Die Gewaltenteilung ist eine staatsrechtliche Idee des 18. Jahrhunderts, deren Konzept noch heute für jeden Rechtsstaat bindend ist. Der berühmte Philosoph Montesquieu formulierte 1748 in Anlehnung an den Engländer John Locke die Trennung der Bereiche Gesetzgebung (Legislative), Rechtsprechung (Judikative) und Regierungs- beziehungsweise ausführende Gewalt (Exekutive) als tragende Säulen eines Staatswesens, das Willkür und Absolutismus hinter sich gelassen hat. Diese sogenannte Gewaltenteilung garantiert die Objektivität und Sachlichkeit des Staates im Umgang mit seinen Bürgern. Spätestens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sah sich diese Errungenschaft der Aufklärung zumindest im westlichen, nichtkommunistischen Europa auch tatsächlich flächendeckend und staatsübergreifend umgesetzt. Doch noch bevor Europa damit prahlen konnte, endlich im Zeitalter des Rechts angekommen zu sein, hatte die Moderne in einem Land der Welt schon längst Einzug gehalten: den Vereinigten Staaten von Amerika. Der ersten modernen Demokratie der Welt, dem Vorbild auch für die Französische Revolution. Doch was machen die USA in naher Zukunft aus ihrem wertvollen Geschenk an die Welt? Nichts. Sie führen einen Atomkrieg. Zumindest im Film.
Die Menschen in den USA leben in Riesenstädten, den sogenannten Mega Cities, die sich aus dem wüsten, nuklear verseuchten Ödland mit gigantischen Mauern umzogen erheben. Sie sind überbevölkert und drohen, im Chaos der Anarchie und dem Sumpf des Verbrechens zu versinken. Die meisten der begangenen Straftaten bleiben so ungeahndet. Nur noch 6% der Delikte und Verbrechen werden von den ausgeschlackten Resten der Staatsmacht verfolgt - dieser prozentuale Rest allerdings mit erbarmungsloser Härte. Sogenannte „Judges" (=Richter) sind Judikative und Exekutive in einer Person, und sie sprechen vor Ort Recht. Dabei lautet das Urteil gefühlt in den meisten Fällen Todesstrafe. Ist aber halb so schlimm, denn wir haben es hier ja hoffentlich nicht mit den realen Vereinigten Staaten in naher Zukunft zu tun, sondern nur mit einem waschechten Actionfilm, einer kompromisslosen Fantasiegeschichte für Erwachsene, die mit dem Vorschlaghammer zeigt, wie man Comics verfilmt.
Denkt man an die visuelle Umsetzung der britischen Graphic Novels um den gnadenlosen amerikanischen Gesetzeshüter, hat man seit 1995 Sylvester Stallone vor dem geistigen Auge. Dessen Version hielt sich thematisch nur sehr bedingt an die Vorlage und überzeugte auch sonst das Publikum nicht wirklich. Etwas zu albern wuselte der vorübergehend beurlaubte Rambo damals durch die kontaminierte Wüste. Zu deutlich sah man seinem „Judge Dredd" den dünnen Aufguss des zwei Jahre zuvor recht erfolgreich ins Werk gesetzten „Demolition Man" (1993) an. Nun, siebzehn Jahre später, ist es offenbar an der Zeit gewesen für eine Neuinterpretation des erfolgreichen englischen Comics. Doch diesmal sitzt der Schuss. Pete Travis‘ „Dredd" lässt die Unmengen an Comicverfilmungen, die monatlich die Lichtspielhäuser überfluten, souverän hinter sich. Nicht eine Sekunde Spielzeit wird mit Überflüssigem vertrödelt, es werden keinerlei Kompromisse an eine jugendgerechte und damit finanziell lukrativere Zielvorgabe eingegangen und nie werden die bilderbuchmäßig zurechtgefeilten Dialoge aus den Augen verloren, die hier auch in ihrer deutschen Übersetzung brillieren. Pluspunkte, die so mancher Fan nur zu gerne auch beim diesjährigen Christopher Nolan Film gesehen hätte. Doch wo der massentaugliche, glattgebügelte „The Dark Knight Rises" nach Abnahme der rosaroten Brille ziemlich blank dasteht, zeigt der recht unbekannte Pete Travis aus dem kalten Großbritannien dieses Jahr Hollywood, wie man Comics verfilmt. Von der überfrachteten Langatmigkeit eines zuletzt kränkelnden Batmans keine Spur. Jede Sequenz konzentriert sich auf das Wesentliche, wobei natürlich die relativ kurze Spielzeit recht hilfreich ist. Bei einer Laufzeit von 95 Minuten fällt es ungleich leichter, bei letztendlich substanzloser Handlung, Längen zu umschiffen, als bei den 164 Minuten des sich nur mühsam erhebenden Schwarzen Ritters.
