Wenn Flirting Scholar eines aufzeigt, dann warum Stephen Chow bis vor seinem 'Comeback' Shaolin Soccer ausserhalb des kantonesischen Sprachraumes so gut wie unbekannt war und er anders als seine gleichfalls erfolgreichen Kollegen Jackie Chan, Jet Li und Chow Yun Fat eben nicht bereits in den 90ern von Hollywood umworben wurde. Gerade dieser Film, obwohl Box Office Spitzenreiter in der Jahresendliste 1993, verdeutlicht die Probleme, die der spezielle Humor in seiner eloquenten Wortspielerei aufweist. Versteht man die Sprache nicht, versteht man die Witze nicht. Da helfen auch keine Untertitel und Illustrationen, um den eigentümlichen Charakter zu übermitteln. Das rasant vorgetragene Kauderwelsch mag vielleicht im übertragenen Sinn zu managen sein, verliert dabei aber einige Pointen und stellt für den kenntnisarmen Unbewanderten letztlich nur beredsame, aber umwegige Sprachgewalt in womöglich wohldurchdachter Diktion dar.
Lost in Translation.
Den Vorteil der Anschaulichkeit und Deutlichkeit haben sich währenddessen die anderen hochkarätigen Vertreter der Top 10 wie City Hunter, Fong Sai Yuk oder Crime Story zunutze gemacht, die mehr oder weniger schnell Vertriebe ins europäische und amerikanische Ausland fanden .Während Chows Filmography bis auf gängigere Ausnahmen nur den Eingeweihten mit vermindertem Akzeptanzpunkt vorbehalten blieb. Der King of Comedy bemüht sich hier für den Unkundigen oder auch den Unwilligen häufig quasi umsonst. Agieren, Deklarieren und Grimassieren in eine unerforschbare Leere hinein führt trotz angemessen sinnlicher Materie nicht gerade zu einer gesteigerten Aufmerksamkeit.
Leiden tut nämlich vor allem das Interesse. Eine etwaige klare Kurzfassung weicht der lyrischen Vollkommenheit des Ausdrucks. Was bleibt, ist der grosse inhaltliche Themenkreis, der sich auf viele, aber einfache Grundsätze stützt, plus dem darauf errichteten Lehrgebäude der Poetik und die reine Freude an der Beobachtung:
Ming - Dynastie.
Der gefragte Künstler Tong Pak Fu [ Stephen Chow ] hat zwar Ruhm, Ehre und Reichtum, wird von seinen Freunden auch wegen ganzen acht Ehefrauen beneidet, fühlt sich aber trotzdem einsam und alleine. Als er die wunderhübsche Chou Heung [ Gong Li ], eines der Dienstmädchen von Madam Wah [ Cheng Pei-pei ], auf der Strasse sieht, verliebt er sich sofort in sie. Um in ihre Nähe zugelangen, verdingt er sich unter falschen Namen als Diener in ihrem Heim, wobei er nicht nur von der Aufsicht Mo Chong-Yuen [ Leung Ka-Yan ] drangsaliert wird, sondern sich auch noch als Erzfeind seiner wahren Identität ausgeben muss. Als unangemeldet sein Freund Chuck Chi-Shan [ Nat Chan ] und der angriffslustige King Ning [ Lam Wai ] auftaucht, wird es brenzlig.
Die Geschehnisse um den historisch verbürgten Dichter, Maler, Kalligraphen und Poeten Tong Pak Fu [ 1470 - 1523 ], der neben meisterlichem Können und schöpferischer Gestaltung auch für sein flottes Liebesleben berühmt war und deswegen so einige Schwierigkeiten und Hindernisse auf sich nahm, sind in der äusserlichen Dekoration so formvollendet wie seine Bildnisse "Heimweg auf dem Eselrücken“ oder "Kammerzofen am Kaiserhof".
