Review

Der deutsche Titel Die Müßiggänger lässt an Fellini denken, aber die Protagonisten in "Oi Tembelides tis eforis koiladas" sind keine vitelloni und leben auch kein dolce vita, wie man es von Fellini kennt: ihre Existenz ist vielmehr von extremer Faulheit gekennzeichnet, die sie in lähmender Antriebslosigkeit & kompletter Untätigkeit verharren lässt. Ein anderer Italiener kommt einem beim Betrachten dann auch viel eher in den Sinn: Marco Ferreri mit seinem "La Grande bouffe" (1974) - welchem Panayotopoulos' Film überaus ähnelt - und seinen feministischen Leitmotiven, denen manche Aspekte in "Oi Tembelides tis eforis koiladas" bisweilen gleichen.
Waren es bei Ferreris "La Grande bouffe" noch vier begüterte Herren der feinen Gesellschaft, die sich in einem abgelegenen Herrenhaus aus lauter Lebensüberdruss zu Tode fressen & scheißen - dabei behutsam begleitet von einer mütterlichen Lehrerin, die die große Fressorgie ganz bewusst überlebt, den Todestrieb der Männer aber auch nicht ausbremst -, so sind es bei Panayotopoulos ein Vater und seine drei Söhne, die mit der Haushälterin eines verstorbenen Onkels in ein altes Familienanwesen ziehen, in welchem sie beinahe ausschließlich schlafend ihre Zeit verbringen und sich von der Bediensteten versorgen lassen. Der Vater bleibt teilweise gar zum Essen im Bett, wo er sich füttern lässt, einer der Söhne lässt sich sogar eine Bettpfanne bringen, um nicht die Toilette aufsuchen zu müssen, man schläft im Sitzen ein, man schläft im Stehen ein, man schläft beim Kopulieren ein, man schläft beim Essen ein... und man stinkt im wahrsten Sinne des Wortes vor Faulheit - wohl deshalb, weil man es mit der Körperpflege nicht mehr so genau nimmt. Auch hier erwacht ganz besonders bei einem der Männer das sexuelle Verlangen, das - wie bei Ferreri - mit einer großen Portion Misogynie einhergeht. Und auch hier hält eine der Figuren die eigene Situation für unbefriedigend und plant einen Ausbruch, um einer geregelten Arbeit nachzugehen; aber während Marcello Mastroianni im defekten Bugatti in der Ausfahrt des Anwesens erfriert, da lässt sich der potentielle Flüchtling in "Oi Tembelides tis eforis koiladas" zunächst von seiner ihn zum Bleiben bewegenden Familie überreden, um bei einem zweiten Versuch gar nicht mehr die Kraft zu besitzen: die Haushälterin muss den erschöpften Mann teilweise stützen oder gar tragen, etliche Pausen veranschlagen und schließlich mit dem total Ermüdeten in das Haus und in die Routine des Schlafens und Essens zurückkehren.[1]
Doch "Oi Tembelides tis eforis koiladas" ist durchaus kein Plagiat von "La Grande bouffe"... und auch kein Plagiat von Bunuels "El Ángel exterminador" (1962), der von einer feinen Abendgesellschaft handelt, deren Mitglieder - ohne zu wissen warum! - den Salon im Anschluss nicht mehr verlassen können, und dem "Oi Tembelides tis eforis koiladas" insofern ähnelt, dass einer der Söhne ebenfalls zu unschlüssig, antriebslos und ermattet ist, um das Haus seiner Familie zurückzulassen. Beiden Filmen ähnelt dieses mehrfach preisgekrönte,[2] griechische Werk gehörig - was bereits ein Review-Schreiber auf der IMDb erkannt hat![3] -, folgt jedoch in erster Linie einer gänzlich anderen Vorlage: "Les Fénéants dans la vallée fertile" (1948).

