Review

Nicht „Nackt u n t e r Kannibalen“, sondern „Nackt ü b e r Leichen“ wandelt Lucio Fulci in diesem einem seiner ersten Filme überhaupt. Ende der 1960er-Jahre war der Italiener mit dem schlechten Ruf noch weit von Glockenseil-Zombies und Woodoo-Südseeinseln entfernt, die erst gut zehn Jahre später folgen sollten. Der Film ist ein sleaziger Thriller, eine ausgeklügelte Kriminalstory um einen gut betuchten Arzt (Jean Sorel), dem der Tod seiner Frau in die Schuhe geschoben wird. Dieser phantasiert fortwährend von seiner dahingeschiedenen Angetrauten, findet aber alsbald Trost bei einer lasziven, blonden Stripperin (Marisa Mell), eine der absoluten Highlights dieses Schinkens. Die Schlinge der Indizien zieht sich immer fester um den Arzt, der zu guter Letzt in St. Quentin einwandert und vor dem Elektrischen Stuhl bangt.

Fein. Bereits in den ersten zehn Filmminuten wird man mit Bahnhofskino-reifem Schmuddelsex beglückt. Das lässt auf Qualität hoffen. Mit seiner Frau ist der Arzt zerstritten. Er hält sich eine Geliebte (noch nicht die Stripperin, sondern eine Fotografin). Dann stirbt sein Weib, eine bekennende Asthmatikerin, und der leidende Witwer sucht sich Trost bei der Blondine. Ein großes Blondes wie man(n) es gerne hat. Sieht aus wie 'ne Schwedin, ist aber tatsächlich 'ne Österreicherin: Marisa Mell, „bekannt“ aus Bavas GEFAHR: DIABOLIK und TROLL 3. Wer hätte das gedacht!?
Es entfacht ein heißes Spiel aus Eifersucht und Intrigen. Vorangetrieben wird NACKT ÜBER LEICHEN vor allem durch sein flippiges 60er-Jahre-Flair. Alles swingt, flippt und beatet, dass es nur so eine Freude ist. Schauplatz ist zudem San Francisco. Doch auch inhaltlich hat der Streifen einiges zu bieten, was bei Fulci jetzt nicht unbedingt die Regel darstellt. Der Plot entpuppt sich als stark doppelbödig und enthält gleich mehrere Twists, dass einem Hören und Sehen vergeht. Also nicht nur wegen der (auch an heutigen Maßstäben gerechneten) echt heißen Blondine und weil sie ständig nackig oder in super knappen Fummeln herumstakst.

Noch vor seinem Giallo-ähnlichen DON’T TORTUE A DUCKLING, geschlagene zehn Jahre vor Zombieklassiker WOODOO und außerdem bevor ein gewisser Herr Argento überhaupt anfing, in Italien und der Welt von sich reden zu machen, legte Fulci also diesen fetzigen Thriller hin. „Wow!“ kann man da nur sagen. Seine später noch viel ausgeprägter erscheinende Handschrift ist aber auch hier schon gut erkennbar.

Thrill: (+)(+)(+)(-)(-)(-)
Gore: (+)(-)(-)(-)(-)
Nudity: (+)(+)(+)(-)(-)
60’s: (+)(+)(+)(+)(-)

„Gutes Gesicht!“
– „Aber noch besser ist sie da unten!“

Fazit:
Sleaze-Unterhaltung in Reinform und einiges mehr. Im Grunde tut man dem Streifen fast etwas unrecht ihn in diese etwas niedriger angesetzte Schublade zu stecken, denn hier geht in Punkto Thrill und Atmosphäre schon so einiges.
Und wenn ich jetzt mal die „Deadline“ zitieren darf: Für Fulci würde ich auch „Nackt über Leichen“ gehen!

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