Horrorfans sind doch ein niedlicher Haufen, vor allem wenn sie sich die Socken wunddiskutieren, ob „Trainspotting“-Regisseur Danny Boyle mit seinem letzten Film nun den Zombiefilm wiedererweckt, geplündert oder geschändet hat.
Ich mach dem mal ein Ende und verrate das große Geheimnis: es ist überhaupt kein Zombiefilm, denn es kommen keine Zombies darin vor. Boyle bedient sich zwar der Elemente dieser Gattung, aber trotzdem rückt der Film dank seiner Ausrichtung in die Sparte SF, nicht Horror. Den Horror bekommen darf man aber trotzdem...
Stellen wir also fest: ja, Boyle kennt seine Vorbilder recht gut, denn er plündert sie hemmungslos: der Startschuß im Tierlabor samt Virus könnte aus Kings „The Stand“ stammen, die Szenen im menschenleeren London sind die Quersumme aus „Der Omega-Mann“ und „Quiet Earth“, das Pärchen/Quartettschema in der zusammenbrechenden Zivilisation ist aus „Dawn of the Dead“ und die fiesen Militärs, die schlimmer als die Monster sind, aus „Day of the Dead“. Es ist so, Punkt!
Wer will, darf jetzt schimpfen und sich abwenden, aber es ist nun mal so. Das schmälert die Vision jedoch nicht im geringsten.
Denn plündern ist wieder erlaubt. Weite Teile des weltweiten Kinopublikums kennt nämlich die Vorbilder gar nicht, da das Horror- auch gleich Spartenprogramm ist und viele Filme bis zur Unkenntlichkeit zerschnippelt wurden. Der letzte echte Zombiefilm, „Day...“ wird bald zwanzig Jahre alt und aus ihm zu zitieren, kann „28 Tage später“ nicht wirklich schaden.
Denn während Romero damals auf Endzeitstimmung und ein bis in den Boden diskutiertes Gemisch aus Psychologie und Philosophie samt Es-Ich-Über-Ich-Schema baute, geht Boyle das Ende der Welt als beklemmende Vision einer hochtechnisierten Gesellschaft an, die sich zwar vordergründig zivilisiert gibt, aber durch einen Virus namens „Wut“ (man beachte die feine Ironie) zugrunde gerichtet wird.
Es gibt keine Regeln, keine Obrigkeit, keine Regierung, keine Sicherheit, niemand, auf den man sich verlassen kann, außer auf sich selbst.
Doch Boyle will mehr, flechtet versöhnliche Töne ein, mahnt zum Aufbruch. Das Mädchen auf dem besten Weg zur Einzelkämpferin wird von dem Vorteil der Zusammenarbeit und der Gemeinsamkeit überzeugt, die (Ersatz-) Familie wird zum Hort der Hoffnung, die Wahrheit liegt irgendwo da drinnen.
Allerdings liegt hier auch das Übel, denn erneut erweist sich das Militär als letzter Ausdruck der Staatsmacht als wirkungslos, ja sogar gefährlich. Die Gruppe, die sich hier in einer Zuflucht gesammelt hat, erweist sich wieder (hallo, Onkel George) als Haufen psychologisch und iq-technisch unterentwickelter Triebgesteuerter, die ihren waffenstarrenden Gemeinsinn aufgrund der vagen Hoffnung gebildet haben, demnächst wohl mal wieder gepflegt einen wegstecken zu können.
Und falls einer den Ernst der Lage erkennen sollte, wird er auch gleich kaltgemacht.
Individualität und Zusammenhalt erweisen sich schließlich als Rettung und das Ende gerät dann richtig (und irgendwie unpassend) optimistisch, da es eine baldige Rückkehr zur Normalität verheißt.
Vielleicht war das aber auch nur eine nette Geste, denn die Qualitäten des Films liegen eindeutig in der von Boyle erweckten Stimmung. Düster, grimmig, bedrohlich und ausweglos ist der Weg, der vor Protagonist und Zuschauer liegt, so scheint es. Eingefangen wird das durch Digital Video, ein verwaschenes und deswegen oftmals extrem realistisches Aufnahmeverfahren, das dem Ganzen einen dokumentarischen Charakter verleiht und den Eindruck verwirft, eventuell in einer Hochglanzproduktion (wie z.B. Resident Evil) zu stehen.