"Les Fénéants dans la vallée fertile" war einer der ersten Romane Albert Cosserys (1913-2008), der nach Nagib Machfus der vermutlich am wenigsten unbekannte (allerdings erst in den 90er Jahren wiederentdeckte) Schriftsteller Ägyptens sein dürfte - wenngleich er in seiner Heimat trotz der ägyptischen Handlungsorte seiner Arbeiten, aber aufgrund seiner Übersiedlung nach Frankreich nicht von allen als für die ägyptische Literatur einstehende Persönlichkeit akzeptiert worden ist. Cossery, der einmal geäußert haben soll, dass die Faulheit das einzige sei, was sein Vater ihm beigebracht habe, gestattete der Fauhlheit in diesem Roman eine zentrale Rolle; dem Schriftsteller, der seit Ende des Zweiten Weltkriegs als Dandy jahrzehntelang in einem Hotel im Quartier Saint-Germain-des-Prés wohnte und sich in den Cafés im Dunstkreis der Existenzialisten aufhielt, waren Geruhsamkeit & Bequemlichkeiten erstrebenswerte Wege, um den Zwängen & Zwecken der Gesellschaft zu entgehen - was ihm allerdings angesichts mancher Geldsorgen nur begrenzt gelungen war. Aber auch seine Figuren haben aufgrund ihrer Abhängigkeit von Geld oder mancherlei kleinen Genüssen bisweilen Mühe, ihre Bequemlichkeit vollständig auszuleben.
Panayotopoulos' Inszenierung nimmt Cosserys positiver Konnotation der anarchischen Geruhsamkeit jedoch jeglichen Glanz - und insofern mag Ferreris Skandalerfolg drei Jahre zuvor zumindest bei der Stoffwahl tatsächlich geholfen haben. In "Oi Tembelides tis eforis koiladas" geht es nicht um das Vergnügen unbekümmerten, anarchischen Faulenzens, sondern eher um das, was einem dabei entgeht und aus der Hand gleitet. Das schwermütige, monotone Ticken einer Uhr, die tristen, gräulichen Farben und der immer wieder gespielte Totenmarsch Mahlers - all das wertet das Dahinvegetieren seiner Figuren recht deutlich ab, lässt es nicht fröhlich & vergnüglich, sondern düster & unangenehm leblos erscheinen. Das alles wird in langen Einstellungen einfangen, die zusätzlich jede Vitalität aus dem Film herausnehmen und vermutlich dem Einfluss der - auch international - gefeierten Filme von Panayotopoulos' Landsmann Angelopoulos geschuldet sind. In dessen - übrigens ebenfalls Parallelen zu Bunuel aufweisenden - "Oi Kynighoi" (1977) ging es im Vorjahr in einer komplex ver­klau­su­lie­rten Parabel um das Erstarren einiger Bourgeois angesichts einer Konfrontation mit der Vergangenheit vom Bürgerkrieg bis zum Obristenregime, um eine schon in den Vorjahren von den Figuren gelebte Untätigkeit, die sich in der Rahmenhandlung des Films vor allem im weltabgeschiedenen Raum eines kleinen Hotels und im alljährlichen Ritual der Neujahrsfeierlichkeiten in langen, ereignisarmen Einstellungen entfaltet. Panayotopoulos geht weniger radikal vor - seine Einstellungen sind im Vergleich nicht so extrem lang wie bei Angelopoulos, seine Bewegungen sind organischer und weniger steif! -, inszeniert aber teilweise durchaus ähnlich einen Rückzug in die Ereignislosigkeit, eine Flucht vor möglichen Veränderungen. (Und ist damit übrigens nicht nur ein Nachfahre von Bunuel, Ferreri und Angelopoulos, sondern auch ein Vorfahre von Sokurov, dessen auf Shaw basierender "Skorbnoye beschuvstviye" (1983/1987) ein weiterer herausragender Film über Abkehr & Abgewandtheit in der Abgeschiedenheit eines großen Hauses ist.)
Das Höchstmaß der Ereignislosigkeit wird im Film von den Gemälden verkörpert, die den Zeitfluss zum starren, unbewegten Augenblick gerinnen lassen. Ausgerechnet ein Maler - der in der Romanvorlage ausschließlich vollständig eintönige Bilder anfertigt - gehört zu den wenigen Nebenfiguren: seit Monaten schleicht er um das Familienanwesen, um eine Meinung des im Dauerschlaf kaum jemals das Haus verlassenden Kunstkenners Nikos einzuholen; auch er ist, gleichwohl er immerhin noch einer produktiven Tätigkeit nachgeht, eine typische Cossery-Figur, die sich der Gesellschaft möglichst entzieht, die ihre Gemälde - wie Hoffmanns Cardillac - gar nicht verkaufen will, die keinerlei Interessen am Geld hat, sondern bloß an der Kunst, die ihren Hund auf den Namen Buddha getauft hat... (und nicht etwa Semsen wie bei Cossery, dem der Film zwar weitestgehend treu folgt, in manchen Details aber gezielte Abweichungen vornimmt: gerade die bei Cossery wie eine Absurdität anmutende Arbeitssuche des einen Sohnes wird von Panayotopoulos der absurden Züge beraubt und zudem erheblich gekürzt.) Ins Gespräch kommt er aber vor allem mit dem Sohn, der mit seinem derzeitigen Lebensstil zwischen Schlafen und Essen hadert, mit dem Gedanken an einen festen Job liebäugelt, aber den Maler um dessen Einstellung (zum Geld & zur Kunst) beneidet. Auch die Gemälde, die im Familienanwesen an den Innenwänden hängen, ziehen die Aufmerksamkeit dieses Sohnes auf sich: sie betrachtet er, ehe er ebenfalls in einem vollkommen verstaubten Band über die französische Revolution blättert und schließlich seinen letztlich erfolglos bleibenden Fortgang antritt.
Gerade dieses Ende zwischen der kontemplativen Betrachtung starrer Bilder und einem letzten Anflug aufbegehrender Tätigkeit inmitten des Staubs der Zeit macht nochmals vergleichsweise deutlich klar, worum es die ganze Zeit ging. Und dass Panayotopoulos im Griechenland der späten 70er Jahre aus ganz anderer Perspektive auf sein Thema blickt als der ägyptische Exil-Pariser und Existentialismus-geprägte Dandy Cossery, zeigt sich nicht nur an der Inszenierung, sondern auch in der geradezu grotesken, die Vorlage zuspitzenden Szene, in welcher der - seine Gemälde nicht verkaufende - Maler ausgerechnet mit einem der bequemeren Brüder "die Welt verändern" will, wie er es em­pha­tisch ausdrückt. Was im Ausland vor allem als bunueleske Bourgeoisie-Satire gepreist worden ist, war in Griechenland vor allem auch der politische und der jüngsten Geschichte geschuldete Aufruf, die Unbequemlichkeit in Kauf zu nehmen, um Veränderungen zu bewirken.

