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In Brandon Cronenbergs sensationellen Spielfilmdebüt Antiviral - seinem ersten Langfilm nach den beiden Shorts Broken Tulips (2008) und The Camera and Christopher Merk (2010) - nimmt der Starkult erschreckend monströse Formen an. Auf den ersten Blick mögen einem diese bizarren Auswüchse, die uns hier mit einer effektvollen Nüchternheit und einer frösteln machenden Emotionslosigkeit vor Augen geführt werden, vielleicht unmöglich erscheinen. Dieses ungeheuerliche Szenario mutet einfach zu pervers, zu abstrus und zu krank an. Doch wenn man darüber nachdenkt, welch absonderliche Blüten die ungesunde Fixierung auf Berühmtheiten in unserer Gesellschaft bereits treibt, wird man sich der kalten Schauer, die einem unwillkürlich über den Rücken rieseln, kaum erwehren können. Sich wie die vergötterten Stars kleiden, wie sie riechen, wie sie aussehen, ihren Schmuck tragen, auf ihren Spuren wandeln, ihre Privatsphäre ignorieren... das alles ist doch inzwischen gang und gäbe und wird als normal akzeptiert. Berichte über das Stalking eines angehimmelten Stars überraschen niemanden mehr, und selbst der Einbruch in die Häuser der Berühmtheiten, um in ihren Sachen zu wühlen oder sich gar ihren Besitz anzueignen, um einfach für kurze Zeit das Gefühl zu haben, ihnen ganz, ganz nahe zu sein, ist längst Realität (siehe auch Sofia Coppolas The Bling Ring). Ist es da wirklich so ein großer Schritt, das Leben bzw. das Leiden der Stars zu spüren, im wahrsten Sinne des Wortes?

Die Lucas Clinic hat sich darauf spezialisiert, die Krankheiten der Superstars unters zahlungswillige Volk zu bringen. Eine flotte Grippe hier, ein häßlicher Ausschlag da, etwas starkes Fieber dort, und eine unangenehme Infektion da drüben. Alles recht harmlose Sachen, schließlich will man seine Kundschaft nicht vergraulen, indem man sie umbringt. Der Star verkauft seine Krankheit (welche vor Ort direkt aus seinem Körper entnommen wird) an die Lucas Clinic. Diese wandelt sie um, damit sie für jedermann bzw. -frau verträglich ist, gibt ihr ein schrecklich-schönes Gesicht (man will ja sehen, was man erwirbt), ergänzt sie um einen Kopierschutz (die geschätzten Kunden sollen die Krankheit bloß nicht untereinander verbreiten), und verkauft das Serum an die promigeile Zielgruppe: vermögende Männer und Frauen, die ihrem langweiligen Leben etwas Kick geben wollen, indem sie sich ihren Lieblingsstar ins Blut spritzen. Und ihn dann in sich spüren. Syd March (großartig: Caleb Landry Jones aus X-Men: First Class) ist einer der Topverkäufer der Lucas Clinic. Aber das reicht ihm nicht. Trotz strengster Sicherheitsvorkehrungen schafft er es immer wieder, neue Krankheiten aus der Klinik zu schmuggeln, indem er sie sich selbst injiziert, um sie später in seiner Wohnung mit einem speziellen Gerät wieder zu extrahieren, den Kopierschutz zu umgehen und an einen Schwarzmarkthändler zu verkaufen. Eines Tages wird er ans Krankenbett des so wunderschönen wie gefragten Superstars Hannah Geist (she's perfect somehow: Sarah Gadon aus A Dangerous Method) gerufen, um ihr eine neue Krankheit, welche sie sich anscheinend in Asien eingefangen hat, zu entnehmen. Syd zögert nicht lange und steckt sich selbst damit an. Am nächsten Tag erfährt er aus den Medien von Hannah Geists plötzlichem Tod...

