Dass die Besichtigung von Ulrich Seidls erstem Teil seiner filmischen Paradies-Trilogie, benannt Liebe, keine bloße Spaßveranstaltung mit anschließendem Gute-Laune-Heimweg sein würde, durfte man schon erwarten: denn immerhin konnte man den medialen Vorberichten auf Seidls aktuelles Werk unübersehbare Warnhinweise auf verstörende und provozierende Bilder entnehmen.Obwohl also innerlich gewappnet, fiel der Kinobesuch denn doch um einige Grade peinigender aus als erwartet. Und das hat (gute) Gründe.
Nun ist das Thema weiblicher Sextourismus keinesfalls so neu, wie es daherkommt, und das hat sicherlich mit dem Umstand zu tun, dass es bislang noch selten künstlerisch bearbeitet worden ist; das bis dato bekannteste filmische Beispiel ist zweifellos der 2005 produzierte Streifen In den Süden mit - einer auch im reifen Alter recht attraktiven - Charlotte Rampling in der Hauptrolle. Weit weniger bekannt und hierbei auch im optischen Vergleich stark abfallend ist Seidls Darstellerin der alleinerziehenden, übergewichtigen und nach Zärtlichkeit dürstenden Mittfünfzigerin Teresa, verkörpert durch Margarethe Tiesel, die hier eine wahrhaft mutige Performance abliefert. Im Job als Betreuerin von Behinderten gefordert, ohne Lebenspartner, dafür mit einer spätpubertierenden, lethargischen Tochter an der Backe, entflieht Teresa kurzerhand ihrem tristen Alltag an die Strände Kenias, wo Sonne, Strand und die einheimischen Beach-Boys (allesamt junge, gutgebaute und willige Toyboys) auf sie zu warten scheinen.
Es ist nicht etwa der oberflächliche Kontrast von welkem, quellendem und weißem Fleisch, welches sich mit straffen, muskulösen und schwarzen Körpern zu vereinigen sucht (verzweifelt, unsicher, fordernd), was beim Betrachter Gefühle der Abwehr, des Fremdschämens und der Pein bewirkt, sondern dafür sorgt eine subtile Dialektik der gegenseitigen Ausbeutung von Tröstern und Getrösteten. Wie sich Teresa und ihre (ebenfalls nicht den marktkonformen Standards weiblicher Schönheit entsprechenden) Urlaubsfreundinnen an körperlicher und seelischer Zuneigung in exotischen Gefilden zu holen versuchen, was ihnen zuhause, im Alltag, in der Beziehung verwehrt bleibt, kann nur als nachholender Sexismus, als offener Rassismus und neokoloniale Attitüde bezeichnet werden. Und doch sind diese fettleibigen, arroganten Österreicherinnen auch ein Stück weit Opfer ihrer eigenen - zum Teil romantischen - Wunschvorstellungen. Es dauert nicht allzu lang, und in die sexuellen Urlaubsfreuden kehrt eine am Ende unverhüllt ökonomische Dimension ein, die jegliche noch so tiefempfunde Sehnsucht nach Liebe oder liebesähnliche Gefühle zu zerstreuen weiß. Mehr noch: was zählt ist nur die ebenso schnöde wie schlichte Austauschbeziehung von Dienstleistung (anderswo: Ware) gegen Geld.
Aber selbst dieses Mitleiden mit den desillusionierten wie gedemütigten Ausbeuterinnen verpufft, weil es hilflos zurück bleibt angesichts der Scheußlichkeiten, welche die qua Alkohol mehr und mehr entfesselten Touristinnen mit einem als "Geburtstagsgeschenk" gemieteten Sexsklaven veranstalten. Und diese Szene ist von quälender Länge, die Drastik der Bilder erreicht quasi ihren Höhepunkt, und es mag manchen Beobachter erstaunen, welche explizit sexuellen Darstellungen heutzutage nicht mehr unter FSK 16 fallen.
In Paradies: Liebe wird vieles zerstört. Hoffnungen, Träume und Begierden, Lebenslügen und die Mär vom idyllischen, behüteten Strandleben, also zu Images verfestigte Bilder und Sehgewohnheiten - alles dies geht gar munter den Bach runter, und das vielleicht auch zurecht. Aber hier soll kein Werturteil geschrieben werden, das steht gerade einem männlichen Rezensenten nicht zu. Aber anzufügen bleibt noch dies: wie kann Mann oder Frau unter den gegebenen, gesellschaftlichen = abgebilderten Verhältnissen überhaupt unbeschwerten Urlaub genießen, wie sich erholen und Kraft tanken für den nachfolgenden Stress in Beruf und Alltag?
P.S.: Die fein komponierten Tableaus der Kameraverantwortlichen erheischen mindestens einen Zusatzpunkt in der Gesamtbewertung, und speziell die allerletzte, kurze Einstellung des Filmes unterstreicht in ihrer symbolischen wie technischen Stringenz die Qualität dieses sperrigen, beschämenden und - im besseren Sinne - skandalösen Werkes. Während also vor dem hellen Strand, dem blauen Meer und dem weiten Horizot Teresa steifhüftig von links ins Bild stapft, tauchen vom rechten Bildrand hintereinander drei radschlagende schwarze Jungs auf; Teresas und ihre Wege kreuzen sich ohne Blicke oder Interaktion, Teresa huscht rechts aus dem Bildausschnitt heraus, die sportiven Jungs verschwinden nach links. Eine Sekunde, dann schwarzer Bildschirm und Abspann. Wunderbar und grauenhaft zugleich, deshalb 7,5/10