Review

Ich muss gleich zu Beginn gestehen, dass ich gegenüber diesem Film einige Vorurteile hatte und  ihn deshalb auch länger nicht gesichtet habe. Dies liegt an zwei Dingen:
1. Es gibt aus meiner Sicht kaum Remakes oder Neuverfilmungen, die es mit dem Original aufnehmen, oder es gar übertreffen können (Ausnahmen wie z.B.: Das Ding aus einer anderen Welt, Die Fliege, Hills have eyes und Wolfman bestätigen die Regel) .
2. Die ursprüngliche Verfilmung ist mit Stallone und atmet durch ihn noch ganz klar die 80er.  Wer Filme aus den 80ern schätzt, weiß, dass diese oft eine etwas härtere Gangart an den Tag legen und oft eine gewisse politische Unkorrektheit (jedenfalls aus heutiger Sicht) atmen. Teils latent, teils offen zur Schau gestellt.
Das "Problem" ist, Dredd braucht genau dies! Einen harten Macho mit Einzeilern, wo Frauen eher Schauwerte liefern, die Gewalt teils selbtszweckhaft ist, usw.

Ich war der Überzeugung, dass es unmöglich ist so etwas heute noch zu produzieren und dabei die Gewaltschraube zu erhöhen und eine halbwegs vernünftige Story dabei zu erzählen (mangelnde Gewalt und schwache Story waren die Achillesversen der Verfilmung mit Stallone).

Doch ich wurde überraschend eines besseren belehrt (zwar mit Abstrichen[d.h. dass man eben auch Zugeständnisse an die aktuelle Zeit machen musste, was in dem vorliegenden Rahmen aber absolut in Ordnung ist] aber immerhin). Ein Kollege brachte mich dazu Dredd doch einmal eine Chance zu geben und ich wurde sehr positiv überrascht.

Der Film erzählt eine einfache und nachvollziehbare Story.
Im Mittelpunkt steht wie bei der Stallone Verfilmung auch ein wie auch immer gearteter (der Charakter von Dredd wird nur minimalistisch gezeichnet-bei dieser Verfilmung zum Glück, denn eine Charakterstudie will hier niemand sehen!), schweigsamer Polizist, mit minimalistischen Werten (der aber loyal und unbestechlich zu sein scheint und der sich unter der harten Schale doch etwas Hoffnung oder etwas was in diese Richtung geht bewahrt hat).
Ihm zur Seite stellt man eine junge Rekrutin (Thirlby), deren finale Prüfung er überwachen muss und die dergestalt ist, dass sie einen Einsatz mit ihm nach den Vorschriften durchstehen muss.
In den 80ern hätte es solch "Beiwerk" vermutlich nicht gebraucht -da wäre die Frau nur gerettet worden. Hier und heute darf sie an der Seite des Haupthelden "mitspielen". Das Ganze aber angenehm dezent und wirklich bereichernd. Sie versucht nicht härter zu sein wie Dredd oder ihm die "Show" zu stehlen (was dem Film geschadet hätte, weil es nicht zur Vorlage passt). Die Rekrutin hat spezielle übermenschliche Fähigkeiten, die sie nutzt um zu überleben und sich und Dredd zu helfen. Ihre Taffheit speißt sich weniger durch Muskelkraft oder besondere Kühnheit, sondern eher durch Überlegtheit, gute Urteilskraft und psychische Stärke (besonders deutlich in der Szene als der gefangene Gangster ihre Kräfte gegen sie nutzen will und sie Vergewaltigungsphantasien und dergleichen brechen will).
Hier kann man wirklich von einer tollen Symbiose reden und die Rollen (oder vielleicht besser: Aufgaben) wurden gut verteilt.

Als größtes Zugeständnis an die aktuelle Zeit sehe ich die Rolle des Widersachers an-das wäre in den 80ern in 90% der Fälle ein muskelbepackter Mann gewesen-heute ist es eine zierliche, untrainiert wirkende Frau.
Aber auch dies ist keine Kritik von mir (nur Feststellung), denn Headey spielt richtig gut (vielleicht in gewisser Weise sogar am besten-in gewisser Weise deshalb, da sie etwas im Vorteil ist, da die meisten anderen Hauptprotagonisten Helme tragen und mit minimalistischer Mimik agieren müssen).
Ein guter Schachzug um die "Stärke" dieser Frau zu zeigen war es die Story um sie herum knapp zu skizzieren und in einem kurzen Flash einige Schlüsselszenen aus ihrer Vergangenheit zu zeigen. Auch hier hat man dankenswerterweise (nicht wie in den 80ern manchmal) nicht versucht mit physischer Kraft ein Gegengewicht zu dem muskulösen Helden aufzubauen. Die Stärken des weiblichen  Antiparts liegen in ihrer Grausamkeit und Kaltblütigkeit.
So wird gleich davon berichtet, dass Ma-Ma (Headey) ihrem ehemaligen Zuhälter, nachdem er sie verunstaltete den Schwanz abbiss. Sie scheut auch nicht davor zurück Wiedersachen lebendig häuten zu lassen und zu Tode zu foltern (sie scheint daran sogar sadistische Freude zu empfinden) oder das Feuer auf ihre eigenen Leute zu eröffnen, wenn sie sich davon erhofft ihre Feinde ausschalten zu lassen. Tod und Elend anderer sind ihr gleich-für sie zählt nur Macht.
Die Gewalttaten Ma-Mas werden auch entsprechend vom Film ausgeschlachtet -was ihm gut tut. Dadurch entsteht eine Kompromisslosigkeit wie sie anscheinend zu wenig Mainstream-Filme leisten können oder trauen. Einige wenige Szenen (vor allem Nahaufnahmen von Gewaltszenen) sind etwas überspitzt und comichaft dargestellt-was aber legitim ist, da es ersten eine Comicverfilmung ist und zweitens dies der vermutlich einzige Weg war um den Film in dieser Härte zu bringen. Gerade mit dieser Thematik und dem ordentlichen Gewaltpegel (der Bodycount dürfte bei deutlich über 50 liegen), grenzt es fast an ein Wunder, dass der Film in Deutschland durch die FSK kam.

