Review

„Es ist nichts Menschliches…“

Rodrigo Gudiño, vornehmlich Herausgeber der Filmpostille „Rue Morgue“, hat mehrere Kurzfilme angefertigt, bevor er 2012 erstmals als Regisseur eines Vollzeit-Spielfilms in Erscheinung trat: Der kanadisch produzierte „The Last Will and Testament of Rosalind Leigh“ ist ein Okkult-Haunted-House-Grusler der alten Schule.

Rosalind Leigh, die Mutter des Antiquitätenhändlers Leon (Aaron Poole, „The Samaritan“), hat Selbstmord begangen. Der Kontakt zu ihr war bereits lange abgerissen, Rosalinds religiöser Wahn hatte Mutter und Sohn voneinander entfremdet. Nun tritt Leon das Erbe seiner Mutter an: ein abgelegenes Häuschen, das vollgestopft ist mit religiösen Reliquien. Rosalind war Anhängerin einer obskuren Sekte, die Angst vor einem imaginären Gott schürte und in der sie in ihrer Einsamkeit vollkommen aufging. Je mehr sich Leon in den Gemäuern umsieht, desto häufiger sieht er sich mit unerklärlichen Phänomenen konfrontiert. Dabei sind die ihre Standorte wie von Geisterhand ändernden Gegenstände und die regelmäßigen Stromschwankungen noch gar nichts gegen eine monströse Kreatur, die vom Garten Besitz ergriffen hat und ins Haus einzudringen versucht. Während Leon sich im Inneren verbarrikadiert, scheint es, dass seine Mutter ihm aus dem Jenseits etwas mitzuteilen versucht…

Gudiños Low-Budget-Fan-Film kann durchaus zum Haunted-House-Revival innerhalb des Horror-Genres der 2010er-Dekade gezählt werden, hier sogar in seiner reduziertesten Form als Ein-Personen-Kammerspiel mit nur wenigen ergänzenden Statisten. Oscar-Preisträgerin Vanessa Redgrave leiht der toten Mutter lediglich ihre Stimme (und das natürlich auch nur im englischen Originalton), die das Geschehen aus dem Off kommentiert. Zur Erläuterung der Hintergründe muss ein Telefonat herhalten. Trotz seiner kurzen Laufzeit von lediglich gut 70 Minuten erzählt Gudiño seinen Film ausgesprochen langsam und konzentriert sich auf eine Atmosphäre diffuser, ungreif- und undefinierbarer, omnipräsenter Bedrohung über die an der Tür kratzende Kreatur hinaus. Leon streift durchs Gebäude und beschäftigt sich mit den Hinterlassenschaften seiner Mutter, woraus das Publikum sich nach und nach ein Bild der Beziehung beider zueinander geistig zusammensetzen soll. Dies funktioniert jedoch nur leidlich, zu uninteressant wirken beide eindimensionalen Figuren. Dafür appelliert man phasenweise recht effektiv an Urängste, gerade auch, wenn die Kameraführung das düstere Interieur mit all seinem gruseligen Kitsch ausspäht und eine subtile Musik- und Geräuschspur unheilschwanger diese Stimmung unterstützt.

Durch das nach und nach immer stärkere Visualisieren des Monsters, das man am Ende dann auch in ganzer Pracht zu Gesicht bekommt, geht der Okkult-Grusler eine Melange mit einem klassischem Creature Feature ein, dem leider gänzlich die logische Verknüpfung fehlt (Achtung, Spoiler!): Leon bläst alle Kerzen aus, plötzlich ist das Ungetüm da. Seine Mutter monologisiert noch einmal über unsterbliche Seelen etc. und scheint das Vieh zu kennen. Das war’s dann aber, unvermittelt endet der Film. Dieses schwache, pointenlose Ende macht „The Last Will and Testament of Rosalind Leigh“ leider den Garaus und lässt ihn aller Ambitionen zum Trotz wie ein Fragment einer unausgegorenen, nie zu Ende gedachten oder einfach ineffektiv erzählten Geschichte wirken. So wurde letztlich nicht nur an Darstellern und Spezialeffekten gespart, sondern auch am narrativen Fundament – also am falschen Ende, weshalb das Ergebnis unbefriedigend und unterdurchschnittlich ausfällt. Auch wenn manch einer das als besonderen Kniff empfinden und mutmaßen mag, dass das Publikum um eigene Interpretationen angehalten sei: Das war dann doch einfach zu wenig.

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