Vorab muß ich ausnahmsweise gleich eine Warnung aussprechen: Wer von dem Trailer angelockt einen rasanten Techno-Future-Thriller mit Effekten oder Action a la INCEPTION oder alternativ eine interessante Hedonisten Story wie in AMERICAN PSYCHO o.ä. erwartet sollte sein Interesse noch mal schnell überdenken, es sei den er ist wie ich Cronenberg Komplettist. Die Szenen des Trailers sind fast sämtliche Aktionszenen die extrem gut geschnitten ein Tempo und eine rasante Handlung vortäuschen, die so nicht im Film stattfindet. Diese besteht nämlich zu 95% der Laufzeit aus auf den ersten Blick wirr und zusammenhanglos wirkenden Dialogen zwischen dem Hauptdarsteller und einer Reihe von wechselnden Personen.
David Cronenbergs Filme haben fast immer die Seher polarisiert . Von „Meisterwerk“ bis "Schund“ war schon öfters die Rede und auch jüngst in Cannes wurde COSMOPOLIS so oder ähnlich bezeichnet. Ich kann beide Sichtweisen verstehen, denn die über weite Strecken dem gleichnamigen Buch 1:1 übernommenen pseudo-philosophischen Dialoge spielen sich circa zur Hälfte als „Kammerspiel auf Rädern“ in der Limousine des Hauptdarstellers Robert Parrinson ab. Diese über die Maßen eingesetzte Dialoglastigkeit, die begrenzten studioartigen Räume und die ungewohnten Kameraeinstellungen fordern die Geduld des ungeübten Zuschauers schon nachhaltig.
Die Story (ohne SPOILER!) ist dem Buch von Don DeLillo entnommen und hört sich relativ wirr an, eine stringente Handlung wird der ein oder andere Zuschauer schmerzlich verrmissen und so besteht auch keine Gefahr viel zu verraten: Milliardär und Börsenspekulant Eric Packer (Robert Pattinson) will einen neuen Haarschnitt und ist dazu in seiner Luxuslimousine unterwegs. Die Stadt ist sehr voll, der Präsident und ein Trauerzug um einen toten Musiker sind auch unterwegs, und zudem glauben seine Leibwächter, dass ein Attentat auf den Präsidenten und später auch Packer geplant ist. Im Laufe der Reise ergeben sich eine Reihe von nicht enden wollenden ungewöhnlichen Gesprächen und Begegnungen......
Vieles wirkt jedoch gewollt grotesk und man hat kaum Zeit die vielfältigen Worte, Metaphern und Bilder für sich zu ordnen. Dennoch ist es Cronenberg gelungen, die vom Buchautor Don DeLillo geschaffene pessimistische und zynische Dystopie und Kapitalismuskritik zu in einen sehbaren Film zu packen. DeLillo hat vor ca. 10 Jahren die heute sehr aktuell im Rampenlicht stehenden Perversionsformen des spekulativen Investmentbankings und der Occupy-Gegenbewegung vorweggenommen. Cronenberg setzt dies allerdings wieder in gewohnter Manier sehr unbequem und sperrig um lässt und den Zuschauer mit seinen Interpretationsmöglichkeiten weitgehend allein.
Was im Buch noch funktionierte stößt in COSMOPOLIS allerdings auf seine Grenzen in der Darstellung und Wirkung. Und das hat vornehmlich erst einmal nichts mit der Performance des blass-hübschen Overground-Jung-Vampirs Pattinson zu tun. Er wie auch Juilette Binoche machen ihre Sache angesichts des schwierigen setups noch sehr gut. Doch nicht nur die Kulissen aus dem Auto heraus gesehen wirken seltsam künstlich und distanziert. Sämtliche rare Interaktion mit z.B. den Globalisierungsgegnern wirkt nicht stimmig und inszeniert.
Die sehr spärlich eingesetzte elektronisch-spährische Musik unterstreicht noch die Längen die in den Dialogen auftreten können und vor allem im finalen Schlußdialog wird der Zuschauer noch mal auf das Äußerste in seinem Durchhaltevermögen gefordert. Aufgrund des episodenhaften Charakters im meist eng begrenzten Raum des Autos oder anderen Räumen bleibt nicht viel Identifikationsfläche mit den Figuren übrig, die beim Zuschauer eine emotionale Bindung hätte schaffen können. Aber ohne diese oder adäquate inhaltliche Ankerpunkte oder übergeordnete Themen die den Zuschauer fesseln hat es ein Film sehr schwer. So auch COSMOPOLIS. Für mich als Cronenberg-Komplettist schafft er es nach dem zuletzt auch überwiegend enttäuschenden EINE DUNKLE BEGIERDE erneut nicht eine vorbehaltlos anzuerkennende Leistung abzuliefern.
6/10 Urologen….äh,….Punkten