Review

Regisseur und Co-Autor Barry Levinson wollte einmal etwas Neues ausprobieren, wie er selbst erläuterte - ein Fakt, der innerhalb seines eigenen umfangreichen Werkes korrekt sein mag, aber sein "Found footage"-Film "The bay", der sich aus mehr oder weniger professionell zusammen gesetzten Filmen und Tonaufnahmen zusammensetzt, ist im aktuellen Kinogeschehen eher ein alter Hut. Auch die Idee, Umweltverschmutzung und deren Vertuschung als Basis für einen Horror-Film zu wählen, ist nicht neu und wurde schon mehrfach für Schreckensszenarien genutzt. Trotzdem verfügt "The bay" über eine eigenständige Umsetzung und schlüssige Basis, die den Film über den Durchschnitt der häufig unlogisch inszenierten Filme des "Found footage"-Genres heben, die die darin verankerten Schwächen aber nicht vollständig überwinden können.

Die Ausgangslage des Film ist intelligent gewählt, denn anders als in den meisten Genre-Beiträgen basieren die Informationen nicht auf den Aufnahmen einer, meist später gefundenen Videokamera, sondern auf einer Vielzahl an Bild- und Tonaufzeichnungen, womit Levinson geschickt die inzwischen verbreitete Angewohnheit, über Facebook oder andere Netzwerke jedes persönliche Erlebnis zu veröffentlichen, mit einbezieht. Zudem ist der Film als Bericht aus der Sicht der Journalistin Donna Thompson (Kether Donohue) gestaltet, die am 04.Juli 2009, begleitet von einem professionellen Kameramann, von den traditionellen Feierlichkeiten zum amerikanischen Unabhängigkeitstag an dem idyllisch gelegenen Küstenort Claridge berichten wollte. Diese Aufnahmen bilden die Basis ihres Berichts, die sie mit den gefundenen von ihr zusätzlich kommentierten Amateur-Filmchen kombiniert.

Dass sie sich erst Monate nach den schrecklichen Ereignissen an die Öffentlichkeit wagt, weil der Staat dafür gesorgt hatte, dass nichts davon bekannt wurde, erfüllt die typischen Verschwörungs - Theorien, begründet aber schlüssig ihre Motivation und die umfassende Dokumentation der damaligen Vorkommnisse, die Levinson in knackigen 75 Minuten vor dem Betrachter ausbreitet. Doch diese logische Gestaltung birgt auch eine entscheidende Schwäche. Während die meist aus der Sicht einer Kamera gedrehten "Found footage" -Filme - wobei es kaum einem Film nach "Blair witch project" gelang, schlüssig zu erklären, warum trotz größter Lebensgefahr immer noch Jemand auf den Kameraauslöser drückte - über eine stetig steigende Spannungskurve verfügen, ist Levinson gezwungen, seine Filmschnipsel möglichst so zusammen zu fügen, dass sie eine erzählerische Einheit bilden.

Besonders im ersten Drittel benötigt der Film einige Zeit, um in Schwung zu kommen. Während Kommentatorin Donna in den TV-Aufzeichnungen das typische Treiben eines Volksfests zeigt, werden die Aufnahmen zweier Forscher mehrfach dazwischen geschaltet, deren Entdeckungen schon auf die kommende Katastrophe hinweisen. Auch wenn man unterstellen will, dass Donna Thompson die Filme selbst so stark zerstückelte, um ihrer Botschaft mit der daraus gefertigten Collage mehr Wirkung zu verleihen, wird darin vor allem Levinsons Versuch deutlich, eine Identifikation mit den Beteiligten zu erzielen. Mit Kristen Conolly als Stephanie, die mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn auf einem Schiff in der Bucht unterwegs ist, bis sie am Abend nach Claridge kommen, wurde eine bekanntere Darstellerin besetzt, deren Erlebnisse wie ein roter Faden mit den vielen kurzen Filmen, wissenschaftlichen Erläuterungen oder Telefonaten verwoben wurde. Doch auch diese Maßnahme kann nicht verhindern, dass nur wenige Personen innerhalb dieser Wackel-Filmschnippsel-Sammlung in Erinnerung bleiben – das Bewusstsein der Gefahr für den Einzelnen kann Levinson damit steigern, nicht aber eine Identifikation.

Trotz einiger gelungener Schockeffekte und wenige für eine 16er Freigabe plakative Darstellungen, behält „The bay“ einen zu großen Abstand zu seinem schockierenden Inhalt, um ein unmittelbares Miterleben des Betrachters zu ermöglichen, weshalb der Film die Erwartungen an einen typischen Horror-Film nicht erfüllt. Dass ist auch Levinsons logischer Intention zu verdanken, die Bedrohung kaum einmal bis zur letzten Konsequenz zu zeigen, da sie von fast Niemandem im Bild festgehalten wurde. So behält der Betrachter auch bei den dramatischen Szenen zu den zwei in ein Haus eindringenden Polizisten immer einen gewissen Abstand und kann die tatsächlichen Ereignisse nur in seinem Kopf zusammensetzen. „The bay“ ist klug inszeniert und beschäftigt sich mit einer in der Realität möglichen Situation. Er gibt einen umfassenden Einblick in die "wahren" Geschehnisse, bleibt aber insgesamt zu abstrakt, um ernsthaft fesseln zu können (6,5/10).

Details
Ähnliche Filme