Dreckig bis zum Exzess ist das zu erwartende Schicksal, wenn sich Frischinfizierte mittels Blutübertragung in einen Haufen knurrende und rasende, blutkotzende Irre verwandeln, die nur eins wollen: metzeln!
Am Ende erweist sich der junge Held selbst als Opfer seines rasenden Zorns über die Reste der Zivilisation, die er mittels eigenen Amoklaufs gnadenlos auslöscht, indem er die Soldaten den Monstern sozusagen ausliefert, die jedoch wiederum zum großen Teil aufgrund ihrer eigenen Defizite (Aggression, Angst, Feigheit, Geilheit) dran glauben müssen. Held Jim wird dabei nicht zum Rambo, sondern erweckt nur selbst das emotionale Tier in sich und kann am Ende kaum von den Monstern unterschieden werden.
Aber wer die Monster sind, ist hier eh nicht so ganz klar.
Daß der adrenalintreibende Schlußkampf in schnellen Schnitten gehalten in der Düsternis eines Hauses vor sich geht, treibt den Realismus des früheren leeren London auf die Spitze.
Ansonsten kann auf übermäßigen Gore verzichtet werden, obwohl es schon manchmal spritzt und suppt, aber auch hier ist die Phantasie den Bildern dankbar voraus.
Nur: das alles ist nicht mehr neu.
Genrefreaks beklagen sicher nicht zu Unrecht den großen Klau, während das Normalpublikum des Blockbusterzeitalter sich sichtlich ergriffen ob des grimmigen Realismus fühlt. Da kann man freundliche Aufnahme und Ablehnung gleichermaßen verstehen.
Ärgerlich ist jedoch, daß es trotz des gelungenen Einsatzes aller Mittel erzählerisch faustgroße Löcher in der Story gibt, die dann schon mal ärgerlich wirken.
Held Jim stellt sich in einigen Szenen bewußt doof an, um z.B. schon mal präventiv (so erscheint es später in der Story) eine eigene Erfahrung mit einem Verseuchten zu machen.
Der Tod des ersten Begleiters ist weitestgehend seine Schuld und auch in der Raststätte stellt er sich gegen alle Vernunft.
Arg brüchig auch die Logik, wenn Vater und Tochter vom Hochhaus aus mittels Leuchtzeichen nicht nur Jim und Selina, sondern auch eigentlich gleich noch die ganze Monsterpopulation Londons anlocken müßte, es bis auf zwei aber nicht tut. Auch scheint niemand in der Lage, sich eine Schußwaffe in einer entvölkerten Stadt besorgen zu können.
Millionen von Leichen sind ebenso verschwunden (auf der Straße fast niemand), wie Abermillionen von Autos in der Hauptstadt und später auf einer komplett leeren Autobahn.
Besonders plump geraten ist an diversen Stellen das Product Placement, daß die Überlebenden irgendein Markengesöff abpumpen lassen (Willst du Pepsi? – Nö, hast du noch ein Tango? – Uaaaah....), bis nach der Hälfte des Films endlich jemand auf die Idee kommt, mal in einem Supermarkt eine Konservendose zu klauen.
Dort kann man dann nach Herzenslust Werbesprüche ablassen, wobei sich nach der offenbaren Massenpanik und dem Exodus niemand zu wundern scheint, wie sauber aufgeräumt der Laden ist. Da liegt keine Dose rum, die Regale sind bis zum Exzess gefüllt, das Licht geht (interessant, da es keinen Strom gibt) und was besonders stört, die Tür ist offen!
Die finale Rettung per Flugzeug bleibt ungeklärt, da man weiß, daß die Seuche auch in anderen Teilen der Welt ausgebrochen ist, ein Anhängsel fürs Publikum, sicher.
So bleibt der Eindruck zwiespältig: inszenatorisch hochwirksam, doch erzählerisch mit teilweise eklatanten Schwächen.
Als moderne Weltuntergangsvision aber trotzdem zu goutieren, in Bildern, die hängenbleiben. (6/10)