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Vermummt, in martialischer Schutzkleidung und scharf bewaffnet fallen sie in Gruppen über ihre Opfer her, die sie auf offener Straße misshandeln und verschleppen. Und landet einmal einer von ihnen vor Gericht, decken sie sich gegenseitig, verschaffen sich Alibis und entziehen sich so dem Zugriff des Rechtsstaats. Die Rede ist hier nicht etwa von besonders perfiden Straßengangs oder anderen gemeinhin als Verbrecher oder Kriminelle bezeichneten Subjekten, sondern von bestimmten Teilen der von ihren eigenen Opfern, weil von Steuergeldern bezahlten Polizei, i.d.R. sog. Bereitschaftspolizisten, die auf der Straße die Auseinandersetzung suchen, die soziale Proteste blutig niederschlagen, an Fußballfans ihr Mütchen kühlen, aber auch Opfer von Immobilienspekulanten aus ihren Wohnungen jagen, Flüchtlinge deportieren etc. Staatlich subventionierte und geförderte Schläger in Uniform, „offizielle Hooligans“, die das Gewaltmonopol für sich beanspruchen und missbrauchen.

„A.C.A.B.“ - dieses Akronym steht für „All Cops Are Bastards“, stammt ursprünglich aus Großbritannien und ist seit jeher ein auf eine simple Parole reduzierter Ausdruck einer autoritätskritischen Haltung, die sich seit Jahrzehnten durch verschiedene Bereiche der Unterschicht und diverse Subkulturen zieht, oftmals missverstanden als Generalbeleidigung sämtlicher im Polizeidienst Arbeitender oder extremistische Aussage. Dabei wird niemand, der diesen Parole verwendet oder als Tätowierung, Kleidungsaufdruck o.ä. trägt, etwas gegen Polizisten haben, die tatsächlich als „Freund und Helfer“ des einfachen Bürgers auftreten oder gegen Beamte, die Kapitalverbrechen wie Mord, Vergewaltigung etc. aufklären. Auch wird selbst am linken Rand wohl kaum angezweifelt werden, dass jede Gesellschaftsform Starke hervorbringen wird, die Schutzfunktionen für Schwächere einnehmen werden. Vielmehr wird auf den viel zu großen Teil der staatlichen Exekutive verwiesen, der sich zu willen- und verantwortungslosen Erfüllungsgehilfen der Reichen und Mächtigen macht, die geil darauf sind, ihre Autorität anderen gegenüber auszuspielen, die faschistoide Beweggründe in die Uniform treiben oder die schlicht ungestraft ihre Gewalttrieben ausleben wollen. Dank Corpsgeist, höriger Massenmedien, dreistem Lobbyismus, betrieben durch sich eine sich euphemistisch „Gewerkschaft der Polizei“ [sic!] nennende Organisation und gesellschaftliches Duckmäusertum, das Uniformen einen generellen Vertrauensvorschuss schenkt, braucht sich diese Sorte Polizisten keine Sorgen zu machen, für ihre Straftaten zur Rechenschaft gezogen zu werden, im Gegenteil: Der Trend geht dahin, sie mit immer weiteren Befugnissen, Waffen etc. auszustatten. „A.C.A.B.“ ist Ausdruck eines Bewusstseins für diese antidemokratischen Tendenzen.

„A.C.A.B. - All Cops Are Bastards“ ist auch der Titel des nach einigen TV-Serien-Arbeiten ersten Kinofilms Stefano Sollimas, Sohn des italienischen Meisterregisseurs Sergio Sollima, der als der Intellektuelle der drei großen Sergios des Italo-Westerns gilt (neben dem epischen Sergio Leone und dem zynischen Sergio Corbucci). Der in italienisch-französischer Koproduktion entstandene Film aus dem Jahre 2012 basiert auf dem gleichnamigen, investigativ recherchierten Buch des italienisches Journalisten Carlo Bonini aus dem Jahre 2009.

