Nachdem Sam Raimi und seine Leute für einen vierten „Spider-Man“-Film nicht mehr zusammenkamen, hieß es im Hause Sony: Alles auf Anfang. Schließlich wollte man die Lizenz nicht wieder abgeben, gerade jetzt, wo Marvel selbst die große und erfolgreiche Superhelden-Offensive gestartet hatte.
Wo Raimis „Spider-Man“ 2002 noch ein Film ohne planbaren Mega-Erfolg war, trotz der Erfolge von „Blade“ und „X-Men“ in den Vorjahren, konnte man sich 10 Jahre später der Superheldenpopularität gewiss sein. Ergo verzahnt die Neuauflage von Marc Webb das zu bildende Universum bereits deutlich mehr, lässt die Parker-Eltern Richard (Campbell Scott) und Mary (Embeth Davidtz) nicht nur persönlich auftreten, sondern zeigt sie als Flüchtige, die Klein-Peter bei Onkel Ben (Martin Sheen) und Tante May (Sally Field) abliefern. Daddy Parker forschte für Oscorp, die Frage, ob die beiden tatsächlich bei einem Flugzeugabsturz umkamen, beantwortet „The Amazing Spider-Man“ nicht, sondern lässt sie für später (also Sequels) offen.
Doch auch Peter Parker (Andrew Garfield) als Teen ist ein anderer: Kein netter Bubi, sondern ein selbstgewählter Außenseiter, ein brillanter Tüftler, der auch an einem Programm für naturwissenschaftliche Begabte teilnimmt, ähnlich wie Gwen Stacy (Emma Stone). Als Peter alte Sachen seines Vaters und Hinweise auf dessen Forschungen findet, schleicht er sich bei Oscorp ein, wo Gwen arbeitet. Bei seinen Schnüffeleien wird Peter von einer radioaktiv gepimpten Spinne gebissen, worauf er sich erst unwohl fühlt, danach aber enorme Kräfte und ein neues Gefühl für Halt an jeder Fläche findet. Das muss Webb dann in einer etwas kindischen Slapstick-Sequenz auskosten, die an Raimi erinnert, während sich sein „Spider-Man“ sonst eher in Richtung des düsteren Superheldenkinos von Christopher Nolan bewegt.
Düsterer ist auch Peter Parkers Dilemma, dem das Vorgänger-Credo „Mit großer Kraft kommt große Verantwortung“ noch besser stehen würde als der vorigen Interpretation: Wenn ein rebellischer, vorlauter Peter einen Räuber entkommen lässt, dann ist er hier noch unmittelbarer Schuld daran, dass dieser Onkel Ben quasi vor Peters Augen erschießt (der im Gegensatz zu Peter eben das Richtige tun und ihn stoppen will). Peter wird daher zum Vigilanten, wenn er sein Spider-Man-Kostüm anzieht, auch wenn er den Täter nicht findet, und eher zufällig zum Helden. Und seine Schuld geht auch dahin weiter, dass er Dr. Curt Connors (Rhys Ifans), dem früheren Partner seines Vaters, mit einer Formel hilft, welche die Regeneration menschlichen Gewebes durch Reptilien-DNA ermöglichen soll.
Denn Connors, dem selbst ein Arm fehlt, startet einen Selbstversuch, der ihn zum Mutanten macht: Der Lizard ist geboren. In dieser Gestalt wird er zu einer Art Mr. Hyde des netten Dr. Connors und zum ersten Superschurken, den Spider-Man aufhalten muss…
Oberflächlich gesehen hat Webbs Neuauflage dem ersten „Spider-Man“-Film nicht so viel hinzuzufügen – Einschränkungen, die freilich auch in der Vorlage begründet liegen. Der Spinnenbiss und der Verlust von Onkel Ben sind für Spider-Mans Werdegang ebenso wichtig wie sein Außenseiterstatus, doch es sind die Akzentverschiebungen, die Webbs Neuauflage tatsächlich in einigen Punkten stärker wirken lassen als das Vorbild. So ist der Schulbully hier kein Abziehbild wie bei Raimi, sondern eine Person, der man im weiteren Verlauf mehr Tiefe, ja sogar Anteilnahme angesichts des Todes von Onkel Ben zugesteht. Spider-Man hingegen ist vorlauter, frecher, genießt seine Überlegenheit gegenüber den Kriminellen New Yorks mehr, ehe er nach der ersten Begegnung mit dem randalierenden Lizard erkennt, dass der Heldenstatus auch (implizite) Pflichten mit sich bringt.
