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"Zuerst stand es in den Zeitungen und gleich von Anfang an wusste man, dass es anders war. Denn es geschah in kleinen Dörfern. Vororten. Und dann war es nicht mehr im Fernsehen. Es war draußen auf der Straße."

Bei einem Einbruch in ein Tierforschungslabor infizieren sich die Tierschützer mit einem Virus, der die Aggression des Infizierten steigert und den eigenen Willen bricht. Das Virus überträgt sich durch Blut und Speichel und breitet sich schnell weiter aus. 28 Tage später erwacht der Kurier Jim (Cillian Murphy) nach einem Unfall in einem Krankenhaus des menschenleeren London. Bei seinem ersten Kontakt mit Menschen gerät er in einer Kirche zunächst an Infizierte und wird vor dessen Flucht von den Überlebenden Selena (Naomie Harris) und Mark (Noah Huntley) gerettet. Beide erklären ihm die ernsten Umstände und begleiten ihn am nächsten Tag zu seinem Elternhaus. Wie erwartet findet die Gruppe Jim's Eltern tot vor. Bei einem nächtlichen Angriff wird Mark gebissen und von Selena getötet. Auf ihren weiteren Streifzügen durch das verlassene London entdecken sie den Taxifahrer Frank (Brendan Gleeson) und seine Tochter Hannah (Megan Burns), die sich aufgrund einer Radiodurchsage vom Militär nach Manchester durchschlagen wollen.

Danny Boyle ("Sunshine", "Trainspotting") wirbelt mit "28 Days Later" das Genre des Zombiefilms völligst um, obwohl es sich genau genommen weniger um Untote handelt. Seine Infizierten, willenlosen Geschöpfe unterliegen der Aggression und übertragen die Seuche bei Bissen oder durch gespucktes Blut. Zumindest soweit unterscheiden sich diese Geschöpfe nicht vom herkömlichen Zombie. Anders allerdings, wenn es um die Agilität der Wesen geht. Die Infizierten torkeln nicht durch Straßen und Häuser, sie rennen, springen und agieren bedingt intelligent. Eine Neuerung, die die Bedrohung viel unmittelbarer werden lässt.

Besonders in der ersten Hälfte von "28 Days Later" ist die Atmosphäre sehr erdrückend. Wenn der Protagonist aus seinem Koma aufwacht hat er keine Ahnung was geschehen ist und sieht sich ohne Vorwissen einem visuell beeindruckendem, menschenleeren London gegenüber. Die Übertragung des Gefühls der Unwissenheit und Hilflosigkeit geschieht direkt.
Die Bilder vom verlassenen, teils zerstörten und verwüsteten London bilden eine dystopische Stimmung, die mit der Konfrontation mit den Infizierten richtig beklemmend wird. Schnelle Schnitt und eine ruppige Kameraführung vermitteln dabei ein intensives Erlebnis, wenn die Protagonisten durch Straßenzüge und Häuser gejagt werden. Immens stimmungsvoll ist dabei der passend unterlegte, treibende Soundtrack.

Ohne Zurückhaltung konfrontiert der Film das Publikum mit drastischen Sequenzen. Abgehackte Arme und eingedrückte Augen bieten neben weiteren blutigen Szenen die absoluten Gewaltspitzen, die niemals über ihr Ziel hinaus schießen, sondern sich stets dem realistischen Setting und der bodenständig Präsentation anpassen.

Die zweite Hälfte von "28 Days Later" verliert zunächst etwas von der bisherigen beklemmenden Atmosphäre. Durch die Unterstützung des Militärs Bedarf es vorübergehend keines weiteren Versteckspiels. Stattdessen geht der Schocker auf Kollisionskurs gegen die Infizierten. Parallel bildet sich ein weiterer gern bei Zombiefilmen genutzter Konfliktherd unter den verbleibenden Überlebenden und dem Militär, der erwartungsgemäß eskaliert.
Trotz des Einbruchs des Tempos bleibt "28 Days Later" aber weiterhin spannend. Bis zum Ende bleibt die Ungewissheit, wer am Ende übrig bleibt, denn der Film geht äußerst ruppig mit seinen schlichten aber glaubwürdigen Charakteren um.

Die jeweilige Pärchenbildung Cillian Murphy ("Batman Begins") und Naomie Harris ("Fluch der Karibik"-Reihe) sowie Megan Burns und Brendan Gleeson ("Braveheart") harmoniert. Gerade wenn dieses Quartett gemeinsam auf der Leinwand auftritt, bieten sich die stimmungsvollsten Charakterszenen. Abseits dessen zeigen diese vier sowie der erst später eingesetzte Christopher Eccleston ("eXistenZ") auch einzeln eine souveräne Darstellung ihrer sehr unterschiedlichen Figuren.

"28 Days Later" ist ein Meilenstein im Genre des Zombiefilms, obwohl er durch seine endzeitliche Atmosphäre und das Ersetzen von Untoten durch agile, infizierte Menschen im Kern eigentlich gar keiner ist. Das Übertragen der Krankheit funktioniert ähnlich wie der Biss eines Zombies und bildet somit die Verwandtschaft. Neu und frisch wirkt die Bedrohung und Gefahr durch die Schnelligkeit der aggressiven und ansatzweise intelligent vorgehenden Verseuchten. Regisseur Danny Boyle verwendet für dieses Szenario im Wechsel ruhige, grobkörnige Ästhetik für seine verlassene Weltendarstellung und verwackelte Kameraführungen bei temporeichen Verfolgungen und Übergriffen. Völligst ohne Kitsch funktioniert sein Schocker, der in der zweiten Hälfte etwas von seinem Tempo verliert und mehr auf eine angespannte Gruppendynamik setzt. Sauber inszeniert und anspruchsvoll besetzt.

9 / 10

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