Es ist müßig, über die Notwendigkeit eines weiteren Reviews zu Alfred Hitchcocks wohl berühmtesten Film „Psycho“, zu sprechen, doch als Fan kommt man nicht umhin, ein paar Worte darüber zu verlieren.
Ich könnte auf Bernard Herrmanns prägnanten Score für die Ewigkeit eingehen, den großartigen Vorspann von Saul Pass, ich könnte Hitchcock loben für die geniale Exposition (die bis zum Mord unter der Dusche oder gar bis zur Versenkung des Wagens im Sumpf reicht, also rund eine Stunde dauert) oder auch schelten für gewisse Längen oder schlechte Schauspielerleistungen (John Gavin!) im Schlußteil, die zweifellos vorhanden sind. Ich könnte aber auch nur ganz kurz betonen: „Psycho“ ist trotz einiger Schwächen ein stilbildendes Meisterwerk, das so viele Regisseure gerade im Thriller- und Horrorbereich beeinflußt hat, daß sich jede Kritik grundsätzlich verbietet. Ich kann es aber auch sein lassen.
Obwohl als sein wohl größtes unter vielen Meisterwerken bezeichnet, gehört „Psycho“ auf keinen Fall zu den Hitchcock-Werken, die man sich in schöner Regelmäßigkeit ansehen möchte. Fesseln lassen kann man sich viel eher mit Thrillern wie „Das Fenster zum Hof“ oder der Unterhaltungsgranate „Der unsichtbare Dritte“. Dort wird man wesentlich besser bedient. Der Grund, warum „Psycho“ hin und wieder gesehen werden muß, ist pure Bewunderung – Bewunderung darüber, wie Hitchcock es gelungen ist, eine an sich dürre Geschichte so zu erzählen, daß man hinterher sein Lachen zu hören glaubt, weil er uns, die Zuschauer, aufs Glatteis geführt hat. Das funktionierte beim Kinopublikum von 1960 sicherlich noch besser, weil er so manches Tabu brach, das heutzutage gar nicht mehr als Tabubruch gilt.
Der größte ist sicherlich die Ermordung der weiblichen Hauptfigur Marion Crane (Janet Leigh), dem Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Als sympathische Diebin wird sie uns vorgestellt, ist praktisch in jedem Bild zu sehen, man fiebert mit ihr über rund 40 Minuten mit, um sie dann auf die wahrscheinlich gemeinste Art und Weise – nackt und völlig hilflos unter der Dusche – sterben zu sehen. Dabei wird noch nicht mal ein simpler Pistolenschuß abgefeuert, nein, es müssen zahlreiche Messerstiche, die erst in der Summe tödlich wirken, sein. Und wir, die Zuschauer, sind live dabei, letztlich lediglich 45 Sekunden, doch das reicht für den größtmöglichen Schock aus. Man wußte zuvor schon nicht, wohin Hitchcock uns führen wird. Dem jungen Motelbesitzer Norman Bates (Anthony Perkins) hatte Marion erklärt, sie wolle wieder zurück nach Phoenix, wo sie einen Tag zuvor 40.000 Dollar unterschlagen hatte. Das schlechte Gewissen hatte gesiegt, sie war bereit, für ihren Fehler geradezustehen – und trotzdem verläßt sie mir nichts dir nichts den Film und wir wissen nun erst recht nicht mehr, wie das jetzt alles weitergehen soll. Der Film fängt mittendrin einfach wieder von vorn an, die Staffel wird von der toten Marion an Norman weitergegeben, das gestohlene Geld, der MacGuffin, auf den die Kamera doch ständig so verräterisch ihren Blick gerichtet hatte, als würde es für den weiteren Verlauf eine wichtige Rolle spielen, kurzerhand für null und nichtig erklärt, als der ahnungslose Norman es mit Marion und ihrem Wagen im Sumpf versenkt.
