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"Trotz des Titels gibt es in Wahrheit nur eine einzige Riesenspinne, aber wir fühlen uns nicht betrogen, denn die ist wirklich unter aller Kanone. [...] Es ist unmöglich, sich einen so budgetbewußten Spezialeffekt anzusehen, ohne eine Woge der Bewunderung zu empfinden."
Stephen King in Danse Macabre (Danse macabre - Die Welt des Horrors in Literatur und Film), 1981, Wilhelm Heyne Verlag (1988), Seite 271, 4. Absatz

Die vielen Menschen, die sich bis eben auf einem Jahrmarkt noch prächtig amüsiert haben, kreischen plötzlich auf, lassen alles stehen und liegen und stürzen in blinder Panik davon, als ob der Leibhaftige hinter ihnen her wäre. Doch es ist nicht der Teufel, der sich ihre schwarzen Seelen holen will. Es ist bloß eine hungrige Riesenspinne, die munter hinter der aufgeschreckten Meute her rollt. Moment! Die munter hinter der aufgeschreckten Meute her rollt? Echt jetzt!?

Herzlich Willkommen bei Bill Rebanes Kultschlocker The Giant Spider Invasion! Ganze dreihunderttausend Dollar verschlang dieses unvergeßliche Creature Feature aus den wilden Siebzigern. Leider stand für die Spezialeffekte nur ein Bruchteil dieser Summe zur Verfügung, weshalb die SFX-Künstler Richard Albain und Robert Millay ihre Phantasie spielen lassen mußten, ungemein kreativ zu Werke gingen und die Riesenspinne somit zum Rollen brachten. Denn im Prinzip ist das titelgebende Untier nur ein verkleideter VW-Käfer! In verschiedenen Einstellungen jedenfalls; manchmal ist es auch eine große Stoffpuppe. Oder eine kleine Stoffpuppe, die aus einer Schublade heraushopst und eine nichts Böses ahnende Frau beinahe zu Tode erschreckt. Die bereits erwähnte große Stoffpuppe gibt ihr dann den Rest. Am Überzeugendsten sind die kleinen Spinnen, denn die sind echt und werden von Taranteln gespielt. Zumindest meistens; hin und wieder sind die Arachniden auch aus Gummi. Die Sequenzen, in denen ein Stein aufbricht und eine Vogelspinne daraus hervorkrabbelt, zählen zu den besten des mit schrägen Highlights nicht gerade geizenden Streifens. Mein Favorit ist und bleibt allerdings die VW-Käfer-Spinne, die fröhlich dahinrollt, während die sieben Insassen (der Fahrer plus sechs Kinder) die riesigen Beine des Ungetüms zaghaft bewegen, um so die wenig elegante Fortbewegung der Spinne zu simulieren. Außerdem hat das Vieh coole Augen. Manchmal leuchten sie in grellem Orange-rot (die Rücklichter des VWs), manchmal glotzen sie auch stumpf in mattem Weiß in die Gegend.

Doch woher kommt eigentlich diese fürchterliche Riesenspinne samt Gefolge? Nun, zu Beginn von The Giant Spider Invasion stürzt ein Meteorit vom Himmel und landet im ländlichen Wisconsin, in der Nähe einer Farm. Der Meteorit explodiert beim Aufprall in unzählige kleine, runde Brocken, die in der ganzen Gegend verteilt werden. Daraus klettern außerirdische Spinnen. Irgendwie beziehen diese Aliens ihre Energie aus einem interdimensionalen Durchgang, so eine Art winziges schwarzes Loch, und deshalb wachsen sie ziemlich rasant und fressen einem Farmer gleich mal die ganzen Kühe weg. Eine schafft es dabei immerhin zu einer solch stattlichen Größe, daß man sie mit Fug und Recht als Riesenspinne bezeichnen kann. Der NASA-Wissenschaftler Dr. Vance (Steve Brodie) tut sich mit der Astronomin Dr. Langer (Barbara Hale) zusammen, um die achtbeinigen Invasoren zu stoppen. Da sie sich in einer typischen Hinterwäldler-Provinz befinden, ist das gar nicht so einfach. Der ständig telefonierende Sheriff (Alan Hale Jr.) ist keine große Hilfe, Dan Kester (Robert Easton) und seine Frau Ev (Leslie Parrish) wittern das große Geld (in den Gesteinsbrocken befinden sich neben den Spinnen auch kleine, Diamanten nicht unähnliche Kristalle), und deren Mitbewohnerin Terry (Diane Lee Hart) ist ein geiles Früchtchen, hinter der alle Männer der Gegend her zu sein scheinen. Als ob das noch nicht reichen würde, nervt auch noch ein verbohrter Prediger (Tain Bodkin) mit allerlei dummen Aussagen.

