Review

Ein grandioses Meisterwerk, daß so gar nicht grandios daher kommt.

Rossellini stand mit diesem Film im Jahre 1953 zwischen allen Stühlen.

Bisher hatte er für einige überragende Werke des italienischen Neorealismus gesorgt. Dabei standen immer die realen Lebensverhältnisse der einfachen Menschen im Mittelpunkt, meist gepaart mit einer dramatischen Geschichte.

Zu Beginn seiner Arbeit ,Mitte der 40er Jahre, stand er noch ganz im Banne des eben zu Ende gegangenen Krieges ("Rom, offene Stadt", "Paisa", "Deutschland, Stunde Null"), dann hatte er sich leicht davon entfernt mit den Schicksalen der Menschen in Folge des Krieges befaßt ("Stromboli"). Dabei war immer ein wesentlicher Bestandteil des Filmes die Schilderung des italienischen Alltags.

Doch die Anhänger dieser Filmsprache sahen eine Abkehr von diesen Idealen, denn in "Reise in Italien" (der deutsche Titel "Liebe ist stärker" ist mehr als idiotisch) steht ein reiches englisches Ehepaar im Mittelpunkt, daß von einem Großonkel ein Anwesen mit Villa in der Nähe von Neapel geerbt hat.

Schon auf der Fahrt dorthin im Rolls-Cabriolet wird deren Haltung deutlich. Der erfolgreiche Anwalt Axel Joyce (George Sanders) sieht die Erbschaft nur als Belastung, weshalb er die Villa so schnell wie möglich verkaufen will. Für seinen Großonkel und das Land Italien hat er nur verächtliche Bemerkungen übrig.

Dagegen ist seine Frau Katherine (Ingrid Bergman) voller schwärmerischer Erwartungshaltung an das Land. Schnell wird deutlich ,daß Beide ein denkbar schlechtes Verhältnis zueinander haben. Sämtliche Gespräche werden schnell von seiner Seite durch sarkastische Bemerkungen abgewürgt, was bei ihr zunehmend den Hass auf ihn schürt.

Doch wer hier das Ende des Neorealismus erkennt ,hat nicht richtig hingesehen oder benötigt die ideologische Brille. Denn Rossellini prangert durch seine Darstellung keine Mißstände an, sondern zeigt einfach nur Land und Leute.

Dabei erzählt er im Grunde keine Geschichte. Ähnlich wie später bei Antonioni in "Die Nacht" ist die Auseinandersetzung des Ehepaares und deren Verhalten das Vehikel für die Darstellung der Umgebung. Während Antonioni damit bewußt stilisiert die Einsamkeit des modernen Menschen zeigen wollte, hält Rossellini quasi nur drauf.

Katherine besucht Museen und wichtige kulturelle Stätten in Neapel, Axel fährt auf die Insel Capri, Beide gehen zu den Ausgrabungsstätten nach Pompeji. Im Hintergrund ist immer wieder der Vesuv und das Mittelmeer zu sehen.

Im Gegensatz zu seinem Film "Stromboli", in dem der Vulkan die bedrohliche Atmosphäre versinnbildlicht, wird hier alles völlig ideologiefrei abgelichtet.

Besonders beeindruckend sind dabei die dokumentarisch gezeigten Bilder des städtischen Lebens. Als zu Beginn Alex und Katherine im abendlichen Neapel vor ihr Hotel fahren, ist die ganze Kraft dieser mediterranen Abendstimmung mit den vielen sich auf der Straße befindlichen Menschen zu spüren.

Es wird deutlich, daß Rossellini's Hauptdarsteller Neapel und seine Menschen sind. Trotz ihrer emotionalen Auseinandersetzung bleibt dem Zuschauer das englische Ehepaar merkwürdig fremd. Es wird zwar deutlich, daß sie sich noch lieben, aber sie sind so in ihren jeweiligen Rollen verfangen, daß sie nicht über ihren Schatten springen können.

Diese Sturheit steht mit dem Fortschreiten des Filmes in immer größerem Gegensatz zur sonstigen Leichtigkeit, die das Land und seine Menschen ausstrahlen. Besonders Katherine wirkt immer ein wenig verknöchert und verschlossen, kaum in der Lage sich auszuleben und zu freuen.

Axel versucht es eher mit Ablenkung, was ihm eine peinliche Abfuhr bei einer schönen Frau und ein Gespräch mit einer Prostituierten einbringt...

Über das Ende ist viel diskutiert worden, meistens mit negativer Haltung. Doch ich glaube, daß Rossellini damit die Kraft, die in seinem Land liegt noch stärker betonen wollte.

Der Film wird heute in seiner beiläufigen Erzählweise, in dem Verzicht auf übertriebene Dramatisierungen als Vorläufer auf die "Nouvelle Vague" angesehen, als erster Film der "Moderne".

Dabei wird außer Acht gelassen, daß es schon immer Rossellinis Art war, auch in den dramatischsten Geschehnissen einen lakonischen Erzählstil zu bevorzugen. Dadurch glitten seine Filme nie in Kitsch oder irgendeine Propaganda ab - so konnte man bestimmte Geschichten überhaupt nur ertragen.

Auch wenn ein Ehestreit dagegen eher ein privates "Mini-Drama" darstellt, so bleibt er seinem Erzählstil treu.
Nur fiel das vorher nicht auf, da die geschilderten Themen an sich schon so dramatisch waren.

Es ist nicht leicht, heutzutage für diesen Film Werbung zu machen. Sicher, Cineasten kommen an diesem Film nicht vorbei, nur gilt das heute ja eher als abschreckend. Um den Film genießen zu können, sollte man sich auch auf eine Reise in Italien und in die 50er Jahre einlassen, sollte das dargestellte Leben auf sich wirken lassen und Katherine und Alex aus sicherem Abstand bei ihren Ehestreitigkeiten zusehen.

Dann spürt man, daß es sich bei "Reise in Italien" um etwas ganz Besonderes handelt (10/10).

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