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Tatsächlich hat man den Eindruck, daß der Apfel noch mit dem Baum verbunden ist, vielleicht durch eine biosynthetische Nabelschnur. Was uns David Cronenbergs Sohn Brandon hier auftischt, ist Cronenberg pur. Bizarr, verstörend, faszinierend, provokativ, kompromißlos, gewagt, fetischistisch, schockierend. Ein bildgewaltiger Alptraum, der unter die Haut geht, wie die langen Nadeln der Spritzen, die sich immer wieder bildschirmfüllend ins weiche Fleisch bohren, um die Saat zu pflanzen. Dabei schafft Cronenberg das Kunststück, daß Antiviral sowohl als bissig-böse Gesellschaftssatire als auch als schonungsloser Medizin-Horror-Trip funktioniert, der uns in eine nahe Zukunft entführt, in der die Menschen dank Biotechnologie ihre dunklen, starfixierten Obsessionen ausleben. Wie Vampire laben sie sich an den Krankheiten ihrer Idole, wie Junkies gieren sie immer wieder nach einem neuen Fix. Ein junger Mann brüstet sich gar damit, sämtliche Krankheiten seines Lieblings in sich zu haben. Ob das seinem Körper gut tut oder nicht, ist egal; Hauptsache, er ist seinem Idol so nah wie niemand sonst. Auch Syds Körper ist schwer angeschlagen, zuviel hat er ihm bereits zugemutet. Besonders nach der fatalen letzten Injektion, entnommen aus dem Körper der todkranken Hannah Geist, geht es mit ihm rapide bergab. Sein von Beginn an heller Teint steigert sich zu einer erschreckenden Leichenblässe, und bald stapft er orientierungslos wie ein Zombie durchs Geschehen, ein Spielball von Ärzten, Konzernen und Schwarzmarkthändlern (in einer Nebenrolle mit dabei: Malcolm McDowell (A Clockwork Orange) als Dr. Abendroth). Das blendend-helle, klinisch-sterile Setting, ganz toll und präzise eingefangen von Subconscious Cruelty-Regisseur Karim Hussain, bildet einen exquisiten Kontrast zu den - im Laufe der Zeit immer vermehrter auftretenden - roten Spritzern. Das blitzblanke, grelle Weiß, von rotem Blut besudelt. Ganz starke Bilder sind das. Ganz stark ist auch der minimalistische Score von E.C. Woodley, der an einigen Stellen höchst effektiv aus den Lautsprecherboxen dröhnt.

Aber nicht nur die Reichen sind Opfer des Celebrity-Wahns. Auch der Schwarzmarkt blüht, als kostengünstige wenn auch etwas riskante Alternative, und dort existieren keine Geschmacksgrenzen. So werden aus den Zellen der Stars regelrechte Kulturen angelegt, um ihr Fleisch zu züchten. Und um es dann zu verkaufen, z. B. als Steak oder Würstchen. Der Fan verzehrt sein Idol, hat es im wahrsten Sinne des Wortes zum Fressen gern. Eine morbide neue Form von Kannibalismus. Wenn man sich Brandons Antiviral ansieht, werden unwillkürlich Erinnerungen an ältere Filme seines Vaters David wach. Filme wie Crimes of the Future, Rabid, The Brood, Videodrome, Dead Ringers, Crash, oder eXistenZ. Und doch ist Brandon Cronenbergs Erstling völlig eigenständig, erstaunlich originell, und wirkt zu keiner Zeit abgekupfert. Es ist die grausige Vision eines jungen, radikalen Filmemachers, der sich im riesigen Schatten, den sein Vater wirft, sehr wohl zu fühlen scheint. Von der grandiosen Eröffnungsszene (Syd sitzt auf einer Bank vor einem riesigen Werbebild von Hannah Geist, mit einem Fieberthermometer im Mund) bis zum zutiefst grausamen aber konsequenten (Happy?-)Ende ist Antiviral ein stilistisch und visuell atemberaubend in Szene gesetzter Schocker, dessen kalter, widerlicher Faszination man sich einfach nicht entziehen kann. Wie heißt es so schön in Videodrome? Long live the new flesh. Ein Satz, der am Ende auch auf Antiviral zutrifft.

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