Es überrascht nicht wirklich, das Barnabas Collins (Johnny Depp) vor fast 200 Jahren zum Vampir mutierte, auch wenn es dafür der Hexe Angelique Bouchard (Eva Green) bedurfte, die so ihren Ärger über seine Zurückweisung ausdrückte. Schon die Überfahrt von Liverpool an die Gestaden der neu gegründeten USA, der Aufbau des Fischerei - Imperiums durch seinen Vater bis zum Bau der neo - gotischen Villa als Ausdruck des erlangten Reichtums, inszeniert Tim Burton als finstere Vorgeschichte - bis Barnabas für immer in einem Sarg eingesperrt wird.
Doch dann wechselt der Film zu "Nights in white Satin" und die 70er Jahre sind da - mit ihrer Musik, den Langhaarigen, Grasrauchern und Pazifisten. Nur die junge Frau (Bella Heathcote), die aus dem VW-Bulli aussteigt, will mit ihrer Gouvernanten-Kleidung nicht so recht dazu passen, aber dafür ähnelt sie auffallend Josette, die damals sterben musste, weil Barnabas sie statt Angelique liebte. Ihr Ziel ist die alte Collins-Villa, die in den vergangenen zwei Jahrhunderten schwer gelitten hatte, aber einen stilvoll heruntergekommenen Charme besitzt - genau richtig für einen Vampir - Geister - Hexen Plot, vermischt mit den Errungenschaften der Moderne.
Hausherrin ist eine schöne Michelle Pfeiffer, die als Elizabeth Collins - Stoddard, trotz des Niedergangs ihrer Familie, ihre Souveränität nicht verloren hat. Sie stellt Viktoria, wie sich die heimliche Josette-Widergängerin nennt, als Lehrerin für ihren Neffen David (Gulliver McGrath) ein, der zusammen mit seinem Vater und ihrem Bruder Roger Collins (Johnny Lee Miller) ebenfalls in dem Familiensitz lebt. Zudem bereichern noch ihre 15jährige Tochter Carolyn (Chloë Grace Moretz), David's Psychotherapeutin Dr.Hoffman (Helena Bonham Carter) und der einzig verbliebene Diener Willie (Jackie Earle Haley) das Ensemble.
Getreu der Fernsehserie aus den späten 60er Jahren, die für Burtons Film Pate stand, findet ein Großteil der Handlung in der Collins-Villa statt, zu der auch Barnabas wieder zurückkommt, nachdem sein Sarg bei Bauarbeiten freigelegt wurde. Als Familienmensch beschließt er, kurz nachdem er den Schock des Zeitsprungs ins 20.Jahrhundert verkraftet hatte, sich seiner übrig gebliebenen Sippe anzunehmen, um sie wieder zum verdienten Glanz alter Tage zurückzuführen. Leider ist auch Angelique keinen Tag gealtert, hat inzwischen selbst ein Imperium aufgebaut und kontrolliert die gesamte Fischerei. Und ihr Interesse an Barnabas ist keineswegs erlahmt.
"Dark shadows" verstand sich, ähnlich wie "The munsters", als Gegenentwurf zu den typischen Heile-Welt-Familiengeschichten des us-amerikanischen Fernsehens der 60er Jahre und lebte vom Zusammenspiel der skurrilen Gemeinschaft. Wie üblich war jede Folge inhaltlich eigenständig und legte nur wenig wert auf eine schlüssige Geschichte - bei weit mehr als tausend halbstündigen Fortsetzungen nicht erstaunlich. In Burton's Film, der die Serie persönlich schätzt, spürt man diese Voraussetzungen, aber auch die Schwierigkeit, diese in ein Kinoformat zu übersetzen.
Das beginnt schon beim Charakter des Films, der sich nicht entscheiden kann, ob er gruselig oder komisch sein will. Als Barnabas aus seinem Sarg befreit wird, meuchelt er die elf Bauarbeiter, um seinen Blutdurst zu stillen - durchaus als Gewaltakt inszeniert, trotz seiner danach folgenden Bemerkung, sehr viel Durst gehabt zu haben. Gestärkt wird dieser Eindruck durch Depp's Stil, der fast immer ernsthaft bleibt, ganz dem Charakter eines Vampirs verpflichtet, der jederzeit morden kann. Nur seiner Familie gegenüber ist er selbstverständlich loyal. Anders als es der Trailer vermittelt, gewinnt der Film auch nur wenige komische Momente aus dem Gegensatz zwischen einem Mann aus dem 18. Jahrhundert und den flippigen 70er Jahren, da Barnabas nur in seinem beschränkten Umfeld damit konfrontiert wird. Die Szene, in der er der Hippie-Gemeinschaft begegnet, wirkt regelrecht verschenkt.
Im Zentrum des Geschehens steht natürlich seine Auseinandersetzung mit der Hexe Angelique, aber Eva Green's Rolle bleibt seltsam eindimensional - ihre Hass-Liebe zu Barnabas, ihre unbegrenzt scheinenden Kräfte, gleichzeitig aber auch unerklärliche Schwächen, wirken charakterlich nicht nachvollziehbar. Angesichts des trashigen Vorbilds nicht erstaunlich und für das Vergnügen an kurzen TV-Folgen auch nicht notwendig, aber diese Konstellation - wie auch seine unsterbliche Liebe zu Josette / Viktoria - bleibt innerhalb Burtons Kinofilm beliebig, der nie den Charakter eines Sammelsuriums gelungener und weniger gelungener Szenen ablegen kann, denen eine konsequente Handschrift fehlt.
Dadurch funktioniert "Dark shadows" auch nicht als ironischer Kommentar zur allgemeinen Vampir-Euphorie, denn Depp agiert als Dracula-Ersatz (natürlich taucht Christopher Lee auch in einer kleinen Nebenrolle auf) weder besonders sympathisch, noch wirklich finster-bösartig, sondern mehr wie ein normales Familienoberhaupt, das sich gleich entschuldigt, wenn es mal über die Strenge schlägt. Natürlich ist "Dark shadows" nicht ohne Reiz, kann besonders in den Szenen mit Helena Bonham Carter und Michelle Pfeiffer überzeugen und versprüht den von Tim Burton gewohnten morbiden Charme, kann aber nicht darüber hinweg täuschen, das dem Film sowohl inhaltlich, als auch vom Charakter her, ein zusammenhängender Gestus fehlt. (5,5/10)