Seit der Szene nach dem Abspann des ersten „Iron Man“ anno 2008 wurde er erwartet: „The Avengers“, der Gipfeltreffen-Tag-Team-Film der großen Marvel-Heroes – und das sogar unter der Regie von Joss Whedon.
Lange gefackelt wird nicht, im Hauptquartier der Weltenbeschützer-Organisation S.H.I.E.L.D. untersuchen Nick Fury (Samuel L. Jackson) und seine Mannen den Energiewürfel aus „Captain America“, den Tesseract. Doch Thors Bruder Loki (Tom Hiddleston) stapft durch ein Dimensionsportal in den Komplex, stiehlt den Würfel im Auftrag einer außerirdischen Macht und macht sich durch Gedankenkontrolle S.H.I.E.L.D.-Mitarbeiter gefügig, darunter der Wissenschaftler Dr. Selvig (Stellan Skarsgard) und Clint Barton (Jeremy Renner) alias Hawkeye. Vorkenntnis der Marvel-Vorgängerfilme ist also ratsam, aber nicht zwingend erforderlich, ehe die Basis infolge des krachigen Openers in Schutt und Asche liegt.
Fury startet die Avengers-Initiative, kontaktiert Steve Rogers (Chris Evans) alias Captain America persönlich, Tony Stark (Robert Downey Jr.) alias Iron Man muss gar nicht lange überredet werden, während Bruce Banner (Mark Ruffalo) nur durch die Überredungskünste von Natasha Romanoff (Scarlett Johansson) alias Black Widow an Bord gebracht werden kann – er soll lediglich als Wissenschaftler bei der Suche nach dem Tesseract helfen, sein Alter Ego, der Hulk, nicht ausbrechen. Somit schneidet „The Avengers“ die Hintergrundgeschichten seiner Helden nur an, für weitere Tiefe ist allerdings kaum Zeit – wer daran interessiert ist, der muss bei den Solo-Abenteuern bleiben, was aber verzeihlich ist.
Auch Thor (Chris Hemsworth) will mitmischen, als die Avengers Loki gefangen nehmen, und seinen Bruder bestrafen, doch er lässt sich zur Mitarbeit überreden. Was nicht verkehrt ist, denn Loki plant eine Invasion mit Hilfe seiner Verbündeten…
Vier Comichelden mit eigenen Filmen plus Black Widow, Hawkeye und Nick Fury – verständlich, dass da keine Zeit für ausfabulierte Backstorys ist, doch mit seinen 144 Minuten kann „The Avengers“ immerhin Kernaspekte anreißen, die in „Thor“ und „Iron Man 2“ nur als Sidekicks vorkommenden Black Widow und Hawkeye mit mehr Profil ausstatten und den Helden genug psychologischen Unterbau geben, dass sie einen auch ohne Kenntnis der Vorgänger interessieren. Für große Weiterentwicklung ist bei dem Teamprojekt natürlich keine Zeit, am ehesten kümmert sich der Film um Bruce Banners Jekyll-und-Hyde-Natur, die der Film ironischerweise überzeugender und weniger schmalzig an den Mann zu bringen vermag als die Filmversionen von 2003 und 2008. Etwas Raum bekommen noch Rogers’ Versuche in der heutigen Welt Fuß zu fassen, die jedoch eher für Running Gags genutzt werden.
Durch Humor in dieser und anderer Form macht Joss Whedon seinen Film sehr zugänglich, das Schaulaufen kostümierter Superhelden wirkt nie albern oder überzogen, sondern beweist die richtige Mischung aus Selbstironie und nötigem Ernst. Dabei ist der Film fast makellos im Timing, in der furiosen Endschlacht werden immer wieder Gags eingestreut um die Anspannung kurzfristig aufzulösen, gerade der Hulk ist da überraschenderweise für einige Brüller gut, *SPOILER* beispielweise das übereifrige Wegmoschen von Thor oder seine rabiate Unterbrechung von Lokis „I am a god“-Gefasel. *SPOILER ENDE* Im Finale wird natürlich nur gewitzelt, gelegentlich Pathos- und Gänsehautszenen lassen die Endschlacht erhaben wirken, unterstützt durch famose Shots wie z.B. jene Aufnahme, in der sich als Mitglieder der Avengers-Truppe in den Straßen New Yorks sammeln, während die Kamera sie umkreist.