Überhaupt gibt es wenig auszusetzen: Das Grundgerüst des Films ist zum Glück NICHT die Beziehung zwischen Dredd und der Rekrutin oder tolle Reden um Gerechtigkeit oder Moral (das würde alles hier nicht passen), sondern es ist das selbe wie bei  Game of Death und ich sehe es immer wieder gerne: Ein Held muss sich wie in alten Computerspielen von unten nach oben in einem Gebäude durchkämpfen, wobei die Schwierigkeit dabei zunimmt (Pagodenprinzip). Das Prinzip ist simpel, minimalistisch und immer wieder unterhaltsam (jedenfalls bei Actionfilmen wie diesem). Auch etliche klassische Eastern nutzen dieses einfache, aber höchst unterhaltsame Konzept erfolgreich.

So habe ich mich nie gelangweilt; Action und Härte bleiben den ganzen Film über auf einem hohen Niveau. Das Ende ist nicht überraschend, auch nicht tiefgründig und dennoch befriedigend.
Auch lebt der Film irgendwo von seiner Gradlinigkeit und geringen Kompromissbereitschaft.
Der Held ist im Prinzip nur ein namenloser Typus (ganz ähnlich wie bei eine Hand voll Dollar oder dem Original Yojimbo), der hier allerdings recht uneigennützig agiert (Erfüllung des Auftrages und eigenes Leben retten). Das Thema des Films "Vollstreckung bzw Richten und Ausschalten des Bösen" wird perfekt umgesetzt (teilweise habe ich das Flair von für mich genialen Werken wie Running Man dabei geatmet).
Man hat auch wohl daran getan Dredd eher stereotyp und nicht zu individuliatisch darzustellen (auch schön daran sichtbar, dass er den Helm fast immer auf hat und somit gleichsam gesichtlos ist).  Mit einem Stallone oder Schwarzenegger hätte sich Karl Urban alias Dredd nicht im Vergleich messen können ohne zu verlieren. Bei der Darstellung hier entfällt dieser Vergleich; wer unter dem Helm steckt ist letztendlich bedeutungslos. Von Bedeutung ist nur, dass der Judge gewinnt und die Ordnung des System durchsetzen kann. Der einzelne Judge ist ersetzbar (das wird im Film auch deutlich und es wird auch erzählt, dass die Verlustrate bei den Judges sehr hoch ist).
Trotzdem der Austauschbarkeit des Judges fiebert man mit ihm mit, da er im Gegensatz zu anderen immerhin noch Loyalität kennt und er versucht das Böse auszuschalten. Angesichts der Taten von Ma-ma erscheint das harte Durchgreifen des Judges auch als gerechtfertigt (man lässt es durch die größeren Untaten der anderen Seite wie gerechtfertigt aussehen-ein toller psychologischer Trick) und man ist allein schon deshalb auf seiner Seite, damit eben ein Sadist wie Ma-ma samt ihrer Verbrechen gestoppt wird.

Unterm Strich haben wir also einen gut gespielten Actionfilm,der 80er Flair atmet und dabei aber vieles negatives durch positives zu ersetzen vermag  (z.B. die manchmal zu großen Eindimensionalität oder die Optik. Letztere wurde angenehm angepasst. Gutes wie das Waffendesign wurde weitestgehend behalten, die Anzüge der Judges aber seriöser und weniger bunt und grell wie in der Stallone-Verfilmung gestaltet) und dem es gelingt den Balanceakt zwischen Anpassung an den Zeitgeist und Härte und Kompromisslosigkeit der Vorlage zu meistern. Dazu kommt noch, dass der Film sich erfolgreich müht ihn etwas Endzeitluft atmen zu lassen.
Dies alles ergibt eine wirklich tolle Mischung und ich vergebe gute 8 Punkte für dieses Kleinod. Ich kann nur hoffen, dass mehr die wie ich  Vorurteile gegen den Film hatten ihm eine Chance geben -er hat es wirklich verdient.

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