Review

Whisky vergibt!

Ken Loach, eher bekannt für seine sozialkritischen, menschlich doch recht bitteren, ehrlichen Dramen der britischen Unterschicht, lässt es in "Angel's Share" ein wenig leichter und humorvoller angehen - zumindest wenn man dem Marketing glauben mag. Doch schaut man dann "Angel's Share", wird einem recht schnell klar, dass es sehr wohl noch ein "Loach" ist - gerade der Beginn ist extrem hart, bitter, brutal, straße. Doch mit der Zeit wärmt und weicht das Ganze deutlich auf, wie ein toller Whisky im Abgang, sodass eine angenehme Mixtur bzw. vielleicht besser ausgedrückt einer wirklich schöner, ungefährlicher "Blend" entsteht... Über einen jungen Mann und Straftäter, der einen anderen Jungen auf Drogen fast totgeschlagen hätte und einer Gefängnisstrafe nur knapp entgangen ist. Und nun kommt er durch Kontakt zu einer Whisky-Brennerei auf den Geschmack und die Inspiration ein neues, gewaltfreies Leben anzufangen - auch für seinen frischgeborenen Sohn...

Filme. Videospiele. Parfum. Whisky. Musik. Das würde ich als absteigende Reihenfolge meiner (Sammler-)Hobbies momentan darlegen. Das kann aber mal deutlich variieren. Und da bietet sich ein Film wie "Angel's Share" natürlich an, der gleich zwei dieser Leidenschaften vereint. Zudem bin ich ebenfalls gerade Vater geworden. Eine weitere Verbundenheit zu "Angel's Share". Straftäter war ich zum Glück bisher nie. Und auch als Ken Loach-Fan würde ich mich nicht unbedingt bezeichnen. Und trotzdem reicht und riecht mein Interesse zu einem solchen Werk natürlich bis in den Himmel. Und ich finde ihn (mit ein paar Abzügen) auch ziemlich toll. Die Balance ist top. Loach verrät seinen Stil und Ton nicht. Obwohl's schon ein gutes Stückchen leichter ist und auch mit fortlaufender Spielzeit noch wird. Es ist weder ein Trinkerfilm noch eine reine Komödie. Kein graues Unterschichtendrama, kein echter Roadmovie und kein Werbevideo für Edinburgh und Umgebung. Auch kein echter Heistmovie gegen Ende. Er ist all das zusammen und doch noch mehr als die Summe seiner Teile. Es geht um Vergebung und Verzeihung, um Inspiration und Talent, um Geschmack und Neuanfänge, um Hoffnung und zweite Chancen. Manch eine Nebenfigur und manch ein flacherer Witz wirkt etwas platt, klischeehaft und zu tiefhängend. Aber in den meisten Fällen trifft "Angel's Share" den richtigen Ton und meinen Geschmack. Selbst wenn die Mischung aus dramatisch-komödiantischen Subgenres vielleicht nicht für jeden funktioniert oder allumfängliche Begeisterung hervorruft. Für einen tollen, leicht nachdenklichen, leicht beschwingten, leicht beschwipsten Nachmittag taugt das Ding aber mal ganz geschmeidig. 

Fazit: Ken Loach macht eine Feel Good-Komödie?! Wunder geschehen. Aber jein. Denn obwohl "Angel's Share" im Verlauf frisch und hoffnungsvoll wird, gibt's schon einen deutlich bittereren und sozialeren Kern als bei vergleichbaren britischen, leichten Komödien. Aber das passt ja auch irgendwie zum Thema Whisky... und zu Loachs eigentlicher Herangehensweise und Überzeugung.

P.S.: Ich würde Untertitel empfehlen bzw. fast als Muss ansehen, da das gesprochene Schottisch doch arg akzentheavy ist.

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