Das sich bei den Oscarverleihungen nur selten Filme aus anderen Ländern, als aus Hollywood, in die Nominierungslisten außerhalb der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film", einschleichen können, ist hinlänglich bekannt. Die Amis mögen halt doch lieber ihre eigenen Werke auf den jeweiligen Treppchen sehen. Eine löbliche Ausnahme sind da allerdings die Filme des französischen Produzenten Didier Brunner, in der Kategorie Bester Animationsfilm. Bereits mit den Animationsabenteuern "Das große Rennen von Belleville" und "Der Illusionist" wurde er für den begehrten Preis nominiert, wenn auch leider bisher nicht ausgezeichnet. Und 2014 hat er es mit "Ernest & Célestine" erneut geschafft. Und das aus gutem Grund: "Ernest & Celestine" ist schlichtweg ein hervorragender Film.
Die Geschichte handelt von einem Bären und einer Maus. In ihrer Welt gibt es eine klare Rangordnung: Die Bären leben in der Oberschicht auf der Erde, die Mäuse dagegen Untertage. Lediglich eine Sache verbindet die beiden Welten: ihre Zähne. Denn die Mäuse haben heraus gefunden, dass sich Bärenzähne gut als Ersatz für die eigenen Beißer eignen. Also holen sich die Mäuse Tag für Tag die herausgefallenen Zähne der Bärenkinder. Auch Célestine gehört zu diesem Trupp. Als sie jedoch eines Tages in einer Mülltonne feststeckt und vom grummeligen Bären Ernest gerettet wird, entspinnt sich eine ungewöhnliche Freundschaft... Wie man es der Geschichte schon entnehmen kann, ist die Story um "Ernest & Celestine" vor allem eine Parabel auf die Verbindung zwischen zwei Welten, die in den Augen der Beteiligten eigentlich nicht zusammen passen. Eine Geschichte um die Freundschaft zwischen jemandem aus der Ober- und der Unterschicht, bzw. sogar eine Geschichte um das Thema Vorurteile gegenüber Fremde und Fremdenhass. Auf kindgerechte Art und Weise wurden die schwierigen Themen umgesetzt und wirken in jedem Moment nachvollziehbar und glaubwürdig, sowohl für Kinder als auch für Erwachsene.
Kinder können sich sehr schnell mit den Figuren identifizieren und deren Gefühle nachvollziehen. Ohne sonderliche Bösartigkeiten aber immer mit Mut und Verstand, geht das Publikum hier mit seinen beiden Hauptcharakteren auf einen abenteuerlichen Tripp, zwischen den beiden Welten die unterschiedlicher kaum sein könnten, sich dabei aber dennoch ähnlicher sind, als man oberflächlich meinen könnte. Wie in unserer Welt, gilt es dabei vor allem Vorurteile zu überwinden und sich gegenseitig zu helfen, anstatt zu hassen. Und genau das ist die übermittelte Botschaft von "Ernest & Célestine", ohne jedoch mit der Moralkeule zu schwingen. So und nicht anders wünscht man sich einfach eine Geschichte dieser Art.
Hinzu kommt die ungewöhnliche Art der Animation. Für einen Kinderfilm fast schon zu ungewöhnlich, ist der komplette Film in Aquarell-Zeichnungen gehalten worden. Wie ein lebendig gewordenes Gemälde, spielen sich die zum Teil wunderschönen Animation vor des Betrachters Auge ab. Zwischendurch werden diese zudem noch einmal durchbrochen mit so manch visueller Spielerei, die gerade Kinder begeistern dürfte. Auch wenn es sicher nicht allzu einfach ist, die computeranimationsverwöhnte Generation von heute davon zu überzeugen, sich einen 80 minütigen Film dieser Art anzuschauen, nach spätestens fünf Minuten dürften auch sie hin und weg davon sein. Na und Erwachsene werden von dieser Art der Animation erst recht überzeugt sein.
Somit ist "Ernest & Célestine" ein perfekter Animationsfilm in jeder Hinsicht. Er ist ungewöhnlich, überraschend, liebenswert, dabei jedoch auch actionreich, witzig und in keinster Weise dröge oder zäh. Er erzählt eine tagesaktuelle, schwierige Geschichte auf kinderleichte Art, ohne sich dabei jedoch in Kitsch oder zu naiven Szenen zu verstricken. Umgesetzt in, für heutige Filme, ungewöhnliche und mutige Animationsbilder und fertig ist ein Produkt, dass durch alle Altersklassen hinweg überzeugen dürfte. Bravo Didier!
Wertung: 8,5/10 Punkte