Review

Bereits in Bob Fosses "Cabaret" (1972) besangen Liza Minnelli und Joel Grey mit "Money makes the world go round" die unwiderstehliche Macht des Geldes. Dieser Ausspruch umreißt ganz treffend die Quintessenz von Andrew Dominiks ("Chopper") dritter Regiearbeit "Killing Them Softly", mit welcher er Hollywood-Beau Brad Pitt und Mafia-Schwergewicht James Gandolfini auf einen durchwachsenen Ausflug ins Gangster-Genre schickt.

Alle Anzeichen deuten auf den perfekten Coup, als die beiden Kriminellen Russel (Ben Mendelsohn) und Frankie (Scoot McNairy) eine von der Mafia protegierte Pokerrunde ausrauben. Der Verdacht fällt zunächst wie geplant auf den Organisator der Partie – Markie Trattman (Ray Liotta), welcher vor Jahren schon einmal seine eigene Pokerrunde überfallen ließ. Doch der vom Syndikat engagierte Auftragskiller Jackie Cogan (Brad Pitt) kann derlei Thesen nichts abgewinnen und findet schnell die wahren Verantwortlichen.

Es sei vorangestellt, dass "Killing Them Softly" ein wahrhaftiger Problemfall ist. Der Film vereint auf den ersten Blick alle nur erdenklichen Ingredienzien, um die Gunst des Betrachters zu gewinnen. Insbesondere Zuschauer mit einem Faible für das Gangster-Genre dürften in Bezug auf Prämisse, Schauspieler und Setting leuchtende Augen bekommen. Doch das immense Potential wird leider zu keinem Zeitpunkt voll ausgeschöpft. Es schimmert höchstens in wenigen lichten Momenten durch wie die Sonne an einem wolkenverhangenen Tag.

Dramaturgisch recht wackelig wandelt "Killing Them Softly" dabei auf den Spuren großer Vorbilder. Dominik spickt seine Geschichte – basierend auf George V. Higgins Romanvorlage "Cogan's Trade" – mit personellen und inhaltlichen Gangsterfilm-Referenzen.
Ein Name, der sich diesbezüglich rasch vor den Augen der Zuschauer materialisiert, dürfte Martin Scorsese sein. Hätte Henry Hills (Ray Liotta) Schicksal in "GoodFellas" final eine andere Wendung genommen, könnte die Rolle des Sündenbocks Markie Trattman glatt als konsequente inhaltliche Weitererzählung erstgenannter Figur gelten. Auch die recht expliziten Gewaltspitzen, welche aus der sonst eher gemächlich erzählten Geschichte herausstechen, wecken Assoziationen zu "GoodFellas". In erster Linie kommt dem Betrachter dabei Joe Pescis unberechenbarer Charakter Tommy DeVito – wer malträtiert schon einen Typen derart mit einem Kuli? – in den Sinn. Dominik spielt an derlei Stellen auf interessante Weise mit dem kulturellen Wissen seiner Zuschauer, die "Killing Them Softly" damit sofort diegetisch verorten können. Aus dem gleichen Grund besetzt Dominik die beiden Soprano-Darsteller James Gandolfini (Anthony Soprano) und Vincent Curatola (Johnny 'Sack' Sacrimoni), welche ebenfalls gewisse Genre-Assoziationen in die Geschichte einfließen lassen.

Die bewusst forcierte positive Wirkung solcher Besetzungsstrategien führt hier leider schnell zum gegenteiligen Effekt. Selbstverständlich bereitet Gandolfinis Rolle als abgebrannter Auftragskiller Mickey – jedem Soprano-Anhänger – große Freude. Insbesondere sein Zwiegespräch mit der trödeligen Restaurantbedienung erinnert bezüglich Gestik, Mimik und Sprachduktus angenehm an das New Jerseyer Mafia-Oberhaupt. Doch durch das Ziehen derartiger Parallelen sieht "Killing Them Softly" schnell keine Sonne mehr. Denn unweigerlich drängt sich der Vergleich mit einem ähnlich gelagerten Erzählstrang innerhalb des Soprano-Kosmos auf. Um sein Ansehen zu steigern, beschließt dort der junge Jackie Aprile Jr. (Jason Cerbone) die Pokerrunde seines Stiefvaters – made man Ralph Cifaretto (Joe Pantoliano) – zu überfallen. Die Serie präsentiert damit eine nahezu identische heist-gone-wrong-Konstellation, die jedoch im Gegensatz zu "Killing Them Softly" ungleich packender – und vor allem absolut auf den Punkt hin – inszeniert ist. Hier läuft das Fernsehen dem Kino mühelos den Rang ab. Eine Leistung, die zu pre-HBO-Zeiten wohl kaum jemand für möglich gehalten hätte.

