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Wenigfilmerin Jennifer Chambers Lynch – von Beruf her Tochter des Virtuosen David Lynch und bekannt für ein paar wenige namhafte Schmankerl wie BOXING HELENA und UNTER KONTROLLE – hat wieder zugeschlagen. Ihr neuestes Werk CHAINED ist eine beklemmende Mischung aus Torture Porn und Entführungsdrama. Im Zentrum des Geschehens stehen Kidnapper und Frauenmörder Bob (Vincent D’Onofrio) und Teenager Rabbit. Rabbit wurde mitsamt seiner Mutter (Julia Ormond) von Bob in dessen abgelegenes Farmhaus entführt. Seine Mum überlebte die Begegnung nicht. Rabbit fristet ab diesem Zeitpunkt wie ein Hund an die Kette gelegt sein Leben in der Gewalt des Entführers. Im Lauf der Jahre, die Rabbit in Bobs Domizil verbringt, wird er dazu erzogen den Haushalt zu schmeißen, avanciert von der Geisel zum Schützling und beginnt nach und nach in die Fußstapfen des Psychopathen zu treten.

CHAINED erinnert an finstere Entführungsdramen wie den österreichischen MICHAEL oder 3096 TAGE, der den Kampusch-Fall behandelt. Rabbits Entführung, die im Film eine Zeitspanne von an die 10 Jahren umfasst, beinhaltet die typischen Merkmale wie Hilflosigkeit, kraftloses Aufbäumen und das Stockholm-Syndrom, so dass am Ende eine krankhafte und gestörte Vater-Sohn-ähnliche Beziehung entsteht. Vermengt wird dies mit ein bisschen Gore und Blut, allerdings nicht zu viel, so dass den ganzen Film ein nahtlos düsterer Grundton einhüllt.
In den Hauptrollen begeistern Vincent D’Onofrio (Sgt. Paula in FULL METAL JACKET, das Edgar-Alien in MAN IN BLACK), der Kerl, der im Grunde jeden Film zu einem Erlebnis macht, und Jungschauspieler Eanmon Farren, ein zaundürres Klappergestell, ein Size-Zero-Magermodel mit kantigen Wangen und spitzen Schulterblättern, der seine Opferrolle stimmig verkörpert und optisch sogar Christian Bale in THE MACHINIST Konkurrenz macht. Julia Ormond (FRÄULEIN SMILLAS GESPÜR FÜR SCHNEE, DER ERSTE RITTER) übersieht man in ihrer kleinen Rolle auf den ersten Blick beinahe.

CHAINED packt ordentlich bei den Eiern, sorgt für miese Stimmung und entführt uns in die Abgründe der menschlichen Seele auf. Auf der anderen Seite aber zeigt er uns auf, dass auch in einem Kidnapper Führsorge und erzieherische Qualitäten schlummern. Eine These, die gewiss polarisiert.
Was relativ spannend beginnt, ebbt dann leider merklich ab und mündet in einen etwas mittelprächtigen Showdown. Dennoch fühlt man sich an Thriller wie SHUTTLE und HOSTAGE erinnert.

Fazit:
Was bei SPURLOS mit Jeff Bridges im Off passierte. Über angekettete, spindeldürre Teenager und verstörende Zwangsbeziehungen. Beängstigend.

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