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SPIDER ist ein wirklich großer Film. Cronenbergs bisher reifstes Werk und sein bewegendstes. Ein erstaunlich stiller Film und doch zutiefst erschütternd.

Cronenberg hat es zum ersten Mal geschafft, die Innenschau seines Protagonisten nicht nach außen zu kehren (wie in VIDEODROME oder THE BROOD genial umgesetzt). Wir sehen hier direkt in die gequälte Seele eines fragilen Menschen, wir begleiten seine verzweifelte Suche nach der Wahrheit und sehen doch immer nur die Welt mit seinen Augen. Wir sind verwirrt und berührt von diesem seelisch zerstörten Mann und erschüttert über sein entsetzliches Geheimnis, dass er sein Leben lang mit sich herumgetragen und an dem er schließlich zugrunde gegangen ist. Das ist weniger schockierend als traurig. Und so hinterlässt einen der Film auch: traurig und sehr nachdenklich.

SPIDER hat viele surreale Elemente, die Cronenberg jedoch unaufdringlich einsetzt. Sie stehen nicht für sich selbst und haben keine tiefere Bedeutung als eben die Innenschau dieses Menschen zu realisieren. Das innere Zerwürfnis findet sich im Äußeren wieder wie in einem Spiegel und wir erkennen mit Spider schließlich den wahren Charakter dieser Außenwelt als Projektion und Abwehr seiner Schuldgefühle. So durchleben wir mit ihm sein reaktiviertes inzestuös gefärbtes Kindheitstrauma und erlangen am Ende Einsicht in die wahre Natur seiner Störung. Getrieben von der Wahrheit, muss sich Spider schließlich selbst erkennen. Das ist kein Happy-End, aber ein Sich-Stellen der Vergangenheit und eine Aussöhnung mit den eigenen Schuldgefühlen und der eigenen Verantwortung. Im Wiederfinden verliert er sich und gewinnt sich doch irgendwie neu.

Ralph Fiennes schauspielerische Leistung kann nicht genug gewürdigt werden. Seine Darstellung des Spider verdient höchstes Lob und hat mir mehrfach eine Gänsehaut verschafft. Aber auch die anderen Darstellerleistungen sind exzellent, allen voran die der genialen Miranda Richardson und von Gabriel Byrne. Das ist Schauspieler-Kino auf höchstem Niveau wie man es heutzutage nur selten sieht.

Auch wenn Vergleiche immer hinken: SPIDER erinnert an Bergman und Antonioni und an den frühen Saura. Wer einen typischen Cronenberg erwartet, dürfte enttäuscht sein (ohne die vielen Meisterwerke dieses genialen Regisseurs schmälern zu wollen). Wer sich allerdings auf einen gefühlvollen und sensiblen Blick in eine zerrüttete und verwirrte Seele einlassen kann, wird mit diesem Film reichlich belohnt werden.
Aber: unbedingt in der Original-Fassung anschauen, da jedwede Synchronisation den Charakter des Filmes zugrunde richten dürfte (gilt eigentlich für jeden Film, für SPIDER aber umso mehr).

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