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S1m0ne, das ist die Geschichte des Regisseurs Viktor Taransky (Al Pacino), dem in einer Zeit des Misserfolgs ein Geschenk in die Hände gelegt wird: eine vollständig aus dem Computer stammende Schauspielerin, die seinen Film zum Erfolg werden lässt und schon bald die ganze Welt fasziniert. Doch diese Welt weiß nicht, dass Simone eigentlich gar nicht existiert...

Was will uns dieser Film sagen?

Es gibt diverse Themen, die mit diesem Skript angesprochen werden können – und gleich mal allesamt angesprochen werden. Ein vielversprechender Beginn lässt in Hinblick auf die Grundidee bissige Hollywoodsatire vermuten, wenn die (herrlich selbstironische) Winona Ryder einen verwöhnten Hollywoodstar mimt, der seinem bodenständigen, altmodischen und immer dem Ideal des alten Hollywood hinterherlaufenden Regisseur (Pacino) den Laufpass gibt, nur weil ihr Trailer nicht der größte auf dem Set ist. Aus der Inhaltsangabe des Films wissen wir zu dem Zeitpunkt bereits, dass die aus dem Computer stammende, unkomplizierte Simone im weiteren Filmverlauf Erfolg haben wird. Catherine Keener („8 MM“, „Being John Malkovich“, spielt hier Taranskys Ex-Frau und seine Chefin) versorgt den Zuschauer mit weiteren Informationen ähnlicher Art: ein Schauspieler will in jedem Raum sieben Packungen Zigaretten auffinden (drei davon geöffnet), ein anderer will, dass sein Kindermädchen stets in erster Klasse mitfliegt – und das, obwohl es gar keine Kinder zu versorgen gibt. Es folgt ein Gespräch zwischen Keener und Pacino darüber, was einen Film ausmacht: die Kunst oder das Business. Ja, man freut sich auf eine exzellente Hollywoodsatire, die veranschaulicht, dass die Relationen nicht mehr stimmen und das Filmgeschäft zum reinen Kommerz verkommen ist, nur weil jeder seinen eigenen Vorteil sieht und soweit ausreizt, dass es zur Farce wird. Dass eine Computersimulation den Job besser machen könnte, hätte als Hohn ausgedrückt werden können, als Hohn gegen die gängigen Hollywoodmechanismen.

Aber wenn man so weit vorausplant, hat man sich zu früh gefreut. Schon bald schlägt der Film eine andere Richtung ein, und dann wieder eine andere. Der Hollywoodsatire folgt die Identitätsfindung der eigenen Persönlichkeit, die Kritik am Justizsystem, die Blindheit der Masse, die kritische Hinterfragung der Entwicklung im CGI-Bereich, der Wert der Ehe, die Sensationsgeilheit der Medien. Dies alles sind Themen, die jeweils eigene Filme verdient hätten und je nach Umsetzung durchaus begeistern könnten. Hier werden sie alle zusammen in einen knapp zweistündigen Film gepresst, miteinander verwürfelt und das logischerweise in derart kleinen Dosierungen, dass jedes einzelne Thema zu kurz kommt. Und da manchmal nicht nur viele Köche, sondern auch viele Zutaten den Brei verderben können, ist das Endprodukt „S1m0ne“ weder vielseitig, noch interdisziplinär, sondern einfach unausgegoren.

Diese Unausgegorenheit ist zu allem Überfluss nicht nur auf die Thematik beschränkt, sondern verteilt sich auch in alle anderen Bereiche hinein, gerade was die Inszenierung anbelangt. Von Anfang an gibt sich „S1m0ne“ als Film in Hochglanzoptik. Farbfilter werden benutzt, was gerade bei den Computerszenen deutlich wird. Immer, wenn es um das Digitale geht, werden in der Tradition der Matrix-Trilogie grüne Farbfilter benutzt, die an die fluoreszierenden Bildschirme alter Computer erinnern sollen und damit einen direkten Zusammenhang zur Digitalität herstellen. Das gilt erstmals bei der Übergabe der digitalen Schauspielerin Simone von ihrem Erfinder an den erfolglosen Regisseur Taransky. Dann erfolgt es kurz nach der Premiere des ersten Films mit Simone, als Taransky in der Toilette vor dem Spiegel steht und Selbstgespräche führt (ein Bild auf die Kommunikation mit einem leblosen, aber lebhaft wirkenden Gegenstand als Kommunikationspartner; hier das Spiegelbild, da der Computer). Ganz extrem sticht das Grün jedoch in dem abgeschlossenen Raum hervor, in dem Taransky seine Star-Blondine zum Leben erweckt, sowie in der Schlussszene des zweiten Films, in der Simone langsam das Regiment übernimmt und die Zuschauer von sich abhängig macht.

Ständig erhascht man Einwürfe und Anspielungen (Das „Big Brother is watching you“-Auge in der Übergabe-Szene kurz vor dem Szenenwechsel ganz weit im Hintergrund), die auf den einen oder anderen Aspekt der oben genannten Themen anspielt, die aber nie in ein Gesamtbild einläuten können. Entweder wird die Computertechnologie angesprochen, oder Hollywood wird satirisch behandelt. Aber stets geschieht das autark, die Zutaten vermögen es nicht, sich zu vermischen. Das irritiert ungemein, weil man als Zuschauer nie weiß, worauf man sich nun konzentrieren soll. Es fehlt einfach der rote Faden, der einem sagt, wo's langgeht und was denn nun eigentlich ausgesagt werden soll. Dass überhaupt etwas ausgesagt werden soll, ist jedoch stets deutlich. Das zeigt schon die reine Inhaltsangabe des Films.

