekannter der Stadt, gut gealtert, attraktiv, er trifft auf Eisenberg, noch nicht gealtert, nicht attraktiv, kleine Begegnungen, kleine Begebenheiten, Erinnerungen werden nachgehangen, neue gemacht, Erlebnisse von heute, die dann zu Erinnerungen werden, jetzt oder gleich oder in 30 Jahren. Viel von der Stadt wird gezeigt, auch die Innenbauten, die Wohnungen, die Hotelzimmer, die Öffentlichkeit und die Intimitäten.

Die Stadt wird oft gelobt, bewundert, es geht auch um die Arbeit und den Ruhestand, um Urlaub und um Lebensabend, es werden die Beziehungen aufgedröselt, die Farben etwas bieder und gleichzeitig kräftig. Den Schwiegereltern wird man vorgestellt, man muss sich anbiedern, dem Massengeschmack, es geht um Gewerkschaften und Ausbeutungen, die arbeitende Klasse wird hier solidarisiert, nicht von allen, von den Künstlern oder Künstlern A.D. nicht so recht. Viele Beschreibungen, viele Wegweisungen, viele Touristen, mehr als Einheimische fast; es gibt wunderschöne Gassen, mit Efeu behangen, kleine helle Pflastersteine, winzige Wohnungen, das Häubchen auf der Sahnetorte, es passiert als in Midnight to Paris zumindest, dort eine Idee, die ausgelebt wird und ausgeübt, hier ist mehr los, mehr Figuren, mehr Variationen, mehr Komplikationen. Verschiedene Klassen gibt es her, verschiedene Gesellschaften, Gemeinschaften; die nicht unbedingt miteinander etwas miteinander zu tun haben, Probleme Nummer Eins und Zwei und Drei, die Männer halten sich über die Frauen, Moleküle und Funken und Erregungen, dazu sexuelle Obsessionen, Intensivität, Page bringt die Erotik in den Film. Baldwin sitzt unsichtbar in der Situation und wird gleichzeitig in Zwiegespräch hineingezogen, er kennt die Frauen besser, er hat schon alles erlebt im Leben, dann eine Überraschung, Beningni ist plötzlich im Mittelpunkt der Presse, als ganz normaler Angestellter, er weiß von nichts, der Zuschauer ebenso, was ist passiert über Nacht, worum geht es?

Surrealismus wird geboten, oder eher Irrealismus, viele Bekanntschaften, manche merkwürdiger als die anderen, selten welche normal, viele mit leichtem Humor gewürzt, manche mit derben, manche mit Inspirationen, Neapel wird auch oft erwähnt, sowie ein "Familien-Caruso", Treffen zu Zweit, zu Dritt, zu Viert, zu Sechst, mehr meist nicht, abgesehen von einer Privatführung durch den Vatikan, da ist man zu Siebent. Die Konturen, der leere Raum, Stadtwandeln als Lieblingsbeschäftigung, Zivilisation und Ruinen, Melancholie und Inspiration, reaktionäre Landschaften, Ein Mann wie Sprengstoff wird hier zitiert, dazu eine Phrasendrescherei, Baldwin hier in voller Blüte, Gerwig eher nicht, Eisenberg spielt so wie immer, er erinnert wahrscheinlich an ihn selber. 

Die Farce mit Benigni ist wie ein eigener Film im Film, eine Sondersendung in einer Tragödie, des Rätsels Lösung noch eine Weile versteckt, vor dem Zuschauer geheim gehalten, ein unverstandener Ruhm, eine komische Popularität, eine Satire auf die Gesellschaft, es bleibt ein Film im Film, mit mehreren Gastauftritten, die keiner kennt, das italienische Kino seit langem seinen Sternenstatus, seinen Feenstaub., seine Bedeutsamkeit verloren. Mal geht es raus aus der Stadt, schöne Bilder findet man immer noch, grün bepflanzt, das Talent gezeigt und verschwendet, das Naturtalent gezeigt und gleichzeitig zurückgehalten, der Kunst gehuldigt und sie verspottet, mal nacheinander, mal zeitgleich, das Es-, Ich-, Über-Ich-Modell, "Unter der Dusche kann jeder gut singen.", psychologische Termini herausgedrückt, eine spinnerte Geschichte gesponnen, wie gewonnen so zerronnen, dazu Macht als Aphrodisiakum, auch der Regen wird geliebt hier, "dekadenter Schwachsinn", ein Leben im Kreise, rein in der Kiste, raus aus der Kiste, im Auto wird gevögelt, in der Wohnung nicht. Sommerlich die Temperaturen, luftig die Kleidung, die Männer im leichten Anzug, die Frauen oft im Weniger, dazu viel Hurerei. Die Locationscout hat man zu beloben und belohnen, den Kameramann, die Männer Spießbürger, die Frauen anders drauf, offensiver, direkter, verbal schon, im Handeln auch aktiver, es wird geflirtet, es wird das Flirten kommentiert, das Fremdgehen. "Wenn etwas zu schön ist, um wahr zu sein, dann ist es das auch nicht.", wahre Worte, weise Worte, der Geist ist stark, der Körper willig.





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