Wie man doch einen Film interessant vermarkten kann!
Zum Beispiel als Agententhriller mit übler Haudrauf-Attitüde. Da wird dann von harten Actionsequenzen gesalbadert, bis man sich im Kino verwundert die Augen reibt.
Nein, keine Frage - deswegen ist "The Bourne Identity" noch lange kein schlechter Film, im Gegenteil, er ist sogar ausgesprochen unterhaltsam. Aber wieso der Streifen allein in den USA 120 Mio. Dollar gemacht hat, ist dann doch ein wenig rätselhaft.
Denn anstelle eines actiongefüllten Popcornblockbusters erwartet uns hier eher ein Agentenfilm in der Tradition der 70er Jahre, kühl und grimmig und (angesichts der europäischen Drehorte) eher von europäischem Zuschnitt.
Das schlägt sich in einer gewissen Rauhheit der Bilder wieder, dem Verzicht auf gelackte Hochglanzbilder und einer herben Sprödigkeit, die nicht ohne Charme ist. Regisseur Doug Liman hat offensichtlich nicht Michael Bay als Vorbild, sondern eher John Frankenheimer und das spürt man.
Trotzdem ist das Gezeigte eher modern gefärbt. Jungstar Matt Damon goes Actionstar als CIA-Killer ohne Erinnerung, der aufgrund seiner eigenen Tarnidentitäten quer durch Frankreich taumelt, immer auf der Suche nach seinem eigenen Ich, während seine Schöpfer ihn aus politischen Gründen lieber tot sähen.
Die Story ist dabei (leider) auf dem neuesten Stand, denn es gibt hier wieder einen besonders komplizierten Plot, noch sind die Figuren in irgendeiner Weise scharf gezeichnet, geschweige denn klar umrissen. Der Film funktioniert hauptsächlich, indem man sich willenlos an Damons Bourne hängt und auf seiner Suche mit ihm fiebert, wider die gegen ihn eingesetzten Killer. So hat man immerhin eine unterhaltsame Zeit.
Durch die Eindimensionalität des Geschehens, eine Hatz von der ersten bis zur letzten Szene, enthüllt der Film auch eine seiner größten Schwächen: er muß seine eigenen Figuren dümmer halten, als es ihnen gut tut. Damon sammelt in seiner Rolle den halben Film über verwirrt eigene Verhaltensmuster, die neutral betrachtet nur zu einem Ergebnis führen können: er ist ein Killer. Weder er noch die ihn begleitende Marie (Franka Potente) kommen jedoch auf diese Idee. Damit sind so ziemlich alle im Kinosaal den Figuren schon nach fünf Minuten voraus und der Plot hat tatsächlich keine weiteren enthüllenden Infos über Bourne parat.
Tatsächlich wird die Ursache seiner Kopfschmerzen (möglicherweise Gehirnwäsche) nie erklärt und daß er ein CIA-Killer ist, bedeutet fünf Minuten vor Filmende auch keine Überraschung mehr.
Dafür jedoch ist die Action erfreulich gut sortiert und nur in kleinen Happen geboten, obwohl die Presse stets damit hausieren geht. Damon macht eine interessante Figur in seinen schnell geschnittenen, aber schön realistischen Kämpfen, die brutaler wirken, als so manches Popcornkino es in aller Pracht bieten kann. Dabei kommt es zu wunderbar atmosphärischen Szenen, wie einer Bedrohung in einer riesigen Pariser Wohnung und einem Duell in der französischen Wildnis in den stillen Morgenstunden, die beinahe besser sind, als die anschließende Action.
Ein besonderer Höhepunkt an Drive ist dann wohl noch die ungewöhnlichste Autoverfolgungsjagd seit langem, in der Damon und Potente versuchen, mittels eines fast schrottreifen Minis eine Horde Polizei in den Straßen von Paris zu entkommen. Da guckt der James Bond, das hat mehr Kultfaktor als jede Materialschlacht.
Leider ist die Chemie zwischen Potente und Damon dann nicht so brauchbar, wie man es vermuten würde. Potentes natürliche deutsche Art intuitiver Schauspielerei verträgt sich einfach nicht mit dem wie immer starr wirkenden Damon, der größere Qualitäten ausspielen könnte, wenn er mal öfters den Gesichtsausdruck wechseln würde.
In der deutschen Fassung wird dieses Ungleichgewicht noch verstärkt durch Potentes Selbstsynchronisation. Während Damon gewohnt perfekt gesprochen wird, hat Potentes Stimme nicht die nötige Kraft um dagegen zu bestehen, wobei sie nicht selten wie im richtigen Leben Buchstaben verschluckt, nuschelt oder Worte ineinander übergehen läßt. Das wirkt in der Entscheidung inkonsequent und paßt nie recht zusammen.
An der schauspielerischen Leistung der Deutschen gibt's aber nichts zu nörgeln.
Ergänzend dazu fehlt dem Film auch ein starker Gegner, sei es vom Drehbuch oder von den Schauspielern her. Die Gegner aus der CIA-Zentrale haben einfach kein Gesicht oder Gewicht, um ihre Szenen auszufüllen. So wirkt jeder Zwischenschnitt auf die Verfolger wie ein spannungstechnischer Einbruch, denn wo kein Gegner, da auch keine echte Bedrohung für Damon.
Da aber sonst alles ein wenig gegen den üblichen Strich gebürstet ist, freut man sich am Ende doch über einen gelungenen Agentenfilm, der mehr auf ruhige Bilder setzt, wenn es darum geht, die Unruhe seines Protagonisten zu schildern. Intensive Bilder ersetzen hier ein Megabudget, obwohl es hier verständlich gewesen wäre, wenn Genrefans den Film als zu leer, handlungsarm oder fade bezeichnet hätten. Doch immer, wenn nötig, gibt es auch hier wieder kräftig auf die Fresse und das stellt irgendwie alle zufrieden. Schöne Mischung. Kann fortgesetzt werden. (7/10)