David Cronenberg ist inzwischen endlich als der herausragende Regisseur anerkannt, der er tatsächlich ist. War er in den 80er Jahren noch als "Splatter director" fälschlicherweise verschrien, so begannen sich die Kritikermeinungen spätestens mit Beginn seiner frühen Spitzenphase ab The Brood (1979) zu ändern. Danach folgten Scanners (1980) und Videodrome (1982), zwei Filme die das Genre des Phantastischen auf je eigene Art sprengten und Cronenberg über die Grenzen des Genre-Publikums interessant machten. Hatten diese frühen Filme noch einen starken Hang zum Körperlichen, was sich meist in spektakulären Make-up Effekten äußerte, so begann sich das Interesse des Kanadiers mit The Dead Zone zu den innerlichen Abirrungen und Zuständen der condition humaine zu verschieben. Aus dieser zweiten Hochphase ist insbesondere Dead Ringers (1988)herauszuheben, dessen ruhig erzählte Geschichte wie kaum eine andere mitzureißen weiß.
All diese Erfolge und Achtungserfolge (bis auf The Fly waren die meisten seiner Filme eher nur einem ausgewählten Arthouse Publikum zugänglich), die sich auch in einigen großangelegten Retrospektiven (zwei davon in Österreich) niederschlugen, konnten aber kaum auf ein solch einsames Meisterwerk wie Spider vorbereiten.
Gänzlich vorbei ist das Interesse an der Psychosomatik (das mit eXistenZ noch eine bisweilen leicht selbstironische Reprise gefunden hatte), hier geht es um die Abgründe der menschlichen Psyche allein. Die Bilder sind ruhig, die Erzählung erstaunlich linear, doch die Details zur selben Zeit erhellend wie verwirrend. Der Zuschauer wird nicht mit der Befriedigung eines gelösten Problems aus dem Saal (wenn er das immense Glück hatte, diesen Film in einem Kino zu sehen) entlassen, dafür aber mit der Gewißheit, daß der Grat zwischen einer normalen Existenz und der völligen Ver-rückung so schmal ist, daß man sich seiner geistigen Stabilität nicht mehr so sicher ist, wie man es vielleicht vorher war.
Die Geschichte ist vergleichsweise simpel: "Spider" (seinen wirklichen Namen erfahren wir nicht) wird aus einer psychiatrischen Anstalt in ein "halfway-house" entlassen, das ihm den Übergang zu einer selbstbestimmten Existenz ermöglichen soll. Doch er ist zu sehr in seiner Wahnwelt gefangen und beginnt, die alten Orte seiner Kindheit aufzusuchen, was zur Folge hat, daß sich sein Zustand verschlimmert, bis er schließlich wieder in die Anstalt überführt wird.
Die Eröffnungssequenz setzt den Ton des Films: in einem Londoner Bahnhof kommt ein Zug an und Menschen steigen aus, allein, zu zweit, lautes Gebrabbel und Gewusel. Als die meisten weg sind, steigt zögernd und tastend Spider aus und steht so unnachahmlich windschief am Bahnsteig, daß kein Ton mehr gesagt werden muß, alles ist klar.
Die Kameraarbeit von Cronenbergs "regular" Peter Suschitzky ist wieder ausgezeichnet, die Bilder strahlen eine merkwürdige kalte Klarheit aus, die zusammen mit der öden Umgebung der Londoner Stadtteile, in denen sich Spider bewegt, eine ungemein bedrückende Atmosphäre ergeben, eine Art Leinwand für Spiders wirre "Nachforschungen", die mit den staubigen, knarrenden - "spinnwebigen" - Innenräumen scharf kontrastiert.
