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Exempelbilder eines Urban Noir: Panoramaflug über Los Angeles, angefangen vom Wilshire Boulevard. Zwei, drei Hochhäuser, ansonsten freie Grundstücke, flache Fläche, Raum und Platz zum Erschließen oder einfach nur zum Leben, zum Durchatmen und zum Genießen. Träumerisches Areal, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten in seiner ganzen (ehemaligen) Pracht, vom Tellerwäscher zum Millionär, oder doch die Geschichte, die vom Jäger zum Gejagten geht. Zwischen den Borsalino (und Co.) gedrehtes Thrillerdrama von Jacques Deray:

Der extra aus Frankreich angeheuerte Lucien Bellon [ Jean-Louis Trintignant ] erledigt kurz nach seiner Ankunft in Los Angeles sein Ziel Victor Kovacs [ Ted de Corsia ] in dessen Villa, und mit dessen Sohn Alex [ Umberto Orsini ] samt Ehefrau Jackie [ Angie Dickinson ] nur wenige Meter entfernt. Lucien kommt allerdings auch nicht weit, wird ihm kurz darauf vom ebenso als Profikiller tätigen Lenny [ Roy Scheider ] aufgelauert und er hartnäckig verfolgt. Lucien schlüpft bei der GoGo-Tänzerin Nancy [ Ann-Margret ] unter und plant bald die Flucht nach vorn.

Die ersten Bilder vom Neuankömmling in der Stadt und von Deray im Außeneinsatz arbeiten minimalistisch, bürokratisch, einfache, aber präzise Bewegungen, die Ankunft, die Ruhe in der Vorbereitung noch, das Entledigen der personellen Habseligkeiten und der Austausch des Tascheninhaltes gegen das anonyme Geld und die Waffe, die bis auf eine Patrone aber ebenfalls entleert wird. Das Ziel ist klar und deutlich, normalerweise braucht es nur die eine Patrone. Hier und heute ist an dem nicht. Bald braucht er die Kugeln doch, alle die er kriegen kann, angefangen bei einer Schießerei im Parkhaus als ersten Hinterhalt bis hin zu einer wahrhaft morbiden Beerdigungsfeier, bei dem Tote 'auferstehen', Leichenwagen als Fluchtautos herhalten und Särge samt Inhalt durchlöchert werden; dem sprichwörtlich letzten Gefecht. Trotz mehrerer kleiner Aktionsszenen wie final auch dem Einsatz der extra aus Paris herbeigerufenen Sturmtruppen (in Form von u.a. Michel Constantin) ist man aber eher etwas Edles, etwas für die frankophilen Erwachsenen, welche zum Genuss längerer Einstellungen samt Bewegungen der Darsteller im Raum und nicht nur dem Einsatz von diversen Kameraperspektiven und strammen Schnitt fähig sind.

Trintignant ist als Auftragsmörder tatsächlich als Außenseiter, nicht nur hier in der örtlichen Beschreibung, wo er sich nicht auskennt, nach Sachen fragen muss oder die Autokarte als Hilfe zur Orientierung benutzt. Wo er von einem kleinen Jungen, dem elfjährigen Jackie Earle Haley in die heimische abendliche Fernsehkunst von Bonanza und Raumschiff Enterprise eingeweiht wird ("Das zweite Triebwerk ist ausgefallen! Bremsraketen einschalten! Wir werden auf dem Mars zwischenlanden!") und ohne Rücksicht auf Verluste in die lukullische Spezialität ("Nanu, Sie essen ja fast gar nichts. Naja, so kann's auch nicht schmecken. Hier, nehmen Sie doch etwas Ketchup....So, versuchen Sie jetzt."), wonach der Bub dann links und rechts doch zwei schnelle und zwei schallende Ohrfeigen einsteckt. Wo er auch in einer schäbigen Fremd- und nicht der wohlklingenden Muttersprache parlieren muss. Sonst der Gestalter, hier der Spielball. Sonst der Beobachter außerhalb der Menge, hier als unfreiwilliger Ehrengast im Menschenzoo Los Angeles, einer Full Frontal Peepshow und mittendrin.

Sowieso ist hier einiges am Ändern, von den ersten tollen Bildern, dem edlen Hotel und der pompösen Villa in Beverly Hills mit gediegenen Wohnzimmer samt Außenpool und riesiger Gartenterrasse geht es alsbald in die normalen Behausungen und dann ganz in die Absteigen, in die Oben-Ohne-Bars und Slums; bei einem Abstecher einer Hetzjagd zu Fuß und per Auto mit auch mehreren alarmierten Polizeikräften wechselt man auf ein vollkommen ruinöses Pier, dass mal die Massen im Sommer anlockte, und nun nur noch zerfetztes und brüchiges Einzelteil im gleißenden Tageslicht ist.

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