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Als Regisseur Andreas Dresen den Politiker Henryk Wichmann vor 10 Jahren bei dessen vergeblichen Versuch filmte ("Herr Wichmann von der CDU", 2003), für den Landkreis Uckermark/Barnim in den brandenburgischen Landtag einzuziehen, bestand die Gefahr, den damals noch sehr jungen Politiker vor der Kamera der Lächerlichkeit preis zu geben. Zu unerfahren und im Verhalten teilweise ungeschickt wirkte der junge Mann, der äußerlich dem Klischeebild eines jungen, aufstrebenden CDU-Politikers nur wenig entgegen zu setzen hatte.

Auch ein Jahrzehnt später, inzwischen Familienvater und seit 2009 als Nachrücker in den Landtag eingezogen, hat sich an seinem äußerlichen Erscheinungsbild wenig geändert. Immer korrekt, aber wenig modisch gekleidet, bestreitet der schlanke 32jährige das Leben eines Lokalpolitikers, dass in keinem größeren Kontrast zum angesagten Großstadtleben im nahe gelegenen Berlin stehen könnte. Die aufregendsten Momente scheinen seine einsamen Fahrten über Brandenburgs Landstraßen zu sein, während klassische Musik aus dem Lautsprecher erklingt. Und doch oder gerade deshalb ist Wichmann Dresens Idealbesetzung.

Dresen hatte, obwohl politisch anders orientiert, bei seinem ersten Dokumentarfilm mit Henryk Wichmann schon der Versuchung widerstanden, diesen zu karikieren oder zu beurteilen, weshalb es nicht erstaunt, das Wichmann für einen erneuten Film zur Verfügung stand. Gleichzeitig bleibt Wichmann, keineswegs gegen Eitelkeit oder dem Wunsch nach Aufmerksamkeit gefeit, so sehr er selbst, das er trotz der ihn beobachtenden Kamera nie in bemühte Verhaltensmuster verfällt. Nach wie vor fehlt ihm die Attitüde eines professionellen, erfolgreichen Politikers, der je nach Situation besonders emotional, aktionistisch oder engagiert wirken kann - immer seine Außenwirkung im Blick habend. Deutlich wird das als er bei einer Diskussion mit einer Schulklasse an der Seite des Ministerpräsidenten Matthias Platzeck teilnimmt, der fast automatisch einen staatstragenden Eindruck hinterlässt.

Wichmanns Art kommt Dresen entgegen, der sich so auf dessen Arbeit konzentrieren kann, die für mediale Aufmerksamkeit keinen Anlass gibt und die das eigentliche Zentrum des Films darstellt. Dresen zeigt den Politiker bei seinem oft vergeblichen Versuch, auch nur kleine Dinge im deutschen Alltag zu bewegen. Etwa die Wiederherstellung einer Bahn - Haltestelle, an der zwar nach wie vor angehalten wird, aber Niemand ein- oder aussteigen darf, da Sicherheitspersonal fehlt, oder der Versuch, gegen bestehende Umweltauflagen die Durchfahrt mit kleinen motorisierten Schiffen zwischen zwei Seegebieten zu ermöglichen, um die touristische Qualität zu verbessern. Täglich fährt der Politiker durch sein Wahlgebiet, nimmt an Altentreffs, lokalen Messen oder Vereinsfesten teil, eröffnet Bürgerbüros, schüttelt unzählige Hände und versucht, mit möglichst vielen Menschen ins Gespräch zu kommen. Einmal erläutert er vor einer Gruppe von Senioren genau sein Gehalt, dass erahnen lässt, dass man es lieber nicht in einen Stundensatz umrechnen sollte, so viel ist Wichmann an sieben Tagen in der Woche unterwegs.

Im Gegensatz dazu wirken die Landtagssitzungen, in denen die Mitglieder dank des Fraktionszwangs automatisch ihre Hände heben – oft auch wider besseren Wissens, wie Wichmann freimütig zugibt – wie Erholungspausen. In private Gespräche vertieft, müde und unkonzentriert verfolgen sie aus der dritten Reihe das Geschehen nur nebenbei. Dresen dokumentiert eine mühevolle, kleinteilige Arbeit, bei der jeder Schritt kritisch kommentiert wird oder Widerstand hervorrufen kann, und die nur wenige Erfolgserlebnisse bietet, von überregionaler Aufmerksamkeit ganz abgesehen. Dresens Neugier an diesem unspektakulären Geschehen basiert auf seiner eigenen Vergangenheit in der DDR, eine Erfahrung, die er mit Herrn Wichmann und den meisten Bürgern in dessen Wahlgebiet teilt. Anders als in der alten Bundesrepublik, ist der kleinteilige, langsame Prozess an der demokratischen Basis für ihn noch keine langjährige Normalität, weshalb es ihm mit seinem Film großartig gelingt, diese Grundlage unseres Gesellschaftssystems zu dokumentieren.

Eine Grundlage, die nur mit Menschen wie Herrn Wichmann funktioniert, deren Unauffälligkeit und Bürgerlichkeit notwendig ist, um die vielfachen egoistischen Interessen der einzelnen Bürger zumindest ein wenig zu kanalisieren. Gegen deren Anspruchsdenken wirkt Herrn Wichmanns Egoismus, dessen Antriebsfeder sicherlich auch auf einem gewissen Machtgefühl basiert, regelrecht klein. Ideologische oder parteitaktische Überlegungen spielen für ihn an der Basis kaum noch eine Rolle, einzig eine möglichst authentische persönliche Haltung hilft ihm bei den Menschen weiter. Dresens Film ist deshalb alles andere als ein Werbefilm für den Beruf eines Lokalpolitikers, der sich täglich mit den Tücken der deutschen Realität herumschlägt, ohne Aussicht auf eine überregionale politische Karriere. Angesichts dieser Realität verlieren sich Ressentiments wegen der Parteizugehörigkeit, wirkt Kritik an Äußerlichkeiten kleinlich – für die Demokratie ist Herr Wichmann ein Held (8,5/10).

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