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"Das war die letzte Frechheit deines Lebens!"

Bob (Vincent D'Onofrio) ist ein Serienkiller. Regelmäßig entführt er Frauen in seinem Taxi, vergewaltigt und tötet sie in seinem abgelegenen Heim. Eines Tages trifft es auch Sarah Fittler (Julia Ormond), die mit ihrem Sohn (Evan Bird) vom Kino nach Hause gefahren werden wollte. Anstatt den Jungen ebenso zu töten, lässt ihn Bob über Jahre angekettet bei sich wohnen. Er tauft ihn Rabbit und lässt ihn die Hausarbeiten, das Säubern sowie das Entfernen der Leichen erledigen.
Nach Jahren lässt Bob Rabbit (Eamon Farren) Anatomiebücher studieren, damit er Bob's blutigen Taten effizient nacheifern kann. Rabbit ist allerdings nicht daran interessiert Frauen zu ermorden.

Das Intro von "Chained" wirft das Publikum zunächst mitten ins Geschehen. Ein kleiner, angeketteter Junge eilt zur Haustür einer heruntergekommenen Wohnung. Als er sie öffnet, schleift ein bulliger Mann eine Frau herein. Einmal vor der Kamera vorbei, wehrt sich diese. Eine Tür knallt zu. Der Junge sitzt unter einem Tisch, hält sich die Ohren zu und weint.

Der Mischling aus Psychothriller, Horror und Drama geht bei vielen seiner Szenen unter die Haut. Mit einer cleveren Kameraführung und dem zurückhalten von offensichtlicher Gewalt kann die erste Stunde des Films ein intensives Gefühl der grausamen Taten aufbauen. Später sind aber auch aufgeschlitzte Kehlen keine Ausnahme.

Bei den Charakteren ist "Chained" enorm ambivalent. Knappe Rückblenden versuchen den Serienkiller für seine Taten zu rechtfertigen. Leider nicht genug um ein klares Bild seiner Persönlichkeit zu formulieren. Besser funktioniert dies bei dem dargestellten Kammerspiel zwischen Bob und Rabbit. Die Überlegenheiten sind gegensätzlich und ergeben sich aus physischer Gewaltanwendung und moralischer Intelligenz. Die beklemmende Hoffnungslosigkeit gewinnt durch das Ringen der beiden um ihre Standpunkte.

Leider lässt "Chained" viele Fragen offen. Motivationsgründe für so manche Untaten und die Rolle der Polizei bleiben ein Mysterium. Dadurch bilden sich ähnliche Löcher wie durch zwei unsanfte Zeitsprünge.
Das konventionelle Finale enttäuscht und lässt ein noch problematischeres, wenn auch schlüssiges Ende folgen. Nicht immer sind die Gewohnheiten, sich zum Schluss nochmals zu überbieten oder zu überraschen, die besten erzählerischen Kniffe. Hier zerstört es beinahe das sensibel aufgebaute Charakterschema eines Protagonisten.

Vincent D'Onofrio ("Full Metal Jacket", "The 13th Floor - Bist du was du denkst?") hat eine beeindruckende physische Präsenz. Den Zwiespalt seiner gebrochenen Figur stellt der vielfach unterschätzte Schauspieler enorm authentisch dar. Der restliche Cast agiert souverän, ohne Akzente zu setzen.

So intensiv "Chained" in seiner ersten Stunde auch ist; im Endeffekt bricht das Psychokammerspiel in seinem letzten Drittel ziemlich zusammen. Die Figuren agieren interessant, verbleiben aber in ihrer Charakterisierung an der Oberfläche. Erzählerisch bilden sich immer mehr Löcher, echte Höhen finden sich nicht. Die konventionelle Auflösung funktioniert ebensowenig wie der erzwungene Abschluss. Immerhin bekommt man über eine längere Zeit einen unglaublich düsteren Einblick in den Abgrund der menschlichen Seele.

6 / 10

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