Jahrelang hat Marvel akribisch auf diesen einen Film hingearbeitet. Einem ominösen Masterplan folgend wurden zuerst die einzelen Charaktere mit ihren jeweiligen Filmen eingeführt, zum Teil bereits mit Fortsetzungen versehen, und behutsam ein Ensemble-Film in die Wege geleitet. Um das Franchise nicht von Anfang an in Schutt und Asche zu legen, wurde dabei extrem behutsam vorgegangen und zum Teil in den Vorfilmen in den Postcreditszenen angedeutet, wohin es gehen sollte. So konnte jeder Film seine eigene identität behalten, dennoch wußten die "Insider": Dies ist nur ein Teil des großen Ganzen. Nichteingeweihte hingegen konnten den jeweiligen Film trotzdem genießen. (Einzig Captain America fiel da aus dem Rahmen und war offensichtlich nur ein billiger Vorwand, damit der Anführer der Rächer - der aufrechteste aller Männer - auch dabei sein kann. Auch der Film war natürlich erfolgreich - wenn auch nicht in künstlerischer Hinsicht....)
Und Avengers ist nun endlich die Frucht der Lenden dieser langwierigen und delikaten Operation.
Und keiner, wirklich keiner möchte daran schuld sein, dass so ein potentiell kassenträchtiges Franchise gegen die Wand fährt. Also holte man sich Joss Whedon - einen ausgewiesenen Comic-Guru - an Bord, Avengers möglichst massentauglich zu inszenieren.
Und das erweist sich auch gleich als Glücksgriff. Denn was Whedon vor allem auszeichnet, ist, dass seine Frauenfiguren schon immer recht stark waren (man erinnere sich an Buffy, Serenity oder Dollhouse). So kann gleich vorweg genommen werden, dass ausgerechnet Black Widow einen der besten Eindrücke im Film hinterläßt, ohne auch nur annähernd ins Hintertreffen zu geraten, weil sie nicht so mächtig ist wie die anderen Helden.
Ein weiterer Aspekt ist die Verpflichtung von Mark Rufallo als Hulk (bereist der dritte unterschiedliche Darsteller in genauso vielen Filmen): Hier kann man nicht genau ausmachen, woran die Umbesetzung lag, doch der Tausch ist nicht unbedingt als Nachteil anzusehen. Ob Edward Norton besser oder schlechter gewesen wäre, kann man nachträglich nicht beurteilen, doch zumindest wird hier ein Hulk dargestellt, der sehr gut zu Rufallo passt.
Dies führt uns allgemein zum Hulk: Es ist in der Regel sehr schwer, etwas gescheites mit Hulk anzustellen. Dafür ist die Figur mittlerweile eine absolute Wildcard. Die Figur, die wir aus der Popkultur kennen, sprich aus den Kinofilmen, ist eigentlich eine plumpe Gewaltmaschine, die unaufhaltbar ist.
Doch eigentlich ist es genausogut eine extrem tragische, zwiespältige Geschichte, der im Medium Film einfach nicht gerecht geworden werden kann. Der erste Film (von Ang Lee) versuchte es, in diese Richtung zu gehen. Doch leider erwies sich jener Film erstens als kommerziell ernüchternd, zweitens passte er nicht so ganz in das neue Korsett, welches für die Avengers geschnürt werden sollte.
Der zweite Film hingegen nahm die tragischen Aspekte heraus und wurde mehr zu einem Auf der Flucht auf Gamma-Strahlen. Er war schon äußerst unterhaltsam, im Gegensatz zum ersten Film, aber dafür blieb man am plumpen Hulk hängen.... Will man meinen, doch wenn man genau hinsieht, erkennt man zwischen den Zeilen schon eine Entwicklung.
Und genau da macht dieser Film weiter, Hulks Entwicklung wird weiter fortgeführt, ohne dass es forciert wirkte. Auch wird vieles an tragischem Potential angedeutet, ohne dass es explizit gezeigt werden müsste.
Das genau zeichnet einen guten Joss Whedon Film aus.
Dieser Hulk ist beileibe noch nicht da, wo er in den Comics schon lange war, doch er bewegt sich in die richtige Richtung.
Kommen wir zu den anderen Charakteren: Iron Man ist Iron Man,
da gibt es nichts großartiges zu ergänzen. Thor ist hier nur halb so cool wie in seinem eigenen Film, dies hat aber den Ursprung, dass es sich um einen Ensemblefilm handelt und er nicht so glänzen kann. Hawkeye ist irgendwie schon cool, aber leider noch mit zu wenig Screentime ausgestattet, was aber auf Grund der Masse an Hauptdarstellern eigentlich auch nicht negativ ins Gewicht fällt. Nick Fury ist cool wie Samuel L. Jackson.