Andrew Dominik, der bereits den recht behäbigen "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford" schrieb und inszenierte, zeichnet sich auch bei "Killing Them Softly" für Regie und Drehbuch verantwortlich. Letzteres zeichnet sich dabei als die größte Schwachstelle ab, denn es nimmt sowohl seine Figuren als auch den Zuschauer offensichtlich nicht richtig ernst. Dabei mangelt es dem Film vor allem an einer inhärenten Logik. Durch Unkenntnis der Vorlage kann an dieser Stelle nicht beurteilt werden, ob das dem Roman zugeschrieben werden muss. Jedoch funktioniert das Script als Basis filmischen Erzählens eher schlecht als recht.

Das größte Fragezeichen wirft in diesem Zusammenhang der Subplot um den abgehalfterten Auftragskiller Mickey auf, welcher angeheftet und wenig organisch wirkt. Wieso drängt Jackie Cogan so vehement darauf, Mickey ins Spiel zu bringen? Cogans vorgebrachter Einwand – eine der Zielpersonen kenne ihn – wirkt spätestens im Finale irgendwie fadenscheinig und irrelevant. Denn augenscheinlich gelingt es ihm nach Mickeys Ausfall problemlos, alle Beteiligten im Alleingang zur Rechenschaft zu ziehen. Kein Argument, das Cogan als Begründung äußert, lässt die Einführung des Charakters irgendwie plausibel erscheinen. Der komplette Subplot trägt schlussendlich nichts sinnvolles zur Geschichte bei und verheizt Mickeys spannenden Charakter schlichtweg. Zudem ärgerlich, dass der Handlungsbogen – so unnötig er auch sein mag – nicht einmal konsequent zu Ende erzählt wird. Gandolfinis Figur fällt auf halber Strecke durch den narrativen Rost und ward – bis auf eine kurze Anmerkung seitens Pitt – nie wieder gesehen. Bedauernswert, jedoch kein Einzelfall. Auch Russels Schicksal wirkt im Kontext als hätte Dominik nicht mehr gewusst, was er mit dessen Charakter anfangen soll. Alles in allem höchst unbefriedigend und von wenig Raffinesse geprägt.

Ein weiteres Beispiel für den Mangel an inhärenter Logik stellt der Protagonist Jackie Cogan dar. Seine Offenheit bezüglich seiner Profession ("You ever killed anyone? It can get touchy-feely. Emotional. Not fun. Lot of fuss. They cry, they plead, they beg, they piss themselves, they cry for their mothers. It gets embarrassing. I like to kill 'em softly. From a distance. Not close enough for feelings. Don't like feelings. Don't wanna think about 'em.") hebt ihn einerseits angenehm vom gängigen Klischee des stone-cold-killers ab und untermauert andererseits Dominiks Grundtenor, dass alle getroffenen Entscheidungen – inklusive Mord – hier eine rein wirtschaftliche Dimension besitzen und nichts Persönliches mit sich bringen. So weit, so gut. Diametral zu Cogans Aussagen steht hingegen sein eigenes Verhalten. Weshalb nutzt jemand, dem der Drehbuchautor Aussagen wie "I like to kill'em softly" in den Mund gelegt hat, eine Mossberg 500 "Cruiser"? Weshalb benötigt ein Profikiller mehr als fünf Schuss für eine zwei Meter entfernte Zielperson und lässt dadurch das ganze wie eine Exekution wirken? Weshalb wählt er keine Örtlichkeiten, die es ihm erlauben, seine verschossenen Patronenhülsen einzusammeln? Und weshalb ist das Ende für jeden so absolut vorhersehbar, nur nicht für Frankie? Für sich genommen wirken die Fragen sicherlich kleinkariert, doch im Kontext lassen sie Cogans Charakterzeichnung äußerst unausgegoren erscheinen.

Visuell hingegen kommt "Killing Them Softly" solide – wenn auch auffallend heterogen – daher. Der dominierend puristische Stil wechselt unvermittelt zu einem ästhetischen Overkill, der des Öfteren eigentümliche Assoziationen mit Pete Travis "Dredd" (2012) weckt. So erinnern beispielsweise Russels Drogentrip und der Mord an Trattman – in Bezug auf die Slow-Motion-Aufnahmen und die Schüsse durch die Wange – verblüffend an Anthony Dod Mantles "Dredd"-Visualisierungen. Im Vergleich zum restlichen Film wirken derlei Szenen wie ein stilistischer Fremdkörper, sind jedoch nichtsdestotrotz ästhetisch ansprechend umgesetzt.

Trotz seiner recht moderaten Laufzeit von knapp 100 Minuten wirkt "Killing Them Softly" durch viele substanzlose Passagen recht langatmig, sodass der Zuschauer in aller Seelenruhe damit beginnen kann, den Film bezüglich obiger Aspekte zu hinterfragen. Was bleibt sind oftmals belanglose Dialoge, ein zu selten geforderter Cast und ein penetranter Subtext, der subtil via Vorschlaghammer daherkommt. Schlussendlich ist all die Kritik zugegebenermaßen ein wenig unfair, existieren doch zweifelsohne unstimmigere Filme. Nur kaschieren diese ihre Schwachstellen oftmals deutlich besser, indem sie ihr Publikum unterhalten.

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