In den Begegnungen mit dem Lizard sowie eigentlich allen Actionszenen merkt man zudem etwas, was bei Raimis Spinnen-Sequels aber auch vielen anderen Comicadaptionen zum Problem wurde: Die fehlende Körperlichkeit in den Konfrontationen, die dann durch übertriebenes CGI-Gewusel ersetzt wurde. Auch bei „The Amazing-Spiderman“ ist einiges animiert, doch selbst dann sind die Kämpfe härter, unmittelbarer und somit packender. Ganz abgesehen davon, dass Webb gute Ideen hat, etwa wenn Spider-Man und Lizard sich so duellieren wie die Tiere, von denen sie abstammen, beispielsweise bei einer Keilerei in Peters Schule oder in der Kanalisation, bei der Spidey seine Fäden auch als prima Aufspürmethode nutzt.
Gleichzeitig ist „The Amazing Spider-Man“ auch in der Portraitierung der Gefühlswelt seines Protagonisten ein durchaus gelungener Film. Peters Unsicherheit, sein Anbandeln mit Gwen, das ihn weder als selbstsicheren Macho noch als klischeehaften Nerd, der sich in seinem Werben stets zum Horst macht, zeigt, ist angenehm geerdet inmitten des Superheldenspektakels. Ergänzt wird das Ganze durch die manchmal etwas klischeehafte dargestellte, aber doch unterm Strich überzeugende Rebellion des Teenagers Peter gegen die Ersatzeltern, mit der besonderen Ironie, dass späteres nächtliches Fernbleiben aus altruistischen Motiven und nicht aus Partylaune resultiert, sowie der Interaktion von Peter mit Gwens Vater (Denis Leary), dem Captain der örtlichen Polizei: Dieser hält Spider-Man für einen kostümierten Verbrecher und will den eigentümlichen Helden einbuchten, was am Essenstisch für Zwist mit Peter sorgt – der ausgerechnet zum ersten Mal bei den Stacys zum Essen eingeladen ist.
Die noch vorhandenen Slapstickmomente tun dem sonst eher düsteren Film dagegen nur bedingt gut und auch vor gelegentlichem kitschigen Pathos ist Webbs Neuauflage nicht gefeit, etwa wenn ein paar Kranführer dem verletzten Helden mit ihren Arbeitsgeräten eine Brücke zum Ort des Showdowns bauen, weil dieser in einer vorigen Actionsequenz des Kind eines der ihren rettete. Und so sehr man „The Amazing Spider-Man“ als Reboot verteidigen kann, in einem vermeidbaren Punkt ist Ganze schon ein Aufguss der Raimi-Vorbilder: Denn wieder ist der Superbösewicht ein Wissenschaftler, der eher schuldlos zum Opfer der eigenen Experimente wird, der nicht mehr er selbst ist – immerhin wird hier noch Oscorp als Mitschuldiger präsentiert, da die Firma Connors zum Äußersten zwingt, was für die Franchise noch den Nebeneffekt hat, dass eine Sequenz im Abspann auf kommende Abenteuer und kommende Schurken hinweisen kann, die alle durch Oscorp verzahnt sind.
Andrew Garfield schlägt sich in der Hauptrolle weder besser noch schlechter als Tobey Maguire: Seine Interpretation ist eine andere, aber eine durchaus überzeugende, das Freche, Vorlaute seines Helden wirkt manchmal etwas gewollt, aber das stört das Gesamtbild seiner Darbietung kaum. Ein Glücksgriff ist Emma Stone als unheimlich natürliches Love Interest, das eben nicht immer nur neben oder hinter dem Helden steht, sondern als Karrierefrau mit Schlagfertigkeit einen wunderbaren Gegenpart abgibt. Denis Leary trumpft in seinen leider nur wenigen Szenen auf, während Rhys Ifans die tragische, gespaltene Natur seiner Schurkenfigur facettenreich zu portraitieren weiß. Daneben sind altgediente Darsteller wie Martin Sheen, Sally Field, Campbell Scott und Embeth Davidtz guter, aber nicht herausragender Support, während in einer kleinen Nebenrolle 1980er-Teenstar C. Thomas Howell mal abseits der Billigfilme auftreten darf, auf die er derzeit abonniert ist.
„The Amazing Spider-Man“ macht weder alles anders noch alles besser als die Raimi-Trilogie, doch dank so mancher Akzentverschiebung handelt es sich bei der Neuauflage um den Spinnenmann um die bisher wohl beste Verfilmung: Dank des düstereren Touches und des anders angelegten Hauptfigur definitiv in seiner Existenz berechtigt, in den Actionszenen erfreulich körperlich (trotz einiger CGI-Trickserei) und im Bereich Nebenfiguren erfreulich vielschichtig. Da sieht man gerne über kleine Mängel wie den gelegentlichen, etwas unpassenden Slapstick oder das ausgelutschte Motiv des schuldlos schuldig gewordenen Superschurken hinweg.