Um es gleich in einem Satz zu sagen. LORE ist eines der besten, wenn nicht das beste deutschsprachige Drama 2012 und hat sich durch seine unglaublich berührende, schonungslose und schauspielerisch extrem beeindruckende Leistung als wirklich preiswürdig empfohlen. Regie führte die Australierin Cate Shortland (bekannt durch SOMMERSAULT) und deswegen kann es nicht als rein deutscher Beitrag gewertet werden, denn LORE wäre ein wirkliches Highlight als deutscher Beitrag zu dem amerikanischen Inzucht-Verein namens “Oscar-Verleihung“ gewesen.
Die Geschichte (OHNE SPOILER!) der 15-jährigen Lore (Saskia Rosendahl), die sich am Kriegsende unter höchster Lebensgefahr mit ihren 4 Geschwistern zur Oma durchschlagen muss, ist für mich eines der besten Nachkriegsdramen der jüngeren Filmgeschichte. LORE ist eine unglaublich dichte Einheit von Film, die den Seher von der ersten Minute an in seinen Bann zieht. Die Kameraarbeit ist phänomenal und findet immer wieder neue Wege zwischen schönen Naturbildern und dem Grauen der Geschichte. Erstaunlich für das Genre Drama ist die Radikalität der gezeigten Bilder.
Die Kamera hält auf gröbste Bilder der Zerstörung und Wunden drauf, immer und immer wieder, und wendet sich nicht ab. Sie ist immer nah am Geschehen, bei Action im entsprechend aktiven Handkamera-Modus, in ruhigen Szenen gibt es lange und bewusst sehr detaillierte Einstellungen auf die vielsagenden Gesichter, Hände und Füße und viel Wechsel von Naheinstellungen und das Spiel mit Schärfe und Unschärfe. Schauspielerisch ist die Mutter von Lore hervorzuheben, und ihr authentisches Leid und ihre aufgrund der Gewalt in der Familie und der des Krieges verlorene Unfähigkeit zu lieben, die durch Ursina Lardi dargestellt wird.
Getragen wird der Film in jeder Beziehung von unserer Protagonistin Lore (Saskia Rosendahl) an deren Schicksal man leibhaftig teilnimmt und deren Transport von Gefühlen über die Leinwand einzigartig ist und einfach kaum mit Worten beschrieben werden kann. Ihr physischer Verfall im Laufe der Flucht und auch die psychische Zerrissenheit zwischen der nachhaltig indoktrinierten NS-Ideologie und der tatsächlichen Realität kurz nach dem Krieg sind beide radikal spürbar. Die psychischen sogar noch mehr als die oberflächlichen und blutigen Wunden im Kampf des Überlebens von Lore und ihren Geschwistern zwischen drohender Vergewaltigung und Tod in den ersten Nachkriegswochen.
Der leise Zerfall von Lore’s Ideologie und der Kampf mit ihrem zerbröckelnden Wertesystem, die offensichtlich zu Tage tretenden Lügen des NS-Systems, die bekannt werdenden grausamen Verbrechen dieses Regimes sind so greifbar für mich, wie noch nie zuvor in einem Nachkriegsdrama. Auch alle Nebendarsteller können überzeugen und LORE bekommt dadurch einen Ultra-Realismus und in Teilabschnitten fast dokumentarischen Charakter. Der Film kommt ohne jegliche falsche Sentimentalität, einfache Moralisierungen, Schuldzuweisungen und melodramatische Überhöhung und schwarz-weiß Darstellung der Fakten aus.
Die psychologischen Interpretationsmöglichkeiten des Gezeigten sind so vielschichtig, man könnte noch unzählige Details, Metaphern und positives über LORE berichten und beschreiben. Der Film ist ein emotionales Ereignis und eines meiner absoluten Highlights in den letzten Monaten.
9/10 Punkten