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Welcher Regisseur träumt nicht davon? Ein Weltstar ohne Extravaganzen, der brav jeder Entscheidung des Filmschaffenden folgt und für den keine Kosten für einen riesigen Wohnwagen, Garderobe, einen Psychologen, Ernährungsberater oder mit Rosenblüten verzierte Klodeckel anfallen. Unmöglich, sowas gibt's nicht? Stimmt, doch Drehbuchautor Andrew Niccol war es zumindest ein Gedankenspiel wert. Inspiriert von einem der großen Pioniere auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz, Ray Kurzweil, und besonders dessen Präsentation eines synthetischen Alter Egos namens ‚Ramona‘, schrieb und inszenierte Niccol seine S1m0ne.
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Es läuft nicht gut für Regisseur Viktor Taransky: seine letzten drei Werke sind gefloppt, von seiner Ex-Frau, der Produzentin Elaine bekommt er Druck und gerade hat sich die zickige Schauspielerin Nicola rauschend vom Set seines neuesten Films verabschiedet. Da niemand mehr mit Viktor arbeiten will, greift er aus der Not auf ein Programm des verstorbenen Computergenies Hank zurück und erschafft mit dessen ‚Simulation One‘ die künstliche Darstellerin S1m0ne. Sein Film ‚Sunrise Sunset‘ wird zum Hit, S1m0ne zum gefeierten Star. Doch als schließlich die ganze Welt der nicht existierenden Schönheit zu Füßen liegt und sich niemand für Viktor interessiert, will er das Programm mit allen Mitteln los werden. Doch das Phänomen S1m0ne scheint unzerstörbar...
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Niccols Story klingt zunächst nach bestem Stoff für eine ungenierte Satire auf die gängigen Hollywood-Mechanismen und fährt auch sämtliche nötigen Zutaten auf. Sensationsgeile Reporter, eitle Starlets, gewinnversessende Produzenten und eine völlig übersteigerte Massenhysterie. In der Praxis ist S1m0ne dann aber ein Film, der nur schwer verständlich macht, beziehungsweise selbst nicht genau zu wissen scheint, was er eigentlich will, was er sein könnte, oder was er glaubt, sein zu müssen. Unausgewogen schwankend zwischen überspitzt-persiflierenden und dramatischen Momenten ist er wie ein Tennisspieler, der zum krachenden Schmetterschlag ansetzt, den Ball dann aber doch lieber noch einmal in aller Ruhe aufticken lässt und schließlich gemütlich über's Netz bugsiert und manchmal auch darin hängen bleibt.
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Als Satire ist S1m0ne nicht nur zu wenig bissig, sondern schon zahnlos. Einige Pfeile werden zwar auf das Business abgeschossen, gemessen am vorhandenen Potenzial ist das jedoch viel zu wenig. So scheint der Film in manchen Szenen vor sich selbst zurückzuschrecken und will auf keinen Fall zu irgendjemandem zu böse sein. Um schwerpunktmäßig auf ein Drama ausgelegt zu sein gibt sich das Geschehen wiederum zu vielen Banalitäten und Übertreibungen hin. Wenn S1m0ne etwa neben der Schauspielerei auch noch zum Popsternchen wird und ihr Konzert auf das Taj Mahal und Ägyptens Pyramiden projiziert wird, treib es Niccol in die falsche Richtung zu weit. Überhaupt S1m0ne: das makellose Wesen aus dem Computer wird einem unangenehmst penetrant aufgedrängt und angepriesen, ständig sagt, haucht oder kreischt irgendjemand ihren Namen, während aber im Unklaren bleibt, was genau den Hype eigentlich auslöst. Denn ob in den kurzen Filmschnipseln aus Taranskys verkopften Produktionen oder vor dem Mikrofon, diese S1m0ne rechtfertigt keinen Meter der Begeisterung, die sie auslöst. Das Modell Rachel Roberts ist in ihrem Debüt ansehnlich und verfügt über eine gewisse Ausstrahlung (wozu aber auch nachträgliche Effektarbeit ihren Teil leistet), warum aus ihr aber über Nacht ein Jahrhundertereignis wird, das kann Niccol nicht sinnig erklären, sondern es einfach nur jeden sagen, hauchen oder kreischen lassen.
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Das Tempo ist schleppend, Taranskys schräge Zwiegespräche mit S1m0ne ermüdend und die Handlung erzwingt, behauptet zu viel und erzählt zu wenig. Und dennoch entwickelt der Film eine gewisse, sehr eigenartige Wirkung, die er vor allem einem anfangs nicht ganz bei der Sache zu scheinenden, später aber virtuos agierenden Al Pacino verdankt. Wenn er sich von seiner eigenen Kreation überwältigt und erschlagen sieht und seine Selbstsucht hinter dem Kunstgeschöpf entdeckt und es loszuwerden versucht, steigert sich Pacino in einen Rausch aus Verzweiflung, der in seiner Zeichnung als einziger Teil des Films vollkommen aufgeht und überzeugt. Auch wenn er in eine läppisch Auflösung mündet. Tatsächlich reißen die letzten Minuten einiges mit sich, das bis dahin halbwegs funktionierte, so löst sich zum Beispiel die Charakterisierung der wunderbaren Catherine Keener beinahe völlig auf und die platte Hackeraktion von Evan Rachel Wood, die Pacions/Keeners Tocher spielt, wirkt so erzwungen wie so vieles in S1m0ne.
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Für ein wenig Humor, der hier als ‚subtil‘ verstanden sein will, weitestgehend aber einfach nicht da ist, sorgen zwei investigative Journalisten, etwa wenn sich Pruitt Taylor Vince seiner heimlichen Obsession für S1m0ne hingibt und sich in ihrem Hotelbett wälzt. Insgesamt hat Niccol den Level für Lacher aber deutlich zu niedrig angesetzt und oft ergehen sich Szenen, die eigentlich auf eine vorhersehbare, aber gute Pointe zusteuern, dann doch eher in harmlosen Belanglosigkeiten. Der gelungenste Gag ist es wohl, die künstliche S1m0ne Aretha Franklins ‚You make me fee (like a natural woman)‘ intonieren zu lassen. Nicht unbedingt gelungen ist Niccol der massive Einsatz von Farbfiltern, die nicht nur zur Visualisierung von Taranskys Arbeit dienen, sondern den gesamten Film in eine merkwürdig-klinische Farbpalette kleiden.
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Andrew Niccols S1m0ne ist ein zutiefst seltsamer Film, der sich teils sehr in die Länge zieht, von jeder möglichen Richtung sich vielmals für die falsche entscheidet und seinen interessanten Grundgedanken nicht annähernd gescheiht genug aufbaut, um ihn überzeugend verkaufen zu können. Ein Film, der eigentlich kaum unterhält, kein bißchen rührt, zu nichts führt, sondern einfach nur auf seine Weise wirkt. Und so schlussendlich alles oder nichts sein könnte - und in Wahrheit genau dazwischen liegt.

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