Der Film setzt sich mit der oben beschriebenen Spezies auseinander: Die Bereitschaftspolizisten Cobra (Pierfrancesco Favino, „Die Unbekannte“), Negro (Filippo Nigro, „Reich und verdorben“) und Mazinga (Marco Giallini, „Die entfesselte Silversternacht“) schwingen gern den Knüppel und halten zusammen wie Pech und Schwefel. Der Nachwuchspolizist Adriano (Domenico Diele, „Paura 3D“) stößt zu ihrer Einheit und wird mit ihren Gepflogenheiten vertraut gemacht, während Mazingas Sohn in die rechtsradikale Bonehead-Szene abrutscht.

„A.C.A.B. - All Cops Are Bastards“ ist zunächst einmal eine Milieustudie, die anhand jener Einheit denn Alltag der Bereitschaftspolizei schildert. Nach einem groben Überblick stößt Sollima den Zuschauer ins kalte Wasser und zeigt die uniformierten Schläger, wie sie streikende Arbeiter erst provozieren, sich in schließlich in Kampfmontur auf die unbewaffneten, ungeschützten Arbeitskämpfer stürzen und sie verprügeln sowie willkürliche Verhaftungen vornehmen. Sollima zeigt wenig heldenhafte Einsätze wie den Rausschmiss eines armen Rentners aus dessen eigener Wohnung, eine bewusst herbeigeführte Massenschlägerei mit Hooligans im Rahmen eines Fußballspiels, woraufhin Cobra und Konsorten sogar einen Zug überfallen, die reisenden Fußballfans kollektiv wie Verbrecher behandeln, sie misshandeln und sich Lügengeschichten fürs Protokoll und zur Rechtfertigung ihres Einsatzes überlegen, wie sie die Ärmsten der Armen, Flüchtlinge, deportieren, um sie aus dem Land zu schmeißen, wie sie Ausländer beleidigen und bedrohen und Migranten in Angst und Schrecken versetzen. Fragwürdige Verbrüderungsrituale sollen den Neuling auf die Gemeinschaft einschwören und verdeutlichen, dass man nur sich gegenseitig verpflichtet ist, nicht aber dem Gesetz. So deckt man sich vor Gericht und entzieht sich der Strafverfolgung. Der Film widmet sich aber auch dem Privatleben der Beamten und stellt dar, welch armselige Verlierer sie sind, die sich im Dienst den Frust von der verkümmerten Seele prügeln. Adriano steht einer rechtsextremen Partei nahe, ein Ex-Mitglied der Einheit ist bekennender Neofaschist. Ein dominanterer Handlungsfaden der eher episodenhaften Erzählweise ist der Umgang mit der Rechtsradikalität Mazingas Filius, der mit gewaltbereiten Boneheads eine Moschee besetzt hat. Zu einem der Schlüsselmomente für den jungen Adriano wird die Stürmung des Squats, für den es keinerlei Befehl gibt und der nichts anderes als ein privater Rachefeldzug ist.

Dies geht auch damit einher, dass „A.C.A.B. - All Cops Are Bastards“ zu einem beunruhigenden Porträt einer immer stärker ins politische rechte Lager kippenden Gesellschaft wird, was eben nicht nur seitens der Polizei mit einer Zunahme an Gewalt einhergeht. Um Ausgeglichenheit bemüht ist man, wenn der Fokus zwischenzeitlich auf tatsächliche Ungerechtigkeiten, die den Polizisten widerfahren, gerichtet wird. So entsteht das Bild eines an allen Enden aus den Fugen geratenen Systems, das seiner innenpolitischen Probleme nicht Herr wird und in den Beamten eben jene willfährigen Kräfte sieht, die gefälligst zu funktionieren haben, ansonsten aber weitestgehend alleingelassen werden – was wiederum einer von mehreren Erklärungsansätzen für ihr Fehlverhalten ist. Vor all diesen Hintergründen macht Adriano eine Entwicklung durch, die ihn letztlich den Corpsgeist brechen lässt und fortan vor seinen Kameraden als Verräter dasteht. Am Ende scheint der Film auf einen spannend vorbereiten und dramatisch inszenierten Showdown organisierter Gewalt zuzusteuern, der jedoch ausbleibt – der Einsatz des Abspanns verhindert ihn für den Zuschauer, der erahnen kann, was der Einheit nun blüht, wie das Urteil des Straßengerichts lautet. Des Straßengerichts? Anscheinend bedeutet die organisierte Gewalt in diesem Fall einen Vorfall im November 2007, als sich mafianahe Ultrá-Gruppen zusammentaten, um gemeinsam gegen die Polizei vorzugehen, welche sich wiederum nun endgültig „von oben“ im Stich gelassen und dem Pöbel zum Fraß vorgeworfen sahen (soweit ich einer Inhaltsangabe von Boninis Buch entnehmen konnte). Dieser Bezug wurde mir während meiner Erstsichtung nicht ganz klar. Boninis Buch scheint stärker und deutlicher auf die Auseinandersetzungen zwischen Fußball-Hooligans und der Polizei einzugehen, gewichtet ihre Bedeutung eventuell stärker. An diesen Stellen fehlen mir tiefere Einblicke in die italienische(n) Szene(n).