Die vielseitig unterhaltende Handlung spannt mit lebhafter Wirkung einen geplanten Umsturzversuch ein, eine Familienfehde über den Tod hinaus, damit inbegriffen auch ein Romeo-und-Julia part und die streitende Machtherrschaft zwischen dem Flirting Scholar Tong und dem Evil Scholar [ Gordon Liu ], die sich beide mit magischen Kung Fu Kräften duellieren. Ein Passagenwerk, reich an Inhalt, mit viel Vorstellungskraft und limitierter Zweizeiler - Information; gesetzt in einer farbenleuchtenden, abwechslungsvollen Traumwelt, die allein durch ihre anziehende Optik samt volkstümlicher Graphik ein inneres Wohlgefallen erzeugt. Tongs sketchartige Bemühungen um Chou Heung, die ihn trotz beherzter Lustbarkeiten mit dem Hang zum Ordinären lange keines Blickes würdigt, sind phantasiereich be-, um- und herbeigeschrieben und bieten der Inszenierung sowohl Gelegenheiten für mechanisch-schlafwandlerische Routine als auch spontane Sprünge und Abweichungen. Auch wird viel Freiraum für Unerwartetes sowie dem Ausbruch der Leidenschaften bereitgehalten.
Innerhalb des soweit klaren Fortgangs tummeln sich unausgeglichene Figuren, törichte Einsprengsel, scherzhafte Fabeln, philosophische Einsichten, heillose Übertreibungen, Anachronismen, Reminizenzen an die chinesische Folklore und plötzlich auftauchende Opernanklänge. Leicht angesummte Weisen teilen sich die Tonspur in rapiden Sprechgesang, wohlklingend intonierte Hymmnen, kühne Metaphern und mannigfaltige Äusserungen von feinsten Geschmack. Besonders der atonale, aber trotzdem melodische Rhythmus der Bardengesänge kennzeichnet die Handlungsführung, die alle Phasen zwischen Bodenhaftung und Schwebezustand auskostet und sich im Zweifelsfall immer für die abgehobene Sphäre entscheidet; dort auch seine postheroisch-maßlosen Martial Arts Einlagen abspielen lässt. Zahlreiche gelungene action pieces im Luft- und Ätherkosmos sind die Folge, von Paul Wong Kwan durchgängig mit einem überzeugend austariertem Gestus arrangiert.
Nur lebt der Film durch die notgedrungen mangelnde Einfühlungsgabe und entsprechend geringer Resonanz zu oft nur von diesen dicken Pinselstrichen. Von der reinen Oberflächlichkeit und vordergründigen Beschreibung statt von vernetzten Gefühle und sacht getünchten Witterungen. So ist die Handlung zwar abgrenzbar in eine grosse Liebesgeschichte - dessen basisgebende Anekdote "Werbung um das Dienstmädchen Qiu Xiang" in seiner Heimat jeder vom Kleinkind bis zum Greis kennt - , einem kulturell-biographischen Erguss und einem parodistisch überspitzten Szeneporträt der lebhaften Situation der Vier Meistermaler von Suzhou. Und wird dies auch alles stilsicher gekonnt innerhalb des üblichen Gut-gegen-Böse Schemas zusammengefasst, so fehlt doch der Zugang zu den Figuren und ihren Taten. Ohne den Schlüssel der Verständigung wird der Austausch zwischen Bild und Betrachter teilweise zu einem Schmerz rhetorischen Überflusses eingeschränkt; man sieht die Silhouette der Überlieferungslinie, schliesst Kopf und Herz und damit die wahre Virtuosität aber unweigerlich aus.
Die riesige Textmasse erscheint trotz parataktischer Reihung zuweilen desorganisiert und mit einer distanziert-spröden Redeweise ausgestaffiert. Zu blumig, abstrakt, metrisch glanzlos. Ein wichtiger Knackpunkt ist auch die Doppeldeutigkeit. Im besten Fall eine symbolische Kost, statt der ursprünglich beabsichtigten zungenfertigen Rhetorik in künstlerischer Ausdrucksfähigkeit.
Der als Nachfolger verkaufte Kung Fu Scholar [ 1994 ] weist sicherlich diesselben Elemente auf; ist aber ausser einigen zu vernachlässigenden Nebenrollen von einem komplett anderen Team gehalten und konnte den Erfolg auch bei Weitem nicht wiederholen.