Simon (Brady Corbet) hat sich gerade von seiner langjährigen Freundin getrennt und will in Paris für eine Woche auf andere Gedanken kommen. Eines Abends, als er bereits den Tag sich ziellos durch die Stadt hat treiben lassen, besucht er einen Puff und lernt dort die hübsche Victoria kennen. Er verguckt sich schnell in sie und auch sie mag den etwas scheuen, ungelenken Amerikaner gerne. Mit einem Trick zieht er bei ihr ein, es entwickeln sich Gefühle und Simon kommt auf die mehr oder weniger brillante Idee, einige von Victorias Stammkunden mit eindeutigen Fotos und Videoaufnahmen zu erpressen…
Ich hatte von „Simon Killer“ in einer euphorischen Kritik im „Hollywood Reporter“ gelesen und wusste, dass der Regisseur Antonio Campos u.a. den hervorragenden „Martha Macy May Marlene“ mitproduziert hatte. Somit war ich neugierig geworden… und wurde nicht enttäuscht. Von der ersten Minute an gibt es in dem Film eine derartige Atmosphäre der Bedrohung, des Unwohlseins, der Gefahr, so dass sich quasi ein negativer Sog entwickelt.
Simon ist kein Schwein oder auf den ersten Blick unsympathisch, er strahlt lediglich eine latente Aggressivität aus, die Unbehagen erzeugt. Dies wird nur durch Kleinigkeiten erzeugt, sei es durch seine selbstgerechten, manchmal larmoyanten Zwiegespräche/Mails mit seiner Ex Michelle, oder durch sein bisweilen auftretendes Wimmern und Grunzen, dass er manchmal hat. Als er am Anfang Victoria trifft (oder später eine französische Studentin), ist er schüchtern und geradezu liebenswert – etwas, was sie auch sofort anspricht. Er ist aufmerksam und freundlich zu ihr, aber als die Erpressungsstory aus dem Ruder läuft, entzieht er sich ihr langsam feige und orientiert sich um. Und seine Schüchternheit, die auf manche Frauen anziehend wirkt, nutzt er auch zu seinem Vorteil aus. Auch irritiert seine Fixiertheit auf Augen – er hat seine Abschlussarbeit an der Uni über das Zusammenspiel von Augen und Gehirn geschrieben und ist dementsprechend fasziniert von Marianne, die „nervöse“ Pupillen hat. Allerdings wird diese Faszination immer nur angerissen, nie wirklich erklärt oder vertieft.
Tja, es ist nicht leicht, einem unheimlichen Menschen zuzusehen, aber „Simon Killer“ schafft es, dass man doch hingucken muss: bei Simons Selbstgerechtigkeit, bei seinen Erpressungen, bei seinem Nichtstun, bei seinen Komplimenten gegenüber Frauen, beim Sex etc. Brady Corbit spielt ihn irritierend überzeugend und schafft sogar, nicht Sympathie, aber doch zumindest Neugier für diesen heimlichen Soziopathen zu entwickeln.
Ein schwieriger, anstrengender, aber letztendlich (auch dank einer exzellenten Musikauswahl) lohnender Abstieg in eine dunkle Seele – ausgerechnet in der „Stadt der Liebe“.
8/10.