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Nicht nur hierzulande wird versucht amerikanische Erfolgsformate nachzuahmen, sondern auch im fernen Osten wird dies versucht. So muss man sich bei uns bezüglich David Finchers Sieben mit mehr oder weniger innovativen Beiträgen wie Tattoo oder Antikörper begnügen, während die taiwanesische Variante Double Vision heißt. Erstaunlicherweise beweißt der Film dabei aber einiges mehr an Eigenständigkeit und Innovationen als unsere einheimischen Produkte. Aus Double Vision hätte noch ein ganz Großer des Genres werden können, wenn man es gegen Ende nicht doch noch verbockt hätte. Denn der überraschende Clou a'la Sieben oder Saw bleibt hier aus.

Eine bizarre Mordserie erschüttert Taipeh. Ein Mann erfriert im Hochsommer. Eine Frau verbrennt, doch in ihrer Wohnung ist keine Spur eines Feuers zu finden. Ein Priester wird ausgeweidet. Ausgerechnet der abgewrackte Cop Huang Huo-to (Tony Leung) soll den mysteriösen Killer aufspüren. Sein Familienleben liegt in Trümmern, die Kollegen verachten ihn. Also lassen seine Vorgesetzten den FBI-Profiler Kevin Richter (David Morse) zur Unterstützung einfliegen.

Tony Leung (Hexenkessel Saigon) macht seinen Job als desillusionierter Polizist recht ordentlich und kann seiner Figur auch eine gewisse Charaktertiefe verleihen. Amerikanische Schützenhilfe kommt hier in der Form von David Morse (16 Blocks), der eine ebenso tolle Leistung abliefert, wofür er als erster Amerikaner für den taiwanesischen Oscar nominiert wurde.

In groben Zügen hört sich Double Vision bekannt an: ein ungleiches Ermittler-Duo auf Serienkiller-Jagd inklusive eigenartiger Mordarten! Mit dieser Formel wurde schon Sieben zum Erfolg. Das eigentlich Interessante bei der Taiwan-Version sind allerdings die Art und Weise, wie die Opfer getötet wurden. Während man sich in Finchers Werk mit den sieben Todsünden begnügte, so scheinen die lokalen Morde anfangs fernab jeglicher Realität zu sein, und man rechnet bereits übermenschliche Dämonen oder Medien in die Täterliste mit ein. Desto weiter der Film jedoch schreitet, desto mehr verschwinden diese mystischen Einbezüge und am Schluss bekommt man einen menschlichen Killer serviert. Zwar wäre dieser gerne übermenschlich, doch das Gegenteil ist hier der Fall. Und die Aufdeckung seiner Identität kommt auch nicht allzu überraschend daher. Denn sobald man ihn nach dem Tempel-Massaker gefunden hat, ist klar, wer der lokale Übeltäter ist. Und dessen Motive zur Erlangung der Unsterblichkeit sind nicht nur realitätsfern, sondern versauen einem auch das komplette Finale. Nachdem Regisseur Kuo-fu Chen (Heiratskandidaten) beim Tempel-Massaker mal so richtig die Sau raus lassen kann, scheint ihn die nachrückende Handlung nicht mehr sonderlich zu interessieren und stößt den Zuschauer mit einer lächerlichen Alibi-Auflösung vor den Kopf. Vor dem besagten Massaker gestaltet sich Double Vision noch sehr vielversprechend und hält noch eine Unzahl an Möglichkeiten offen, da die Bullen trotz Hilfe des Ami-Ermittlers nicht so recht schlau aus dem Fall werden. Da muss erst ein Experte für Irgendwas her, um ihnen die Motive zu verklickern. Hat man sich diese Motive eingetrichtert, so findet man auch rasch die Brutstätte des Unheils vor. Vorher tut man sich mit den Ermittlungen sichtlich schwer, was durch das Privatleben der Hauptfigur nicht wesentlich leichter gemacht wird. Denn aufgrund privater Probleme hat Huo-to bei seiner finalen Konfrontation mit dem Killer mit seinen eigenen Dämonen zu ringen, da besagter Mörder seinen Opfern gerne Dinge vorgaukelt, die sie ins Jenseits befördern. Natürlich schafft es unser Hero dann doch mittels bleihaltiger Druckmittel dem Spuck ein Ende zu machen, auch wenn es ihn beinahe das Leben gekostet hätte. Doch dank eines kitschigen Happy-Ends mit Töchterlein kommt es dazu nicht. Wo es Double Vision bezüglich des Showdowns und der Täteraufklärung eindeutig verhauen hat, so findet er seine Stärken jedoch in den visuellen Schauwerten und einer fesselnden Prä-Massaker-Storyline. Hier stimmt in Sachen Optik, Locations und visuellen Spielereien fast alles. Auch akustisch erlaubt man sich hier kaum Fehler. Selbstverständlich wird dann noch einiges durch die beiden toll agierenden Hauptdarsteller enorm aufgewertet. Allein die Teilnahme von David Morse veredelt den Streifen noch zusätzlich. So hat auch der Nicht-Taiwanese seine Identifikationsfigur. Ein bisschen Action darf selbstverständlich nicht fehlen. Diesbezüglich lässt man überwiegend die Bleipuste sprechen, während beim Action-Highlight, dem Tempel-Massker, auch einschneidente Argumente zum Einsatz kommen, was für viel (vor allem in der Uncut-Fassung; siehe dazu schnittberichte.com) Blutvergießen und abgetrennte Körperteile sorgt. Zusammen mit der vorherigen Handlung, der Optik und zweier großartig agierender Hauptfiguren kann der Film die Mängel nach dem Massker immerhin etwas kaschieren.

Man muss zwar zugeben, dass Double Vision keine Genre-Offenbarung wie Sieben und Saw ist, und auch die Auflösung sowie der Killer selbst lächerlich sind, doch im Großen und Ganzen bekommt man einen unterhaltsamen Serialkiller-Thriller mit Mystery-Touch geboten, den man hierzulande auch gerne in der ungeschnittenen Fassungen genoßen hätte. Hinter unseren Genre-Produkten braucht er sich keinesfalls zu verstecken. Eher umgekehrt.

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