All das mag enorm einschläfernd klingen - was angesichts der Handlung auch wieder passen würde! - ist aber ein wundervoll in Szene gesetztes, durchaus humorvolles und unterhaltsames Werk geworden, das zudem nicht einfach bloß eine Von nichts kommt nichts-Moral entfaltet und - zugegebenermaßen etwas willkürlich anmutend, aber letztlich der Vorlage bei etwas anderer Gewichtung und mit anderer Perspektive folgend! - einen feministischen Nebenaspekt einbringt, sondern auch eine Frage aufwirft, die einen jeden Zuschauer unmittelbar angeht: indem ein Zustand permanenter Bequemlichkeit als unbefriedigend und entsetzlich lähmend geschildert wird, konfrontiert der Film einen mit der - schon bei Schopenhauer von zentraler Bedeutung erfüllten - Erkenntnis, dass ideale Zustände auf Dauer Überdruss & Gewöhnung erzeugen und daher Anstrengungen für neue Zustände nötig werden lassen, dass also das Leben ein beständiger Wechsel von Mühen und Genüssen ist, der keinen Zustand dauerhafter Erfüllung erreichen kann; so wie schon bei Platon beispielsweise die andauernde Aneignung von Gütern auch keinen solchen Zustand jemals dauerhaft erreichen lassen kann. Insofern ist "Oi Tembelides tis eforis koiladas" auch eine schöne Anregung, sich zu fragen, was man mit seiner Freizeit und mit seiner Muße anfangen mag und wie man Arbeit, Freizeit, Muße und ggf. Verantwortung für Andere in ein stimmiges Gleichgewicht für sich (oder gar: für sich und andere!) bringt. Das kann den Film sicherlich auch zu einem unschönen Downer werden lassen, der einen kurzzeitig oder längerfristig irritiert. Vergnüglich, bizarr, bildhübsch und sorgsam inszeniert ist der Film aber allemal - und Liebhaber des italienischen Kinos können sich über eine größere Rolle von Olga Karlatos freuen, die als gebürtige Griechin zwischen ihren Italo-Erfolgen wie "Keoma" (1976), "Un Poliziotto scomodo" (1978), "Zombi 2" (1979) oder "Once Upon a Time in America" (1984) auch wieder einmal einen sehr hochwertigen, ambitionierten Film in ihrem Heimatland drehte.
8/10


1.) Das erinnert - gleichwohl die Romanvorlage eine andere ist! - an Joris-Karl Huysmans' "À rebours" (1884), dessen dekadenter Protagonist an seinem eigenen Lebensstil erkrankt.
2.) Der Film gewann bei den Filmfestspielen von Thessaloniki den Preis für den besten Film und wurde beim Filmfestival von Locarno mit dem
Pardo d'oro ausgezeichnet.
3.) KGB-Greece-Patras: La Grande bouffe (1973) meets El Ángel exterminator (1962) in Greek style! http://www.imdb.com/title/tt0128725/reviews?ref_=tt_urv

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