Das erste große Auflachen Hitchcocks war unüberhörbar, da folgt gleich das zweite, macht er uns doch zu Normans Komplizen. Als einzige halbwegs eingehender charakterisierte Figur bleibt uns gar nichts anderes übrig, und Norman scheint ja auch ein ganz Netter zu sein – vielleicht etwas schräg, weil er als Mittzwanziger immer noch nicht von seiner pflegebedürftigen Mutter losgekommen ist, die keine andere Frau an seiner Seite duldet, und unsicher, aber doch im Grunde ein Guter, den man recht gern haben kann. Daß das, was er tut, nämlich die Mordspuren seiner Mutter sowie alles, was auf einen Gast namens Marion Crane hindeutet, zu verwischen, dabei höchst unmoralisch ist, wird der von dem abrupten Tod der Frau immer noch zutiefst erschrockene Zuschauer gar nicht merken. Im Gegenteil: Wie er halten wir kurz inne, als der Wagen für einen kurzen Moment an der Sumpfoberfläche stecken zu bleiben droht, und wie er atmen wir auf, als es doch Blubb macht und der Wagen sinkt. Wir drücken einem Menschen die Daumen, der als Mitwisser eigentlich verurteilt gehört. Unglaublich, aber wir merken es einfach nicht.
Es geht so weiter: Versicherungsdetektiv Arbogast (Martin Balsam) wird auf das spurlose Verschwinden Marions angesetzt und stößt bei seinen Nachforschungen schnell auf das „Bates Motel“. Schnell schafft er es auf ziemlich aggressive Weise den ohnehin schon eingeschüchterten Norman derart in die Ecke zu treiben, daß der sich in Widersprüche verwickelt. Klar, das ist nicht die feine englische Art, aber er tut ja schließlich nur seinen Job und möchte den Fall aufklären, immerhin ist hier eine Frau ermordet worden, die zwar eine Diebin ist, aber im Begriff war, das Geld wieder zurückzubringen. Trotzdem ergreifen wir eher Partei für Norman und möchten ihn am liebsten beschützend in den Arm nehmen. Was kann der für seine psychopathische Mutter? Arbogast wird irgendwann zu neugierig, betritt das neben dem Motel befindliche Haus der Bates, in dem er mit „Mutter“ sprechen will – und fällt ihr zum Opfer. Selbst schuld will man sagen, Hitchcock lacht derweil ein weiteres Mal.
Und Hitchcock wird noch einige Male mehr lachen: Zum Beispiel, weil er uns plötzlich die wenig sympathischen Lila (Vera Miles), Marions Schwester, und den blassen und gänzlich charismafreien Sam (John Gavin), Marions Geliebten, an die Hand gibt, mit denen wir nun wohl oder übel auf Entdeckungskurs gehen müssen, auch wenn wir es nicht wollen. Hähä, Hitchcock will es aber so, hihihi. Amateurhaft versucht Sam bei Norman ein Ablenkungsmanöver, damit Lila hinter das Geheimnis der Mutter kommen kann. Das geht nicht lange gut, Lila findet die mumifizierte Mutter im Keller, tja, und Norman, der liebe Norman, mit dem wir bis eben doch so sehr mitlitten, der stellt sich in einer dramatischen Schlußwendung als der wahre Mörder heraus. Hitchcock hat uns manipuliert, unsere Emotionen gelenkt und immer wieder in die Irre geführt, der Fuchs. Und er lacht. Laut. Sehr laut sogar.
In der berühmten letzten Einstellung vor dem „The End“-Schriftzug fährt die Kamera langsam auf Norman zu. Am Ende der Kamerafahrt richtet er seinen Blick frontal in die Kamera und wirft uns ein diabolisches Grinsen zu, während der Skelettkopf seiner Mutter übergeblendet wird. Anthony Perkins’ Grinsen ist gleichzeitig Hitchcocks Grinsen. Es will uns nicht etwa den verwirrten Geisteszustand Norman Bates’ wiedergeben, es will uns sagen: Ätsch, reingelegt, liebe Zuschauer, alle miteinander. 10/10.