Es gibt zwei, drei kleinere Actionszenen, doch insgesamt fokussiert sich das leinwandfüllende Krawumm auf drei große Highlights: Der explosive Auftakt, eine Schlacht um das S.H.I.E.L.D.-Mutterschiff und schließlich der ausgiebige, aber nicht überlange Showdown in New York. Dabei arbeitet Whedon mit einem furiosen Mix aus CGI-Effekten und realer Action, z.B. wenn eine Straße verwüstet wird, reale Explosionen den Boden zerreisen und echte Autos geschrottet werden, während eine digitale Alientruppe das Bombardement abfeuert. Black Widow und Hawkeye treten in dynamisch choreographierten Martial Arts Szenen an, während ein klasse animierter Hulk digital rumsmashen darf. Selten war ein Mix aus realer und animierter Action so packend inszeniert (die „Transformers“-Filme oder der Showdown von „Ich bin Nummer Vier“ können da noch mithalten), „The Avengers“ drückt den Zuschauer förmlich in den Kinosessel.
Wenn man Whedons Gipfeltreffen der Superheroes etwas ankreiden kann, dann ist es seine eher simple Struktur: Ob man sich nun um den Tesseract oder ein anderes Artefakt prügelt, ist egal, wer Lokis Verbündete sind im Endeffekt auch – Hauptsache man hat einen Grund die Jungs zusammenzutrommeln und ordentlich Ramba-Zamba zu machen. Für eventuelle Fortsetzungen von „The Avengers“ oder den Einzelfilmen werden kleine Fährten gelegt (etwa in der Szene während des Abspanns), aber sonderlich komplex ist „The Avengers“ nicht. Was aber kaum auffällt, denn angesichts des enormen Tempos vergehen die stolzen 144 Minuten des Marvel-Klassentreffens wie im Fluge.
„The Avengers“ ist außerdem ein im besten Sinne nerdiger Film. Er versucht nie megasmart zu sein oder gleitet ins sinnlose Referenzieren ab, doch er hat reichlich Anspielungen und Insidergags für Kenner der Vorgängerfilme, der Comicvorlagen und der Popkultur parat, die nicht essentiell sind, aber zusätzliches Filmvergnügen bergen. Auch bei der Figurenkonstellation ist er wunderbar austariert. Sicher, gelegentlich droht Tony Stark als cooler Sprücheklopfer zu dominieren, was aber auch an der Figur liegt, doch jeder Charakter kommt zum Zuge. Selbst die Avengers ohne allzu übermächtige Superkräfte (Captain America, Black Widow, Hawkeye) haben im Finale ihre wichtige Aufgabe, Captain Americas Besonderheit wird zudem durch seine Planer- und Führungsqualitäten ausgearbeitet. Ebenso mühelos und elegant wie der Film in der famosen Endschlacht zwischen seinen Figuren hin- und herschaltet (durch dynamisch gemachte Schauplatzwechsel), so gut tariert er sein Ensemble aus, so gut balanciert er Witz und Ernst – wenn eine bestimmte Nebenfigur hier stirbt, dann hat das auf der Leinwand wie im Kinosaal emotionalen Impact.
Auch das Ensemble überzeugt durch die Bank weg, Robert Downey Jr., Chris Evans und Chris Hemsworth sind in ihren neuen Paraderollen famos wie eh und je, Samuel L. Jackson gibt den coolen Sprücheklopfer vom Dienst, aber das kann er ja. Unerwartet gut ist Mark Ruffalo als neuer Hulk, der den gespaltenen Wissenschaftler, der den Ausbruch seiner dunklen Seite fürchtet, so überzeugend spielt wie keiner seiner Vorgänger. Scarlett Johansson und Jeremy Renner sind stark als weitestgehend menschliche Avenger und lassen auf Einzelfilme um ihre Figuren hoffen, Tom Hiddleston ist als Schurke fast so gut wie in „Thor“. Neuzugang Cobie Smulders ist okay, Gwyneth Paltrow unterbeschäftigt und mit Clark Gregg sowie Stellan Skarsgard haben zwei alte Bekannte aus den Vorgängerfilmen Nebenrollen.
Es mag paradox klingen: „The Avengers“ erreicht zwar nicht die Tiefe der vorbereitenden Vorgängerfilme, übertrifft diese aber dennoch. Den Mangel an Komplexität gleicht Joss Whedons Materialschlacht durch Witz, Timing, Tempo und schick inszenierte Action aus. Der 3D-Effekt ist vielleicht nicht nötig, aber sehr gut gemacht (besser als bei den meisten anderen 3D-Filmen und hier ist es sogar nur konvertiert), der Film an sich einer der spektakulärsten und rundesten Blockbuster seit langem.