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Lucio Fulci wird zumeist wegen seiner kryptischen, zusammengestückelt wirkenden Horrorfilme wie "Woodoo", "Paura" und "L'aldilà" und der dort gezeigten exzessiv blutigen Tötungsakte zur Kenntnis genommen. Während "Gorehounds" die archaische Brutalität dieser Szenen und das luxuriös fließende Blut genießen, erregen sich andere, vermeintlich anspruchsvollere Zuschauer über den Mangel an konventioneller Handlungslogik und das Übermaß an immer wiederkehrenden Bildern wie den Nahaufnahmen von Augen.

Wer Fulci aufgrund dieser Filme als dilettantischen Splatter-Regisseur abtut, hat mit Sicherheit nicht seine früheren Filme wie das schonungslose Historiendrama "Beatrice Cenci", den beunruhigenden Giallo "Non si sevizia un paperino" oder eben den prachtvollen, stilistisch absolut überzeugenden Kriminalfilm "Una sull'altra" (="Eine auf/über der anderen") gesehen, der im englischsprachigen Ausland teilweise als "Perversion Story" und im deutschen Sprachraum als "Nackt über Leichen" vermarktet wurde. Fulci war sowohl für die Regie als auch für das ausgezeichnete Drehbuch verantwortlich. Heute sind hauptsächlich zwei Fassungen des Films greifbar - eine, die zehn exklusive Minuten mit hauptsächlich Dialogen bietet, durch die sich die komplexe Handlung besser erschließt, und eine andere, die etwa vier Minuten exklusive Szenen vorwiegend erotischer Natur bereithält. Letztere Fassung ist in beeindruckender Bildqualität von der US-Firma "Severin Films" auf DVD erschienen.

Jean Sorel, bekannt unter anderem durch Aldo Lados ausgefallenen Kriminalfilm "Malastrana", ist hier in der Hauptrolle als Arzt Dr. George Dumurrier zu sehen, dessen asthmakranke Frau Susan (Marisa Mell), verbittert wegen der Arbeitswut und der Affären ihres Ehemannes - unter anderem mit Jane (Elsa Martinelli), plötzlich verstirbt. Wegen der hohen Lebensversicherung und des unerwarteten Todes gerät Dumurrier nach einiger Zeit unter Mordverdacht. Unterdessen trifft er unerwartet auf eine Nachtclub-Tänzerin namens Monica Weston, die seiner verstorbenen Frau zum Verwechseln ähnlich sieht (die offensichtliche Vertigo-Anleihe kann man Fulci mehr als verzeihen, da er das Motiv in eine ganz andere Richtung entwickelt). Dumurrier beginnt eine Affäre mit Monica, sucht gemeinsam mit Jane nach Hinweisen über den Tod seiner Frau und verstrickt sich immer mehr in den Mordverdacht, der ihn schließlich in die Todeszelle bringt. Im Angesicht des Todes in der Gaskammer verlässt ihn immer noch nicht die Hoffnung, dass der Beweis für seine Unschuld doch noch gefunden werden könnte.

Unter den vielen Filmen von Lucio Fulci, die ich bis jetzt gesehen habe, ist dieses edle und durchweg fesselnde Kriminal-Drama der Höhepunkt. Fulci zeigt sich durchweg herrlich experimentierfreudig in ungewöhnlichen Kameraeinstellungen und sonstigen visuellen Ideen. Eine Liebesszene wird durch den rötlich schimmernden Untergrund des Bettes beobachtet, wir sehen quasi aus dem Inneren des Medizinschranks, wie Medikamente entnommen werden, in einem Spiegel hinter Dumurrier spiegelt sich die von ihm betrachtete Leiche seiner Frau, ein Chemielabor wird in mehrfacher Splitscreen-Ansicht gezeigt. Das alles wirkt nie albern oder selbstzweckhaft, sondern macht durch die professionelle Umsetzung den Film zu einem aufregenden visuellen Erlebnis, das zu seiner Zeit seinesgleichen suchen dürfte. Das Auge als wichtiges Objekt der Fulcischen Bildwelt spielt auch hier eine Rolle: Monica Weston unterscheidet sich von Susan Dumurrier lediglich durch ihre Augenfarbe.

Dazu gesellt sich eine kongeniale jazzorientierte Filmmusik von Riz Ortolani, der auch Filme wie "Cannibal Holocaust" oder "Addio zio Tom" mit unvergesslichen Musikstücken veredelte. Wenn im Finale die Gaskammer gezeigt wird, ertönt dazu nicht etwa eine unheilvolle oder wehleidige Musikbegleitung, nein - durch kühlen, reduzierten Jazz werden die Bilder kontrastiert und wirken um so stärker. Wie der Bildkünstler Fulci hier mit dem Tonkünstler Ortolani harmoniert, ist einfach absolut stark.

Eins werden manche Zuschauer hier möglicherweise vermissen: Splatter, Gore oder wie auch immer man es nennen will, gibt es in diesem Film nicht. Warum auch? Das würde inhaltlich nirgendwo hinpassen. Der Grund, es trotzdem zu betonen, ist, dass der Name Lucio Fulci leider oft sofort mit drastischen Szenen blutiger Gewalt verbunden wird. Seine besseren Filme zeichnen sich nicht durch dieses Merkmal aus. Was dafür reichlich vorhanden ist, ist Erotik, und dies auf einem hohen Niveau. Vor allem Marisa Mell ist sehr verführerisch in Szene gesetzt und kann sich herrlich dekadent vor Alejandro Ulloas Kamera räkeln. Die eigentliche Anziehungskraft geht dabei mehr von ihrem Gesicht als von ihrem Körper aus.

Schauspielerisch erweist Mell sich als auffällig souverän. Wie sie zunächst die verbitterte Asthmakranke und später die laszive Stripperin verkörpert, ist bemerkenswert. Jean Sorel vermag seiner Rolle den passenden naiven Charme zu verleihen. Auch darüber hinaus sind die Rollen adäquat besetzt. Gleichwohl ist "Una sull'altra" ein Film, der nicht durch seine Schauspieler, sondern durch seine Bildsprache lebt.

Während viele Spätwerke Fulcis durch auffällige Brüche und eine inkohärent scheinende Handlungsstruktur gekennzeichnet sind, kann dieser Film als Musterbeispiel gelungener Verwirrspieltechnik gelten. Die nicht leicht zu ordnende Vielzahl an Figuren und die Verschiebungen ihrer Relevanz für das Schicksal des Protagonisten wird durch die Endaufklärung hinlänglich aufgeschlüsselt, lässt aber genug für einen zweiten Anlauf zu entdecken übrig. Besonders bemerkenswert ist, dass der Schluss keine streng aus dem vorherigen Geschehen entwickelte Lösung bietet, sondern dass das Schicksal aus einer ganz unerwarteten Richtung zuschlägt.

Fulci hat mit "Una sull'altra" einen Film geschaffen, der eine seltene Leistung vollbringt: das Experimentieren mit filmischen Mitteln und deren konsequente Beherrschung zu vereinen. Danke, Lucio Fulci.

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