Noch verwirrender wird es dann, wenn Regisseur, Produzent und Drehbuchautor Andrew Niccol plötzlich in kindliche Sonntagnachmittagsinszenierungen zurückfällt, die ja normalerweise einfach nur eine simple (oft romantische) Geschichte erzählen wollen, so ganz ohne Hintergedanken, was ja hier nicht der Fall ist. Da wäre etwa Pacinos Vortäuschen der fleischlichen Existenz von Simone zu erwähnen, wenn er sie erstens à la „Kevin allein zu Haus“ mit einer Barbiepuppe vor einem Lichtkegel als Schattenfigur imitiert und zweitens eine Schaufensterpuppe an das Autosteuer setzt und auf dem Beifahrersitz geduckt das Auto selbst steuert. Solche Szenen würde man in irgendwelchen platten Komödien ohne Botschaft erwarten, nicht jedoch in einer Mediensatire.

Überhaupt hat der Plot schon in seiner Grundkonstellation mit erheblichen Simplifizierungen zu kämpfen, die zur krassen Logikfehlern führen. Da wäre etwa die Frage, wie zum Teufel ein mäßig talentierter Regisseur ganz alleine, ohne jegliche Hilfe eine Schauspielerin aus Pixeln zum Leben rufen kann, sie in seine Filme integriert, sie sogar in einem ausverkauften Stadion singen lässt. Als man ihm beinahe auf die Schliche kommt, wünscht man sich beinahe ein Geständnis, so dass er mit einigen Helfern von nun an der Aufgabe besser gewachsen ist. Aber nein, der gute Taransky verarscht die ganze Welt ganz alleine.
Ebenso unlogisch ist das Ende, bei dem die Polizei, ach was, eigentlich die ganze Welt wie Ochs am Berg dasteht, während ein kleines Mädchen als einzige die Lage kapiert. Da verdreht man da auch mal die Augen und flüstert: „uiiiiiiiiiii!“.
Gar nicht reden wollen wir von der scheinbaren Motion-Capture-Technik, die Simone zum Leben erweckt: Pacino sitzt vor dem Computer und bewegt sich so, wie sich Simone bewegen soll. Wenn er die Hand hebt, hebt sie ihre auch. Wenn er weint, tut sie es auch. Aber nur, wenn es das Skript erfordert. Ansonsten darf Pacino bei einer Computerpanne auch mal hektisch aufspringen, während sein CGI-Pendant weiterhin mit einem schmelzenden Lächeln sitzenbleibt. Ganz lustig: auf der Tastatur gibt's sogar extra Tasten für Tränenausbrüche und sonstige Körperfunktionen.
Damit verbunden gibt es übrigens sogar einige komische Szenen, die das eigentlich halbmelancholische Szenario durchbrechen. Als der Regisseur seine Kreation beim Publikum unbeliebt machen will und ihm politisch unkorrekte Statements in den Mund legt, liegt man möglicherweise vor Lachen am Boden. Nur passt das nicht so ganz in das Gesamtgeschehen, das hierdurch nun auch atmosphärisch an Struktur verliert.

Was den Cast betrifft, gibt's eigentlich nicht viel zu bemängeln. Pacino reißt sich zwar kein Bein aus, wertet aber jeden Film alleine durch seine Präsenz ungemein auf. Fraglich bleibt, wieso er bei einem Film wie diesem überhaupt mitspielt, wobei er ja überhaupt in letzter Zeit den ein oder anderen merkwürdigen Film mit seiner Anwesenheit bereichert hat. Catherine Keener ist nicht ganz so charmant wie in „Being John Malkovich“, spielt die Ex-Frau von Taransky aber sympathisch wie immer, wenn auch etwas wechselhaft. Jay Mohr ist wie geschaffen für die Thematik, konnte er doch u.a. in „Magnolia“ und der TV-Serie „Action“ den Medienabhängigen spielen; so ist er auch hier wieder der fiese Schleimbeutel, dem alles recht ist für eine gute Rolle.
Die wichtigste Rolle jedoch galt es für den Dreh- und Angelpunkt Simone zu casten, und auch da gab man sich keine Blöße. Man engagierte das im Filmbereich unerfahrene Model Rachel Roberts, das zwar die das Publikum bannende Schönheit auf die Leinwand brachte, gleichzeitig aber auch fehlende Erfahrung im Schauspiel, die sich zu einer leeren Mimik verhärtete, wie man es auch beabsichtigt hatte. Sie spielt lediglich ihre einstudierten, ausdruckslosen Model-Blicke durch, und deswegen ist Simone ihre Computerherkunft, ihr Bestehen aus Nullen und Einsen förmlich vom makellosen Gesicht zu lesen, womit das Ziel auch erreicht wäre. Ob sich Rachel Roberts der Wirkung ihres Actings überhaupt bewusst war, wollen wir mal dahingestellt lassen; Hauptsache, es funktioniert. Und das tut es durchaus.

Hilft aber alles nix, denn das Gesamtbild zeigt einen Film, der einfach nicht weiß, was er will. Medienkritik, Demonstration von Familientugendhaftigkeit, Kritik an der fortschreitenden technischen Entwicklung, von allem ist etwas dabei, und was nun die Moral von der Geschicht' ist, will man nicht so ganz sagen können. Dazu gesellt sich noch eine teilweise kindliche Inszenierung, die nun gar nicht zu den Ansprüchen passen, die in der Thematik stecken. Manchmal ist „S1m0ne“ eine platte Komödie, manchmal Melancholie mit Tiefgang. Trotz eines vielversprechenden Anfangs bleibt Andrew Niccols Zweitling ein undefinierbarer Genremix mit ansehnlichem Cast und einem nicht zu identifizierenden Ziel.

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