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"Spider" nimmt innerhalb von David Cronenbergs Filmografie einen besonderen Platz ein - sticht er doch stilistisch und inszenatorisch deutlich heraus. Und doch ist die Handschrift des kanadischen Regie-Asses klar zu erkennen: Dennis "Spider" Cleg, ein Mann mittleren Alters, verlaesst das Abteil eines gerade eingefahrenen Zuges, um sich dann wie verloren, wie von einer anderen Welt stammend auf dem Bahnhof einer englischen Großstadt wiederzufinden. Unverstaendliche Wortfetzen brabbelnd, begibt er sich auf die Suche nach einer Adresse, welche ihm ein Zettel in seiner Hand verraet. Das angestrebte Domizil entpuppt sich als eine relativ gut besuchte, im Arbeiterviertel der Stadt gelegene Pension. Die herrische Hausmutter beginnt, ihn zu bevormunden und mischt sich auch sogleich in Spiders Privatsphaere ein, was der autistische Mann ohne Gegenwehr zulaesst. Allein in seinem Zimmer, beginnt der Mann sein Notizheft zu begutachten und ueber die Vergangenheit nachzudenken.


Die Geschichte des Spider (Ralph Fiennes) nimmt ab diesem Punkt deutlich konfuse, surreale Zuege an und verzichtet auf den Gebrauch einer geradliniegen Narrativen. Das ist auch verstaendlich, kommt Spider doch nach jahrelanger Isolation in einer Psychatrie zurueck ins vermeintlich normale Leben - wobei sich spaeter herausstellen wird, dass er sich immer noch bzw. wieder in einer Anstalt befindet - und begibt sich selbst auf eine erschreckende Reise in seine Vergangenheit, verwebt Realitaet, Traum, Wunsch und Gegenwart miteinander. Spider erlebt die Schluesselszenen seiner Kindheit, die er scheinbar lange Zeit verdraengt hatte, als stiller Beobachter erneut, unentwegt Notizen machend, so als haette er Angst, etwas (erneut) zu verdraengen. Hierbei wird erst sehr spaet deutlich, dass der schizophrene Spider keineswegs das Produkt der von ihm "zusammengesponnenen", verkorksten Kindheit ist - im Gegenteil: dieser ganze Ausflug wirkt als eine Art Entschuldigung fuer sein eigenartiges, gestoertes Verhalten, als klammere er sich krampfhaft an falsche Erinnerungen, um die Wahrheit nicht ertragen zu muessen. So wird die hoechstwahrscheinlich von ihm fahrlaessigerweise getoetete, eigene Mutter in seinen Wahnvorstellungen zu der schmierigen neuen Frau seines Vaters. Nachdem die beiden zusammen die von ihm ueber alles geliebte Mutter getoetet haben, "raecht" sich Spider durch ein selbst konstruiertes Spinnennetz aus Garn, mit dessen Hilfe er die Gasversorgung des Herdes anzapft - die Mutter/Geliebte stirbt an einer Gasvergiftung.


Der eigentliche Clou des Ganzen besteht darin, dass fuer den Zuschauer nicht zu unterscheiden ist, ob Spiders Geschichte der Wahrheit entspricht, oder nur ein Produkt seiner verqueren Vorstellungen darstellt. Die, im Vergleich zu anderen Werken, eher langsame, ruhige Inszenierung passt sich optimal dem Gemuet Spiders an und erweist sich somit als ideale Wahl. Interessant ist dieses eindrucksvoll gespielte Drama allemal, brillieren Schauspieler - allen voran Ralph Fiennes als Dennis "Spider" Cleg - Regisseur, Kameramann und Komponist wie gewohnt auf hoechstem Niveau miteinander. Ein Film, ueber Verdraengung als Prinzip des Vergessens, mit deutlichen Referenzen an Freud als Zuhilfenahme, Deutungsschema zum besseren Verstaendnis des Geschehenen. Auf den ersten Blick kein typischer Cronenberg, bei genauerer Betrachtung laesst sich die unverkennbare Handschrift des Meisters aber nicht leugnen oder gar uebersehen.

8/10

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