Wie dem auch sei: In der Tat ist es so, dass die italienische Polizei einige der übelsten faschistischen Schläger Europas beherbergt, wie trotz Verschleierungs- und Bagatellisierungsversuchen nach dem bewaffneten Überfall durch Polizisten auf die Diaz-Schule im Rahmen der Proteste gegen den G8-Gipfel in Genua 2001 für die Öffentlichkeit sichtbar wurde. Mit unvergleichlicher Brutalität stürmten italienische Polizisten das Demonstranten als Schlafstätte und der Presse sowie Sanitätern als Basis dienende Gebäude mitten in der Nacht und stürzten sich auf die wehrlosen Schlafenden, verursachten ein wahres Blutbad. Selbst nach der willkürlichen Verhaftung der Demonstranten wurden diese noch gefoltert, gequält und erniedrigt. Satte elf Jahre zogen sich die Verhandlungen gegen die Folterknechte hin, bevor es endlich zu Verurteilungen kam. Haftstrafen musste dennoch kein Verantwortlicher antreten und die meisten wurden gar nicht erst angeklagt. Die volle Härte des Gesetzes traf hingegen Demonstranten. Dieses populäre Beispiel für Polizeigewalt, Justizwillkür und die faschistoide Ausrichtung staatlicher Autorität findet mehrfach Erwähnung in Sollimas Film (der suggeriert, dass die Männer dabei waren) und dürfte einer der Gründe sein, weshalb manch einer in Italien die Polizeiarbeit kritischer zu hinterfragen begann und weshalb man das alte Poliziesco-Genre wieder aufgriff, ohne jedoch Polizisten vornehmlich als Opfer oder Unschuldige zu verklären.

