Review

Wenn Rick Alversons „The Comedy“ (2012) auf gewisse Weise an Quentin Dupieux filmische Antithese „Wrong“ (ebenfalls 2012) erinnert, dann liegt das nicht am Regiestil, wie man aus dem Affekt heraus vermuten könnte. Wo Dupieux mit den Mitteln des Poststrukturalismus homogene Erzählstrukturen infiltriert und in kleine, sinnlose Sketch-Ellipsen zersprengt, ergibt sich das Episodische bei Alverson aus einem semidokumentarischen Stil. Die Ausschnitte aus der desorientierten Lebensphase der Hauptfigur, eines abgewrackten Hipsters namens Swanson (Tim Heidecker), führen durch ihre reine Ansammlung zur Quintessenz. In Abwesenheit einer echten Dramaturgie wäre es dabei sogar ein Leichtes, den eineinhalbstündigen Film mit zusätzlichen Szenen auszuweiten; weitere Ausschnitte würden die Quintessenz lediglich verdichten, aber wohl kaum verändern.

Nein, gemeinsam ist beiden Filmen nicht die Führungsweise, sondern eher die Geisteshaltung und damit die Erfahrung, die sie dem Zuschauer letzten Endes bieten: Mit einer gewissen inneren Traurigkeit erlebt man, wie sarkastische Gag-Kommentare an der Betonwand der Wirklichkeit zerschellen. Der Comedian wird vor unseren Augen zum traurigen Clown, dessen Versuche, witzig oder smart zu sein, weder die Antagonisten innerhalb des Handlungsrahmens noch uns vor dem Bildschirm überzeugen. Gescheitert an einer Realität, die sich unbeeindruckt von all den kleinen Witzen und Schikanen zeigt, droht die Fassade des Comedians zu bröckeln. „Wrong“, oder auch ironisch, ist in Alversons mit echten Komödianten besetzter vermeintlicher Komödie also zuallererst der Titel: Denn „The Comedy“ ist keine Komödie, sondern mit Leib und Seele ein Drama, wenn nicht gar eine Tragödie.

Tim Heidecker spielt darin ein Opfer, das einem zunächst einmal nur wenig leid tun kann. Als ungepflegter Schnösel mit Bierbauch, offenbar dennoch aus einer höheren Gesellschaftsschicht stammend, stellt er sich dem Zuschauer nicht gerade von seiner Schokoladenseite vor, als er den Pflegehelfer seines im Koma liegenden Vaters persönlich beleidigt und aufgrund seines Berufes verhöhnt. Dass der erste Eindruck nicht täuscht, zeigt der nachfolgende Zusammenschnitt aus der geschilderten Phase des Mittdreißigers nur allzu deutlich auf: Ob es nun um die Freundin des eigenen Bruders geht, der sich in Behandlung befindet, um einen Taxifahrer mit Geldsorgen, eine Party-Bekanntschaft oder einen Freund aus der eigenen Runde, der sich verletzlich zeigt und dafür umgehend verhöhnt wird, nichts und niemand ist vor den permanenten Nadelstichen Swansons oder jenen seiner ebenso abgestumpften Artgenossen (u.a. der auch aus „Wrong“ bekannte Eric Wareheim) gefeit.

Die Tragik macht sich schnell daran fest, dass nur selten ein Echo auf die Eskapaden Swansons folgt. Uns mag die Genugtuung fehlen, dass diesem arroganten Arsch endlich mal jemand die Empathielosigkeit aus dem trägen Gesicht prügelt. Dass er ungehindert immer wieder seinen mit allerlei Fäkalvokabular geschmückten Nonsens auf die Gesellschaft loslassen darf, ohne dafür auch nur von einer couragierten Person der Tat die Quittung zu bekommen, mag so manchen Zuschauer gar zur Weißglut treiben. Das Schweigen der Gesprächspartner jedoch, ihre mitleidvollen Blicke, bildhaft schließlich sogar die stumme Meeresluft, als er bei einem seiner vielen Bootsausflüge beliebige Laute in die Luft schreit, all diese Reaktionen treffen das Ziel härter als jeder Faustschlag und klopfen es langfristig mürbe, derweil der Getroffene zu realisieren beginnt, dass ihm sein Zynismus nicht als Schutzschild dient, sondern ihn vielmehr von der Welt zu isolieren beginnt.

Denn eine gewisse Sehnsucht nach den Möglichkeiten einer Geborgenheit innerhalb der Gesellschaft stellt Alverson in bestimmten Szenen durchaus heraus. Als sich Swanson mit einem Freund auf einem Balkon beispielsweise über New York unterhält, kommt er zu dem Schluss, dass es eine schöne Stadt ist, in der es sich leicht leben lässt. Auch wenn er sich in diesem Moment darauf beziehen mag, dass die Stadt es ihm einfach macht, reichlich Unsinn in ihr zu stiften, so teilt er doch ungewollt eine Sympathie mit seinen Zuhörern. New York, das wir hauptsächlich als Filmstadt kennen, in der Hochhäuser zu Bruch gehen, Aliens landen und romantische Gefühle zum Musical aufgeblasen werden, wird passend dazu nach dem Vorbild von „The Naked City“ (1948) modelliert, als eine Stadt, die acht Millionen Geschichten beherbergt, von denen dies eine ist, so bedeutend oder unbedeutend wie jede andere. Eine Stadt der Möglichkeiten also, deren große Monumente wie die Freiheitsstatue ausgespart werden, auf dass die Kamera lieber Perspektiven aus anonymen Wohnungen, aus Restaurants oder von den New Yorker Flüssen und Brücken filmt.

In der letzten halben Stunde lässt sich dann doch noch so etwas wie eine dramaturgische Steigerung ausmachen, die durchaus suggeriert, dass am Ende eine Pointe wartet, die den dokumentierten Status Quo beenden könnte. Swanson droht zum waschechten Soziopathen zu mutieren, spätestens als er eine Arbeitskollegin mit auf sein Boot nimmt, diese beim Entkleiden einen Anfall bekommt und er sie dabei halb neugierig, halb desinteressiert beobachtet, ohne ihr zu helfen. Doch Alverson nimmt der dramaturgischen Steigerung bald wieder den Wind aus den Segeln, lässt einen letzten Gag um eine Dia-Präsentation mit pornografischem Bildmaterial noch einmal im großen Stil versanden und wählt dann als Schlusssequenz ausgerechnet einen Ort, der metaphorisch seit jeher für „Alles wird gut“ steht. Ein offenes Ende also, das bewusst nicht die aufgeworfenen Probleme löst, jedoch ein tiefliegendes Bewusstsein für sie herausfordert. „The Comedy“ ist mehr als das kitschige Gemälde eines weinenden Clowns, mehr als die Verärgerung, die man bei seiner Sichtung womöglich durchlebt; er ist ein klagender Abgesang auf die Postmoderne.

Details
Ähnliche Filme