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Als "Maniac" von William Lustig 1980 erschien, war die (Kino)Welt noch eine andere. Der Slasher war noch eine recht frische Genre-Form und die Serienkiller-Thematik so geheimnisumwoben wie erschreckend, weshalb Lustigs Low-Budget-Produktion über einen psychopathischen Killer, der Frauen ermordet, skalpiert und entkleidet, um Schaufensterpuppen damit zu dekorieren, in seiner direkten, aus der subjektiven Wahrnehmung des Täters gezeigten Darstellung, einen Skandal auslöste und 1983 beschlagnahmt wurde. Die Besonderheit an Lustigs Film lag weniger in der expliziten Gewalt, als in dem konsequenten Blick auf die innere Psyche eines Mörders, der trotz seiner schrecklichen Taten menschliche Züge annahm und Empathie beim Betrachter erzeugen konnte.

Inzwischen sind nicht nur unzählige Slasher-Filme abgedreht worden, auch die Serienkiller wurden in unterschiedlichen Publikationen bis ins kleinste psychische Detail analysiert. Wenn nun Produzent Alexander Aja unter der Regie von Frank Khalfoun mit Elijah Wood einen angenehmen jungen Mann aus der bürgerlichen Mitte der USA als Frank besetzt, statt eines schon optisch abschreckenden Typen wie im Original, dann wird deutlich, dass die Botschaft aus dreißig Jahren Profiling längst angekommen ist - oft verbergen sich hinter besonders harmlos wirkenden Zeitgenossen brutale Gewalttäter. Zudem ergaben sich dadurch Freiheiten für das Drehbuch, denn Frank ist ein Typ, dem die Frauen vertrauen.

Nach seinem ersten Mord an Judy (Liane Alaban), lernt er sein nächstes Opfer Lucy (Megan Duffy) per Internet-Dating kennen. Bei dem Treffen in einem Restaurant reagiert sie positiv überrascht, da die meisten Männer ein geschöntes Foto von sich per E-Mail schicken, aber Frank übererfüllt ihre Erwartung sogar - ihre nicht ganz ernst gemeinte Befürchtung, wie er hätte aussehen können, spielt auf den Hauptdarsteller Joe Spinell des Originals an. Entsprechend bittet Lucy Frank, noch in ihre Wohnung mitzukommen, wo sie ihn sehr direkt zu verführen versucht. Doch damit schürt sie seine Wut, denn er ist zu Nähe und Sex nicht in der Lage - einmal sieht er im Spiegel seinen eigenen Rumpf als Schaufensterpuppe ohne Penis. Damit wird deutlich, das sein Hass auf Frauen nicht durch Misserfolg oder Ablehnung erzeugt wird - die Künstlerin Anna (Nora Arnezeder), mit der er sich wenig später befreundet, erwidert einen kurzen Moment sogar darüber hinaus gehende Gefühle - sondern auf schweren psychischen Verletzungen in seiner Kindheit basiert.

Zwar orientiert sich Aja, der auch das Drehbuch schrieb, mit dieser These am Original, aber hier zeigen sich schon erste Risse in der Modernisierung der Serienkiller-Thematik. Die Story von der promiskuitiven Mutter, der der kleine Frank beim wilden Sex - mal mit zwei Männern, mal auf offener Straße - zusehen musste, ist ein alter Hut und zu wenig komplex. Die fast ausschließlich aus subjektiver Kamerasicht gezeigten Abläufe - Frank sieht sich nur im Spiegel oder in seinen Fantasien - erzeugen zwar Nähe zum Protagonisten, bereichern aber nicht dessen Charakter. Man wird Zeuge seiner inneren Dämonen, seiner Einsamkeit und fehlenden Lebensfreude, und spürt den inneren Sog, der ihn zu seinen Handlungen zwingt, aber damit wird seine Persönlichkeit nicht vielschichtiger. Elijah Wood ist zwar als Typus überzeugend besetzt, aber Empathie kann er nicht erzeugen.

Allerdings verbreitet er großen Schrecken, denn die von ihm begangenen Frauenmorde lassen sich an Deutlichkeit und Brutalität kaum noch übertreffen. Aus der Sicht der subjektiven Kamera wird das Opfer beobachtet, langsam eingekreist und in Angst versetzt, bis es auf unterschiedliche Weise getötet und skalpiert wird. Wie von Aja gewohnt; wird an expliziter Darstellung genauso wenig gespart, wie an nackten Tatsachen, aber bei "Maniac" handelt es sich weder um eine Trash-Granate wie "Piranha", noch um ein Slasher-Remake wie "The hills have eyes", die ihre Gewalttaten immer mit einer gewissen ironischen Distanz servierten. "Maniac" versteht sich in der Tradition des Originals als ernsthafte Auseinandersetzung mit der Psyche eines Mörders, aber dessen krankhaften Visionen sind hier zu profan, um noch eine Symbiose mit seinen Taten einzugehen. Zudem ist der Film dank seines hohen Budgets zu professionell und damit optisch zu perfekt, um noch die innere Verderbtheit des menschlichen Charakters optisch zu unterstützen.

Tatsächlich stellt sich die Frage, welche Intentionen die Macher mit dem Remake von "Maniac" verfolgten, da sie weder die Serienkiller-Thematik bereichern konnten, noch eine generelle Kritik an der menschlichen Sozialisation verfolgten. Die detaillierte Darstellung von extremer Gewalt wird dadurch zum reinen Selbstzweck, der die wenigen interessanten Aspekte eines kritischen Blicks auf die moderne Gesellschaft - etwa die Verlassenheit der Opfer in LA - zudeckt und daran Interessierte eher abstößt. Einzig Freunde des Genres und der harten Gangart werden ihre Freude am Geschehen haben, aber dafür hätte es keiner so komplexen Basis bedurft (3/10).

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