„A.C.A.B. - All Cops Are Bastards“ zwingt den Zuschauer in die Perspektive der exemplarisch herausgegriffenen Polizeieinheit – mit aller Konsequenz. Wer es gewohnt ist, dass ein Spielfilm unmissverständlich vorgibt, wer gut und wer böse ist und unzweideutige Identifikationsfiguren anbietet, wird damit seine Probleme haben. Tatsächlich ist man dann und wann geneigt, sich mit den Schergen zu identifizieren – beispielsweise wenn sie sich die Neonazis vorknöpfen. Mitunter mag es so aussehen, als würde der Film diesen Akt der Selbstjustiz rechtfertigen. Vor dem Hintergrund zuvor gezeigter eigener rechtsextremistischer Umtriebe der Polizei und der Art und Weise, wie die so gar nicht unter antifaschistischen Vorzeichen stehende Stürmung vonstatten geht, dürfte zustimmendes Nicken sich bald in Kopfschütteln verkehren, denn moralisch lässt sich kaum etwas rechtfertigen, was die Männer im Laufe der Handlung bewerkstelligen. Vielmehr stellen Szenen wie diese diejenigen Teile des Publikums vor eine Art Dilemma, die Polizeigewalt einerseits ablehnen, gewalttätiges Vorgehen gegen Rechtsradikale jedoch befürworten. Ohne dieses Thema von meiner Seite zu vertiefen, dürfte unstrittig sein, dass es sich bei gleichem Verhalten derjenigen, für die die Moschee erbaut wurde, um Notwehr gehandelt hätte, während den privat agierenden Polizisten diese Art der Legitimation fehlt. Die Konzentration auf ihr Privatleben führt zu dem Missverständnis, dass der Film Verständnis für die Polizei wecken wolle. Dies ist jedoch in erster Linie dem realistischen, nichts und niemanden romantisierenden oder glorifizierenden Stil geschuldet – was ein grundlegendes Problem entlarvt: Schnell lässt sich der latent autoritätshörige Zuschauer einlullen, nimmt den Polizisten ihre Flucht in die Opferrolle ab und redet ihre Eigenverantwortlichkeit klein, solange sie nur gegen Autonome, Hooligans etc. vorgehen, Menschen also, mit denen man selbst nichts zu tun hat. Irgendwie wird das schon alles seine Richtigkeit haben und wenn mal der Knüppel ausrutscht, ist das eben ein Kollateralschaden und eigentlich haben die Delinquenten das ja auch verdient. So eine Tracht Prügel hat schließlich noch niemandem geschadet und wer sich aus all diesen Dingen heraushält, hat auch nichts zu befürchten. Man ist froh, dass jemand die Drecksarbeit macht und einem all das Gesindel vom Hals hält. Nur was ist, wenn sie irgendwann an die eigene Tür klopfen oder sie einfach eintreten? Wenn sie einem plötzlich selbst gegenüberstehen, weil man nicht bemerkt hat, wie der Radius der persönlichen Freiheit immer kleiner wurde, wie es immer enger auch für den eigenen Lebensentwurf wurde? Spätestens dann wird man bedauern, Autoritätskritik als Staatsverrat fehlinterpretiert oder als Spinnerei abgetan und einer Exekutive alles durchgehen lassen zu haben, obwohl sie in einer parlamentarischen Scheindemokratie, in der bislang jede bedeutende Veränderung außerparlamentarisch erkämpft werden musste, bisher noch jede Schweinerei durchgeknüppelt hat. Wenn dieser Film die sich hochschaukelnde Wechselwirkung von Gewalt und Gegengewalt dokumentiert, dann zeigt er auch die schizophrene Gewalt von Polizisten letztlich gegen sich selbst, die ihre Berufswahl noch unverständlicher erscheinen lässt.

Stefano Sollimas beeindruckender Film, der unbekannte Namen befreit und natürlich aufspielen lässt, verfügt neben seinen schwer verdaulichen und unbedingt auch nach Abspannende zu reflektierenden Inhalten auch über großartige Musik; neben dem Soundtrack der Band Mokadelic erklingen Hits der White Stripes, der Pixies, Joy Division, der 4-Skins-Klassiker „A.C.A.B.“, leider anscheinend in einer Coverversion einer italienischen Neonazi-Band, sowie in einer an Zynismus nur schwer zu überbietenden Szene der von der Punkband The Clash interpretierte Equals-Song „Police On My Back“, zu dem die Polizisten ausgelassen tanzen und grölen, nachdem vor Gericht ein Freispruch errungen wurde. Etwas problematisch finde ich an Sollimas Film letztendlich dann doch, dass einfachere Gemüter mit einer beliebigen Lesart an ihn herantreten und sich gerade das herauspicken, was sie hören und sehen wollen, könnten. Unabhängig davon erkenne ich u.a. die meines Erachtens wichtige Aussage, dass wer das staatliche Gewaltmonopol schamlos ausnutzt und missbraucht, sich nicht wundern darf, wenn es auf der Straße nicht mehr akzeptiert wird. Mitleid mit Prügelbullen zu empfinden, weil sie private Probleme haben oder sich keiner Unterstützung „von oben“ mehr sicher sein können, liegt mir indes fern.

Deutlich vernommen habe ich aber auch die zwischen den Bildern eindringlich aufgeworfene Frage, wie man angesichts blanken Hasses schon längst nicht mehr nur an gesellschaftlichen Randgebieten eigentlich zukünftig zusammenleben will, wie diese Gewaltspirale zu stoppen ist und wie weitere Eskalationen verhindert werden können. Eine wichtige Debatte, die endlich losgetreten werden muss, um weitere Schwerverletzte und Tote zu verhindern und deren denkbar falscheste Antworten die weitere Aufrüstung der Polizei und jegliche Tendenzen in Richtung eines Polizeistaats bei zugleich fortwährendem, gerechtfertigtem Vertrauensverlust in die Obrigkeit wären.

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