Und dies bringt uns zu Captain America. War er in seinem eigenen Film ein verbissener Fanatiker, der unbedingt für die Gerechtigkeit einstehen wollte, also nicht wirklich eine Idealisationsfigur, so entwickelt er sich hier unter Joss Whedon von einem blinden gehorsamen Soldaten zu einem Gerechtigkeitskämpfer, der plötzlich zum geborenen Anführer mutiert. Sehr gut wird dies vor allem in einer Szene deutlich, wo ein Polizist zuerst Captain America nicht ernst nehmen möchte, dann aber eines besseren belehrt wird.
Bleiben noch drei Charaktere übrig: Der Unbekannte Oberbösewicht. Hier sollte man nichts zu sagen.
Die Assistentin von Nick Fury (gespielt von How I Met Your Mother Hauptdarstellerin Cobie Smulders): Eigentlich nutzlos und nur Augenfutter für die männlichen Kinobesucher. Ich habe mich jedes Mal bei einem ihrer Auftritte genervt gefühlt, weil sie wirklich sinnlos in meinen Augen war. Bis ich darauf aufmerksam gemacht wurde, dass sie immer dann auftaucht und eine dumme Frage stellt, wenn es für ein etwas langsames Publikum etwas zu erklären oder vorzukauen gibt - meistens von Nick Fury. Aha, so kommen auch die dümmsten mit.
Und schließlich Loki: Grandios verkörpert von Tom Hiddlestone, immer auf dem schmalen Grat zwischen verbittert, wahnsinnig und gefährlich.
Doch all diese Zutaten sind nicht gleichbedeutend mit großem Kindo. Dafür braucht man eine Geschichte.
Und die ist ehrlich gesagt, ziemlich dürftig: Helden treffen aufeinander, argwöhnen sich, kabbeln sich, raufen sich zusammen, um gegen die ganz große Bedrohung die Menschheit zu schützen.
Nicht mehr, nicht weniger.
Weder der Schnitt, noch die Musik, noch - ehrlich gesagt - die Kostüme (vor allem Captain America) überzeugen vollends.
Die Action am Ende hätte genauso gut aus jedem x-beliebigen Alien-Invasions-Mist oder Transformers-Film stammen können.
Und dennoch, wenn es an allen Enden kracht, die Einsätze immer höher gesetzt werden, einige Einstellungen gewählt werden, die man so schon zigmal anderswo gesehen hat, so hat dieser Film all jenen anderen Filmen etwas voraus. Und zwar etwas, was man in Hollywood immer seltener findet:
Eine Idee, Eine Vision, Ein Herz.
Klar kann man nicht gleich im ersten Film den größtmöglichen Gegner aufbieten, hier geht es erstmal nur darum , die Rächer (oder auch Avengers) zu gründen. Da dürfen die Gegner erstmal austauschbar bleiben. Nein, sie müssen es sogar sein.
Man muß erstmal Sympathien für die Helden entwickeln.
Und man muß die verschiedenen Subgenres (HiTech in Iron Man, moderne DrJekyl/MrHide auf der FluchtAction in Hulk, Fantasy in Thor und B-Kriegs-Sci-Fi-Movie in Captain America) in einen gemeinsamen Bottich zu einer genießbaren Ware verschmelzen.
Dafür darf man möglichst wenig Angriffsfläche bieten. Die beste Wahl ist also ein möglichst nach Schema F gedrehter Film.
Wir sollten aber auch nicht vergessen, dass der Film trotz all dieser konservativen Herangehensweise massenweise Bilder bietet, die man einfach nur als Ikonisch bezeichnen kann. Jeder unserer Helden - und Schurken bekommt mindestens eine Einstellung, die ihn/sie unsterblich machen könnte.
In den fähigen Händen eines Joss Whedon funktioniert dies auch prächtig.
Wie gut is Avengers also tatsächlich:
Er ist zu keiner Zeit auch nur annähenrd in einer Liga mit Dark Knight oder Watchmen. Dafür ist er aber umso verdaulicher und süchtig machender. Denn er ist die Ausgeburt einer Comic-Verfilmung, wie sie nur sein soll: Dem Geiste der Comics treu bleibend und absolut massenkompatibel.
Innovationen sucht man hier vergebens. Und ausnahmsweise ist das auch gut so.
Abschließend noch zwei vielleicht nicht ganz unwichtige Fragen:
1. Muß man den Film im KIno sehen? Wenn es 2012 fünf Filme gibt, die auf die große Leinwand gehören, dann gehört Avengers in die Top 3. Ohne Wenn und Aber.
2. Muß man ihn in 3D sehen? Hier kann man seinen Geldbeutel entscheiden lassen, das 3D ist weder störend noch besonders erhellend.
8 Punkte