Der nach dem Krimi „Satanás“ zweite Spielfilm des kolumbianischen Regisseurs Andrés Baiz entstand im Jahre 2011 in kolumbianisch-spanischer Koproduktion: „Das verborgene Gesicht“ wurde ein Grusel-Thriller, der weitestgehend auf Effekthascherei verzichtet und stattdessen verstärkt auf klassische Spannung und Suspense setzt.
Der spanische Dirigent Adrián Salamanca (Quim Gutiérrez, „The Last Days – Tage der Panik“) ist mit seiner Freundin Belén (Clara Lago, „Der Selbstmörder-Club“) nach Bogota, Kolumbien, gezogen, um dort ein Jahr lang das Symphonieorchester zu leiten. Doch als er eines Tages nach Hause kommt, findet er eine Videobotschaft Beléns vor, in der sie ihm mitteilt, dass sie ihn verlassen hat. Sein Frust treibt ihn in eine Kneipe, wo er sich betrinkt und von der Kellnerin Fabiana (Martina García, „Satanás“) abschleppen lässt. Beide werden ein Liebespaar und schon bald zieht Fabiana in das große Landhaus deutscher Konstruktion mit ein – wundert sich jedoch darüber, dass Adrián seine Ex-Freundin nie erwähnt hat. Die scheint spurlos verschwunden und die Polizei sucht nach ihr. Ebenso merkwürdig sind die Geräusche, die aus den Wasserabflüssen zu dringen scheinen, generell verhält sich das Wasser irgendwie seltsam. Handelt es sich um Beléns Geist, der ruhelos umherspukt, um auf sich aufmerksam zu machen…?
Was zunächst den Anschein eines klassischen Spukfilms erweckt, schlägt mehr als nur eine unerwartete Wendung ein und da diese es sind, von denen die Handlung lebt, wäre es Sünde, diesen auch nur ansatzweise vorzugreifen. Wie kaum ein zweiter Film, die ich in der letzten Zeit gesehen habe, schafft es „Das verborgene Gesicht“ nämlich, Spannung, also die fesselnde Neugier, wie es weitergeht und Suspense, also den aus dem Wissensvorsprung des Zuschauers gegenüber den Protagonisten resultierenden Nervenkitzel, gleichzeitig auf die Spitze zu treiben und miteinander zu kombinieren. Dies geschieht anhand einer zwar arg konstruierten, dennoch nicht völlig realitätsfern anmutenden Geschichte, die sowohl die eine oder andere Urangst anspricht, als auch aus Liebes- und Beziehungsfragen entspringende Befürchtungen auf die Spitze treibt und dabei sämtliche Register zieht. Dies geht so weit, dass Baiz Liebe als eine Art Krieg zeichnet, auf perfide Weise mit den Emotionen der Zuschauer spielt und trotz aller Beispiele übertretener Moralgrenzen seiner Rollen diese stets so nachvollziehbar agieren lässt, dass sich manch einer vor sich selbst erschrecken mag – davor, wozu auch er möglicherweise unter diesen Umständen fähig wäre.
„Das verborgene Gesicht“ packt den Zuschauer mehrmals auf unterschiedliche Weise an Herz, Ver- und Anstand und zwingt ihn zu veränderten Sichtweisen, die ihn eiskalt erwischen. Belohnt wird er für die Achterbahnfahrt der Gefühle neben der sehr gediegenen Atmosphäre mit ebenso talentierten wie zeigefreudigen, attraktiven Schauspielerinnen, die dem Film zusätzlich etwas Verruchtes und knisternd Erotisches verleihen, was Folter und Leidenschaft zugleich ist.
Ein überaus gelungener, psychologisch intelligent gestrickter Film gerade auch für ungemütliche Herbstnächte, der subtil im Vorbeigehen auch das Phänomen in Südamerika abgetauchter deutscher Verbrecher erwähnt und lediglich in seinem Aufbau zu Beginn leider dann doch nicht ganz die Finger von den Spezialeffekten lassen konnte (was jedoch nur eine, aber eben inkonsequente Szene betrifft). Abgeraten sei jedoch unbedingt, vor Genuss des Films den Trailer anzusehen, den Covertext der „20th Century Fox“-DVD zu lesen oder auch nur das DVD-Menü zu aufmerksam zu betrachten. Setzen, 6, deutscher Vertrieb!