Der nun ebenfalls überwiegend schwarz gekleidete Judge Dredd (Karl Urban) nimmt für einen Tag die junge Rekrutin Cassandra Anderson (Olivia Thirlby) unter seine Fittiche, um die beim Polizeiexamen durchgefallene, doch telepathisch begabte Polizeianwärterin ein letztes Mal zu prüfen. Schon eingangs rechnet er ihr teilnahmslos die übergroße Wahrscheinlichkeit vor, dass sie diesen Tag im Einsatz auf der Straße nicht überlebt. Und so muss es auch fast kommen, als die beiden im Megawolkenkratzer „Peach Trees" ermitteln und dabei der mächtigen Drogenbaronin Ma-Ma (Lena Headey) in die Quere geraten. Ohne viel Federlesens lässt sie das Hochhaus abriegeln und hetzt die eingeschüchterte Bewohnerschaft samt ihrer eigenen Schergen auf die beiden festgesetzten Gesetzeshüter, deren Lebenszeit nun abgelaufen zu sein scheint. Doch so ungleich die Chancen für Dredd und die junge Novizin stehen, mit ruhiger Hand, stoischem Gemüt und maximaler Gewaltbereitschaft wird nun im Duo daran gegangen, aufzuräumen unter dem seelenlosen Abschaum in Peach Trees.
Die Britin Headey ließ sich übrigens ihre Rolle, die ursprünglich für eine ältere Frau konzipiert war, extra umschreiben, so dass sie als männerhassende Narbenamazone auftreten würde. Von ihrer zärtlichen Schönheit aus Zack Snyders „300" (2007) ist hier so nicht mehr viel übrig, wogegen die Bildsprache Pete Travis‘ ganz gehörig Bezug nimmt auf Snyders Schaffen. Sowohl „300" als auch vor allem die „Watchmen" dienten als bildkompositorische, letzterer auch als visuelle Vorlage des neuen „Dredd". Und das tut dem Farbenrausch, dem leider wieder einmal ein unnötiges 3D-Gewand übergestülpt wurde, sichtlich gut. Travis‘ Bilder sind bunt, stylisch, frieren (die Gewalt) ein und geben (sie) wieder frei, nur um dann mit Vollgas auf die nächste Betonwand zuzurasen. Parallelen zu den natürlich ungleich intellektuelleren „Watchmen" sind hier unverkennbar.
Travis‘ „Dredd" atmet dieselbe Luft wie „Sin City", „300" oder die „Watchmen". Er bleibt dem Wesen des Erwachsenencomics und dessen Zielsetzung treu. Er bietet in seiner Kompromisslosigkeit Bilder, die der geneigte Genre-Fan sehen möchte, auch wenn das letztendlich pekuniär Nachteile birgt. Wie schon bei Snyders ungleich sperrigerem „Watchmen" bleibt, trotz positiven Feuilletons, der große Erfolg an den Kinokassen aus. Zwar rechnen sich spätestens bei der Blu-ray Auswertung solche Produktionen fast immer, doch wie auch bei Antoine Fuquas „Shooter" (2007) - oder womöglich schon bei den Action-Juwelen aus den 80ern - dauert es seine Zeit, bis sich die Qualität eines (neuen) Erwachsenenfeuerwerks herumspricht. Wirklich ins Herz der Fans geschlossen wird ohnehin meist erst nach Jahren. Pete Travis‘ „Dredd" könnte durchaus so ein Fall sein, denn er macht schlicht alles richtig, was bedeutet, er macht nichts falsch. Weder wird hier, wie allzu oft bei der Konkurrenz, der große Logikfehlerparcours gelaufen, noch wird das Finale vermasselt - was etwa dem letzten Nolan das Genick gebrochen hat. Der wie im Comic nie seinen Helm absetzende „Dredd" (Karl Urbans Mimik wird überzeugend mies gelaunt auf seinen Mund reduziert) ist nicht nur Lehrer, sondern auch Schüler. Denn selbst in einem ansonsten eher wenig politisch korrekten Spektakel muss der Mann beizeiten von weiblicher Feinfühligkeit profitieren. Dass solche Ingredienzen nicht mit dem Schneebesen, sondern behutsam untergehoben werden, passt zur restlos gelungenen Produktion und zum sich nie in Albernheiten verlierenden Plot.
Die britische Produktion „Dredd" des Regisseurs Pete Travis ist die Comicverfilmung des Jahres. Sie ist, nicht zuletzt übrigens auch durch ihren überaus eleganten Score, maßgeschneidert für den erwachsenen Actionfilmfan, der sich mehr erwartet als einen frisch aus dem Ei gepellten Captain America oder einen rheumageplagten Batman. Dass das Drehbuch zudem von Alex Garland geschrieben wurde, der sich für „28 Days Later" (2003) oder „Sunshine" (2007) verantwortlich zeichnet und der übrigens 1996 die Romanvorlage zum vier Jahre später verfilmten „The Beach" geschrieben hat, rundet diese gelungene Neuinterpretation ab. Der Visier bewehrte Spötter Montesquieus überzeugt letztendlich an allen Ecken und Enden. Travis‘ Film vermittelt nicht nur einen mit solch stilvollen Bildern selten garnierten Charme, er hat Charakter. Ein Wesenszug, der sich bei der Unzahl an Genreveröffentlichungen leider rarmacht.