Doch nur mit Regie, Buch und Technik ist noch kein Film gewonnen, denn ein einziger schlechter Schauspieler kann dieses mühsam aufgebaute Gebilde schon schwer kompromittieren. Doch einen solchen sucht man hier vergeblich. Ralph Fiennes in der Hauptrolle ist sozusagen ein Äquivalent seines Film-Alter-Egos, die rauchvergilbten Spinnenfinger, das schmale, fiebrige Gesicht, der dünnen Rahmen, auf dem unförmig ein alter Mantel hängt - diesem Mann nimmt man den Wahnsinn ohne Wenn und Aber ab. Besonders erwähnt aber sollte die Leistung Miranda Richardsons werden, denn sie spielt sowohl die zurückhaltende Mutter Spiders als auch die Gossenhure, die sein Vater später anstelle seiner Mutter ins Bett nimmt, und zwar beide Charaktere so überzeugend, daß ich beim ersten Ansehen noch von zwei Schauspielerinnen ausging. Und auch die Nebenrollen sind großartig besetzt: Lynn Redgrave als bestimmte und immer geschäftige Wirtin des Übergangshauses wie auch John Neville als der einzige Mensch, der versucht, eine Beziehung zu Spider aufzubauen und natürlich auch Gabriel Byrne als Spiders Vater, der sowohl dämonisch als auch väterlich erscheinen muß - sie alle liefern 1A Performances ab.
Das gemeinste Rätsel ist das, das nicht mehr gelöst werden KANN, wie die Fans ungelöster Kriminalfälle wie z. B. den berüchtigten Whitechapel Morden, die gemeinhin einem Mann, der den Spitznamen Jack The Ripper bekam, zugeschrieben wurden, bestätigen können. Im Falle Spiders ist es die Frage, wer seine Mutter umgebracht hat. Die Unmöglichkeit der Lösung ergibt sich hier aber aus der Perspektive Spiders, die dem Zuseher als einzige angeboten wird. Die Personen der Mutter und der Hure verschwimmen (so ist die Doppelrolle Richardsons mit Bedacht gewählt), was den Mord des Vaters an der Mutter und dem schlußendlichen von Spider an der Hure zusammenschmelzen läßt und die Frage der Schuld drängend in den Raum stellt.
Wer jetzt denkt, ich hätte einen unangekündigten Spoiler gesetzt, wird spätestens mit dem ersten Ansehen eine besseren belehrt, den mit diesem Dénouement fängt das Rätsel des Films erst an. Ist Spider allein der Möder oder hat er im Gegenteil ein Unrecht gerächt? Das ist Spiders Wahn und gleichzeitig seine eigene Wirklichkeit, die er in irren winzigkleinen Buchstaben in ein Notizbuch kritzelt, ohne der Lösung näher zu kommen. Als er in seiner Verwirrung dann die Person der Wirtin ("Mutter" der Gäste) töten will, wird die Rückkehr in die Anstalt unausweichlich.
Cronenberg ist am meisten für seine eigenen Drehbücher bekannt, wobei übersehen wird, daß er auch ein ausgezeichneter Verfilmer von Literatur ist. Viele seiner besten Filme beruhen auf Werken anderer Autoren: Dead Ringers auf Bari Woods gleichnamiger Novelle, The Dead Zone ist eine der besten King-Verfilmungen, die leider fast nicht mehr bekannt ist, Crash ist natürlich J. G. Ballard, The Naked Lunch eine Hommage an William Burroughs usw. Mit Patrick McGraths Spider hat er aber diesbezüglich (und auch im Bezug auf sein Werk überhaupt) sein Meisterwerk geliefert. So beunruhigend und verstörend wird kein Film in den nächsten Jahren sein. Der Untertext dieser hintergründigen ödipalen Geschichte, in der es auf fast klassisch psychoanalytische Weise um Sexualität und Todestrieb geht - allein die Spinnenmetapher für die Frau, die nach dem Geschlechtsakt ihren Mann vernichtet, als auch für die verästelte menschliche Psyche deutet schon darauf hin - macht die Sache erst wirklich mitreißend, zumal auf dem Hintergrund eines fast literarischen Englandbildes, auch wenn die Ereignisse im 20. Jahhundert spielen. Hier ist einmal ein Beispiel eines kongenialen Zusammenspiels von Literatur und Film.
Wenn man bedenkt, daß zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Reviews noch immer kein Kinoveröffentlichungstermin für Deutschland feststeht, während jeder kleinste Studiofurz aus den Senkgruben Hollywoods in die Kinos gekotzt wird, dann möchte man einfach nur heulen!
Eines der 10 beeindruckendsten Werke der Filmgeschichte!