Man muß es Regisseur Bill Rebane, seinen Drehbuchautoren Richard L. Huff und Robert Easton sowie den Schauspielern hoch anrechnen, daß sie Figuren geschaffen haben, die mit den Spinnen auf Augenhöhe agieren und quasi das zweite Standbein des Filmes bilden. Selbst wenn in The Giant Spider Invasion keine einzige Spinne auftauchen würde, er wäre immer noch recht spaßig. Das Heldenpärchen trägt zum Geschehen leider eher wenig bei und bleibt weitgehend blaß; immerhin erweist sich Dr. Vance als kleiner Schussel. So schärft er z. B. einem Hubschrauberpiloten ein, er solle auf sein Signal achten, nur um kurz darauf festzustellen, daß er die Leuchtpistole im Auto hat liegen lassen. Aber dafür sorgen die Landeier für jede Menge Laune. Der Sheriff ist ein Komiker und hat immer einen (aus seiner Sicht) lustigen Spruch auf den Lippen, und der Prediger ist ein geifernder Irrer, der ständig vom Ende der Welt faselt. Die Hauptattraktion ist allerdings die kleine Hinterwäldlerfamilie. Dan ist ein herrlicher Ungustl, geht fremd, ist geldgierig, säuft gerne und ist scharf auf die noch minderjährige Terry, die kleine Schwester seine Frau Ev, welche wiederum Alkoholikerin ist. Terry ist aber auch eine heiße Schnecke (besonders, wenn sie Zöpfchen trägt), und sie ist auch nicht auf den Mund gefallen. Sie sorgt auch für die einzige, leider sehr kurze Nacktszene des Streifens. Dan hingegen, kongenial verkörpert von Robert Easton, ist ein solcher Widerling, daß man jeden seiner Schritte mit grausiger Faszination verfolgt. Es ist wie bei einem Verkehrsunfall, an dem man vorbeifährt. Man kann irgendwie nicht wegsehen.

Die Dreharbeiten des zur Gänze in Wisconsin entstandenen Filmes gestalteten sich als so schwierig, daß Regisseur Rebane von einem "Giant Spider Disaster" spricht. Viele Szenen funktionierten nicht wie geplant, das Drehbuch wurde während des Drehs oft umgeschrieben, und eine wichtige Feuersequenz kam leider erst in die Gänge, als die Kameras bereits abgeschaltet waren. Das Finale ist ebenfalls eher unspektakulär und enttäuschend (trotz Mini-Neutronen-Bombe), wenn auch hübsch schleimig geraten. Dafür erfreuen die spärlich gesäten Freßszenen mit billig aber enthusiastisch servierten Goreportiönchen. Das fertige Ergebnis erinnert dann an die Arbeiten des unvergessenen Filmemachers Edward D. Wood Jr. (Plan 9 from Outer Space), wobei The Giant Spider Invasion jedoch ein überraschender finanzieller Erfolg beschieden war. Kaum zu glauben, aber dieser irre Streifen zählt zu den fünfzig erfolgreichsten Filmen des Jahres 1975. Daß man ihn heute - etwa vierzig Jahre später - noch abfeiert, hat allerdings (auch) andere Gründe. Erstens ist The Giant Spider Invasion sehr unterhaltsam und somit ein Fest für Freunde trashiger Creature Features (wobei der ganze Kokolores nicht ohne beabsichtigten Humor ist). Zweitens schaffte es der Film 1997 in das Mystery Science Theater 3000. Drittens blieb der Streifen immer im Gespräch, sei es durch Wiederholungen im Fernsehen, verschiedenen Veröffentlichungen in Heimkinoformaten, durch eine Musicaladaption oder durch die nette Geste, daß das "Skelett" der berühmten Spinne in Gleason, Wisconsin, öffentlich zur Schau gestellt wurde. Und viertens: Die Spinne ist ein verfickter VW-Käfer! So ein skurriles Spinnenmobil muß man doch einfach lieben!

Der am 8. Februar 1937 in Riga, Lettland, geborene Bill Rebane hat in seiner mehrere Jahrzehnte umspannenden Regiekarriere laut Online-Filmdatenbank lediglich zehn Filme inszeniert. The Giant Spider Invasion ist dabei die Speerspitze, die Rebane sanft aber bestimmt in die Monster-Schlock-Hall of Fame bugsierte. Im Windschatten tummeln sich Monster a-Go Go (1965), Invasion from Inner Earth (Invasion aus der Tiefe, 1974), Rana: The Legend of Shadow Lake (Rana - Hüter des blutigen Schatzes aka Croaked - Frog Monster from Hell, 1975), The Alpha Incident (1978), The Capture of Bigfoot (Big Foot - Die Rache des Jägers, 1979), The Game (1982), The Demons of Ludlow (Das Grauen um Ludlow, 1983), Blood Harvest (1987) und Twister's Revenge! (Ein Supertruck auf Gangsterjagd!, 1987). Ob die jetzt alle gut oder schlecht sind, ist im Prinzip egal. Es sind Rebanes. The Giant Spider Invasion ist jedenfalls ein Film für die Ewigkeit. Ich bin mir sicher, daß auch zukünftige Generationen mit diesem charmanten Heuler viel Freude haben werden. Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber in Zeiten gigantischer, seelenloser CGI-Overkills geht mir bei Ansicht einer dahinrollenden VW-Käfer-Spinne das Herz auf. Vielen Dank für dieses wunderbare Highlight der unorthodoxen SFX-Kunst! Das ist einfach ganz großes Kino.

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