Das Kinder eine lebhafte Fantasie haben, mag wohl keiner bestreiten, der solche sein Eigen nennt, oder im Berufsleben mit den "kleinen Menschen" zu tun hat. Das solch eine Einbildungskraft aber auch in seltenen Fällen schwer nach hinten los geht, bekommt der ehemalige Lehrer Lucas (Mads Mikkelsen), der mittlerweile einen neuen Job in einem Kindergarten gefunden hat, am eigenen Leib zu spüren.
Lucas, der sich gerade im Sorgerechtsstreit um seinen Sohn Marcus (Lasse Fogelstrøm) befindet, kümmert sich sehr liebevoll um alle Kinder an seinem neuen Arbeitsplatz. Auch um die kleine Klara (Annika Wedderkopp), die die Tochter seines besten Freundes Theo (Thomas Bo Larsen) ist. Klara verliebt sich in Lucas und küsst ihn auf den Mund, worauf Lucas ihr sagt, dass man das nur bei seinen Eltern darf. Klara überwindet diese Sache nicht, woraufhin sie der Kindergartenleiterin Grethe (Susse Wold) erzählt, dass sie das Glied von Lucas gesehen hat. Und es hat nach oben gestanden.
Damit bringt Klara eine Welle ins Rollen, die das Leben von Lucas und seiner Familie dramatisch verändert...
Ich meine, wir sind uns in diesem Punkt wohl alle einig. Es gibt wohl keine Personen, die wir mehr hassen und verachten als pädophile Menschen. In Thomas Vinterbergs neustem Film werden wir doch Zeuge, wie ein komplett unschuldiger Mensch dieser abartigen Neigung bezichtigt wird. Das Problem, bzw. eigentlich das Geniale dabei ist, dass wir Zuschauer die einzigen Zeugen sind und wissen, dass dies nur aus einer verschmähten Kinderfantasie entsprungen ist - die (fiktiven) Kleinstadtbewohner jedoch nicht.
So nimmt das Unheil seinen Lauf: Zuerst wird spekuliert, ob an Klaras Geschichte etwas Wahres dran ist. Als Klara später sogar selbst zugibt, dass sie diese Geschichte nur erfunden hat, wird das von den mündigen Bürgern als eine Art Verdrängung abgehakt, die bei traumatisierten Kindern auch üblich sind.
Der Plot, der auf leisen Sohlen daherkommt und sich enorm auf die Entwicklung der Charaktere konzentriert, bezieht seine Intensität und Spannung ganz klar von dem heiklen Thema und dessen Folgen. Wir müssen uns selbst ständig mit der Frage auseinandersetzen: Wie würden wir reagieren, wenn wir wüssten, dass wir in einem Menschen, den wir als guten Freund kennengelernt haben, sich plötzlich als Pädophiler rausstellt? Ob es stimmt oder nicht spielt dabei ab einem gewissem Zeitpunkt keine Rolle. Die Stimme des Volkes zählt und genau das macht den Film zu einem kleinen Meisterwerk.
Aus anfänglicher Abneigung gegenüber Lucas entwickelt sich langsam Groll und Hass auf diese Person, was auch später in unglaublich intensiven psychischen wie physischen Gewaltszenen ausartet. Lediglich sein Sohn und dessen Onkel glauben an die Unschuld Lucas und halten zu ihm, was ihm jedoch keinen wirklichen Halt gibt, da der Mob in Überzahl und allgegenwärtig ist.
Was mir zu Beginn etwas sauer aufstoß (also quasi meine einzige negative Kritik), ist, dass der beschuldigte Lucas anfangs auf die Beschuldigungen zu harmlos reagiert und man als passiver Zuschauer meinen könne, er wäre ins Valium-Fass gefallen. Ich versuche mich in seine Lage zu versetzen und ganz ehrlich: Ich würde ausrasten und handeln. Lucas nimmt alles hin, sagt zwar, dass alles nicht stimmen kann, aber dies mit einer viel zu ruhigen Art.
Regisseur Vinterberg stellt das aber verdammt schick an: Den ansich eh schon ruhigen und vernünftigen Charakter Lucas (Mads Mikkelsen liefert wie so oft eine perfekte Performance) bringt er im weiteren Verlauf förmlich zum Explodieren, so dass hier auch ein paar Szenen an "Falling Down - Ein ganz normaler Tag" erinnern. In manchen Szenen kann man nur staunen und sagen, dass Lucas den Mut eines Löwen mitbringt.
Dennoch geht es hier nicht ausschließlich um den Hauptcharakter sondern auch um seinen Sohn Marcus, der mit der ganzen Sache überhaupt nichts zu tun hat und dennoch zum Opfer aufgrund der Verwandtschaft wird.
Es ist gleichzeitig faszinierend so wie auch schockierend mit anzusehen, wie die Person Lucas nach und nach demontiert wird, seine ehemaligen Freunde sich gegenüber ihm entwickeln und dies alles in einem Finale endet, das man nicht besser hätte lösen können.
Ich kann nur eins sagen: Regisseur Vinterberg (der mir bisjetzt nicht wirklich durch andere Filme aufgefallen war) liefert mit "Die Jagd - The Hunt" eines der besten Dramen 2013 ab und man kann ihm nur gratulieren. Ein heikles Thema wurde grandios umgesetzt mit brillianten Darstellern gespickt und dieser Film setzt jede Menge unterschiedlicher Emotionen frei. Für Leute, die mit ruhigen Erzählpötten klar kommen, müssen hier zugreifen.
10/10