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The Avengers (2012, Joss Whedon)

Fast unmöglich schien Marvels Studios Idee im Jahre 2012, eine Riege ihrer zurzeit populärsten Superhelden, die in den vorangegangenen Jahren alle ihre Neuinterpretation in eigenproduzierten Filmen erfahren haben, in einem einzigen grossen Blockbuster für ein Ensemble-Spektakel zusammenzubringen. In The Avengers werden Jon Favreaus Iron-Man-Reihe mit Robert Downey jr., Louis Leterriers Neuentwurf des grünen Wutmonsters Hulk, Branaghs märchenhafter Fantasyreisser Thor und Joe Johnstons Wie-alles-begann-Film über Marvel-Urgestein Captain America allesamt gleichzeitig fortgesetzt und ineinander verwebt - kein einfaches Unterfangen, mit dem sich Autor und Regisseur Joss Whedon von Marvel Studios hat betrauen lassen, aber eines, das er weitgehend mit Bravour löst.

Dabei ist die Geschichte, die sich Whedon zur Zusammenführung der Superhelden ausgedacht hat, ziemlich redundant und teils an Thors langen Haaren herbeigezogen. Da geht es um ein Bündnis, das der böse Prinz von Asgard, Loki, mit ausserirdischen Mächten schliesst, um eine Invasion irgendwelcher Robo-Aliens, die sich direkt durch ein Dimensionsportal in die Strassen Manhattans schwingen, von einer würfelförmigen Energiequelle ist immer wieder die Rede, und zwischen all diesen Handlungssträngen vermittelt und interagiert der Geheimdienst SHIELD. Ein Glück, dass Whedon sich nicht allzu häufig auf seine wirre Hintergrundstory und ausschweifende Erklärungen stützt, sondern in vielen Momenten die Dramaturgie arbeiten lässt und das Geschehen natürlich und organisch aus den guten Szenen und Dialogen heraus entwickelt. Dabei beweist der zuvor als Autor verschiedener TV-Serien etablierte Regisseur ein Händchen für simples aber effizientes Storytelling und nimmt sich ausreichend Zeit, um seinen Film aufzurollen, ohne dass das Endprodukt zu lang wirkt. Inszenatorisch thront er über seinen Kollegen Favreau, Johnston, Branagh und Leterrier und verfeinert The Avengers mit einigen stimmungsvollen visuellen Tricks, darunter eine selbstverliebte Plansequenz durch die Endschlacht der Helden, visuelle Verfremdungen und einige spannende Bildfolgen. Die wohl grösste Stärke der Avengers sind aber die cleveren, frechen und einfallsreichen Dialoge, die dem Geschehen immer wieder Witz verleihen ohne dabei unnatürlich zu wirken.

Dass die Interaktion zwischen den unterschiedlichen Charakteren so spassig gelungen ist, ist aber nicht nur dem Drehbuch und der Dramaturgie zu verdanken sondern auch dem gut aufgelegten Schauspielerensemble, das Whedon für sein Stelldichein versammelt. Marvel-Zugpferd Robert Downey mimt mal wieder den etwas Sparrow-angehauchten Exzentriker Tony Stark und spielt dabei sein nuanciertes komödiantisches Talent aus, Chris Hemsworth hat von allen Akteuren die intensivste Leinwandpräsenz und kann damit seiner Rolle als nordischer Donnergott genügend gewichtige Akzente verleihen, obwohl die Figur erst nach vierzig Minuten Spielzeit auftaucht, und Scarlett Johansson sorgt als kühle Martial-Arts-Kriegerin in Leder für den nötigen Schuss Erotik. Leider müssen die Avengers bereits in ihrem ersten gemeinsamen Abenteuer ohne Edward Norton auskommen, der sich nach Differenzen mit dem Studio vom Projekt distanzierte. Die Rolle des Wissenschaftlers mit aussergewöhnlichem Wutkomplex übernimmt Mark Ruffalo, der sich mit seiner Performance als würdiger Nachfolger erweist. Captain America ist bereits konzeptionell der uninteressanteste der vier Superhelden, also ist es nicht Chris Evans Fehler, dass der heroische Soldat mit den vage definierten Kräften vergleichsweise etwas blass bleibt. Top-Newcomer Tom Hiddleston meistert die schwierige Aufgabe, sich dem farbigen Ensemble als denkwürdiger Gegenspieler entgegenzusetzen. Sein halbgöttlicher, verzogener Prinz ist Diaboliker, Sadist und Charmeur in einem, eine Rolle, an der Hiddleston unverkennbaren Spass hatte. Der einzige Charakter, der inmitten des Spektakels verheizt wird ist Jeremy Renners Bogenschütze Clint Barton. Nicht nur wird die Figur ungenügend eingeführt und ist der einzige, der in den vorangegangenen Filmen nicht aufgetreten ist, es wird im Gegensatz zu Johansson auch zu keiner Sekunde klar warum dieser austauschbare Agent bei den Avengers mitmachen sollte.

Bei aller Spielfreude und den Wortgefechten liegt Whedons Hauptaugenmerk natürlich auf den bombastischen Actionsetpieces, und auch hier sind die Avengers ihren Solo-Vorläufern meist deutlich überlegen. Whedon setzt die Kämpfe abwechslungsreich, knackig und dynamisch und Szenen und punktet besonders dann, wenn weitgehend auf computeranimierte Effekte verzichtet wird. Die mit ausladendem CGI angereicherten Sequenzen sind dann auch meistens diejenigen, in denen das Spektakel schwächelt und seine filmischen Bewegungsprozesse dem unnatürlichen digitalen Overkill opfert. Auch in dem etwas zu lang geratenen und im Verlauf auch zunehmend einseitigen Showdown finden sich einige Abnützungserscheinungen, die den Bogen aber nie allzu weit überspannen und immer im Bereich des Unterhaltsamen bleiben.

The Avengers ist ein grossangelegter Partyfilm, ein Abenteuer ohne ambivalente Untertöne, der, wenn er sich an Komplexität versucht, meist auch eher scheitert. Ansonsten gibt es aber viel zu vieles, was einfach nur Spass macht, sei es das stark aufgelegte und spielfreudige Ensemble, die klug getimte Inszenierung, der Wortwitz oder die tollen Actionhighlights. The Avengers ist der Film, der alles zuvor dagewesene im Marcel Cinematic Universe in den Schatten stellt und trotz seiner Schwächen eine weitgehend spassige Balance findet. Gut gemacht, Joss Whedon.

Wertung: 8 / 10

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