In fantastischen Welten zu schwelgen, ist ein Privileg des Kinos - physikalische Gesetze, Regeln von Zeit und Raum können außer Kraft gesetzt werden, um einer alten Geschichte einen neuen Rahmen zu geben und damit auch zu neuen gedanklichen Ansätzen zu verhelfen. In "Upside Down" ist es die Geschichte von den zwei Liebenden, die nicht zueinander kommen können, weil die Frau, Eden (Kirsten Dunst), der reichen herrschenden Schicht angehört, während der Mann, Adam (Jim Sturgess), Teil der ausgebeuteten Arbeiterklasse ist. Wie schon die Wortspiele des Filmtitels und der Namen der beiden Protagonisten verdeutlichen, geht es hier ums Ganze - nicht nur um "oben" und "unten", sondern auch um den Anfang der Menschheit (Adam) und das Paradies (Eden), aus dem diese vertrieben wurde.
An dieser Dimensionalität von Fluch, Rettung und Erlösung, lassen die Macher um Regisseur und Autor Juan Solanas von Beginn an keinen Zweifel, denn die Welt, die sie hier erschaffen, quillt geradezu über vor Symbolik. Das "Oben" und "Unten" wird von zwei Planeten verkörpert, die in starrer Haltung zueinander stehen, nur von dem riesigen Hochhaus der "TransWorld" verbunden, in dem Menschen beider Planeten gemeinsam arbeiten, natürlich streng funktional getrennt. Diese Trennung ergibt sich auch dadurch, dass die jeweilige Erdanziehungskraft immer personengebunden bleibt, weshalb die "unteren" Menschen sich nicht auf dem "oberen" Planeten aufhalten können - und umgekehrt. Diese Idee - man könnte auch sagen "Gimmick" - macht den größten Reiz des Films aus, denn sie erschwert dem Helden Adam die Suche nach seiner Geliebten Eden zusätzlich, da er sich nur mit Gewichten auf dem oberen Planeten aufhalten kann, was für die "unteren" Menschen streng verboten ist und mit der Todesstrafe geahndet wird.
Dieser Schwierigkeitsgrad war den Machern offensichtlich noch nicht hoch genug, weshalb sie die zusätzliche Hürde einbauten, dass sich die Gewichte, mit der sich die Schwerkraft austricksen lassen, innerhalb von einer Stunde entzünden, was nicht nur zu unansehnlichen Brandwunden führen kann, sondern Adam, bei dem Versuch, seine Eden wieder von sich zu überzeugen, unter erheblichen Zeitdruck stellt. Als Kinder hatten sie sich zufällig kennen und später lieben gelernt, weil sie sich in einer verbotenen Region auf gegenüberliegenden Berggipfeln sehr nahe gekommen waren. Mit einem Seil hatte Adam Eden zu sich herunter gezogen, aber dann wurden sie von einer Patrouille erwischt und das Seil durch einen Schuss zerstört, was dazu führte, dass Eden aus zu großer Höhe auf ihren Planeten zurückfiel. Adam lebte seitdem in dem Glauben, sie wäre tot, aber zufällig sieht er sie 10 Jahre später in einer Fernsehübertragung und setzt gegen jede Vernunft alles daran, ihr wieder zu begegnen.
Um die Trennung des oberen von dem unteren Planeten noch zu betonen, schwelgt „Upside down“ in apokalyptischen Bildern einer herunter gekommenen, dunklen und kalten „Unter-Welt“, deren Bewohner als Arbeiter für den Luxus der „oberen“ Bewohner ausgebeutet werden, deren verheißungsvolle Glitzerwelt sie unerreichbar dicht, am Himmel schwebend, vor Augen haben. Der Film legt großen Wert auf die Darstellung dieser Utopie, die als Hintergrund für ihre Geschichte hätte funktionieren können, wären die Macher bei der Story ähnlich sorgfältig vorgegangen. Das Kino erlaubt Fantasien, die sich nicht an logische Gesetze halten, sondern eigene Regeln aufstellen können, aber es verlangt, sich an die selbst gesetzten Grenzen zu halten, um zu verhindern, dass die Geschichte nicht zum Spielball einer sich ständig anpassenden Willkür wird.
Wahrscheinlich stellte sich die Aufgabenstellung für Adam im Nachhinein als zu schwer heraus, weshalb das Drehbuch gezwungen war, die eigenen Regeln nach Gutdünken zu vernachlässigen. Dass Adam sich in dem Großkonzern TransWorld als Arbeiter verdingt, zudem noch mit ungewöhnlichen Privilegien für einen Vertreter der „Unterschicht“ versehen, ist noch nachvollziehbar, da Eden nur ein paar Ebenen über ihm in dem Bürogebäude beschäftigt ist. Dass aber in dem riesigen Großraumbüro mit tausenden Mitarbeitern ausgerechnet der einzige vertrauenswürdige, individuell denkende Vertreter der „Oberschicht“ - im Film werden sie größtenteils als versnobte Egoisten dargestellt, die mit einem Unterschichtler kaum ein Wort wechseln würden - ihm gegenüber sitzt (an der Decke aus Adams Sicht), wirkt schon mehr als gewollt. So sympathisch Timothy Spall als Bob Boruchowitz agiert, bei dem es sich zudem noch um einen genialen Erfinder handelt, missachtet die Story damit gänzlich jedes Risiko, dass sie zuvor so beeindruckend behauptet hatte.
Bei der Einstellung bei TransWorld wurde Adam nicht nur jeder Kontakt zu Mitarbeitern der „oberen Welt“ vom großen Boss untersagt, sondern auch auf den genauen Check beim Betreten und Verlassen des Gebäudes hingewiesen. Optisch unterstreicht der Film diese Warnung mit einer Umgebung, die an einen diktatorischen Überwachungsstaat erinnert, um sich selbst nicht daran zu halten. Nicht nur, dass sich besagter Bob Boruchowitz als genauso vertrauenswürdig erweist, wie sein erster Händedruck versprach, auch trifft er sich sofort allein und unbeobachtet mit Adam im offiziellen Raucherraum (klar, Individualist Bob ist der einzige Raucher der Abteilung) und besorgt ihm Gewichte und anständige Kleidung, die er nach Dienstschluss feinsäuberlich in einem Nebenraum verbirgt – Überwachungskameras, Wachpersonal oder andere Mitarbeiter gibt es zwar massenhaft, aber nicht da, wo „Klein-Adam“ gerade agiert. Für Spannung wird erst gesorgt, als er sich gerade umgezogen hat, um Eden ein paar Geschosse höher seine Aufwartung zu machen, weshalb der Wachposten zu spät in seinen „Umkleideraum“ sieht. Noch dilettantischer verschenkt der Film diese Situation, als Adam auf der oberen Ebene enttarnt wird. Verfolgt von Sicherheitsleuten flieht er in ein Treppenhaus, um sich in der nächsten Szene im frisch gebügelten Kittel mit Bob zu unterhalten – wie es ihm gelang, zu entkommen und unentdeckt umzuziehen, und wieso eine so hoch technisierte Firma bei einem solch schweren Verstoß keine weiteren Nachforschungen betreibt, beantwortet der Film nicht.
Leider häufen sich diese Verstöße gegen die selbst gesetzten Regeln mit zunehmender Laufzeit, weshalb die angebliche Gefahr, die Adam wegen seiner Alleingänge droht, nur noch behauptet wirkt. Spätestens wenn Adam mit der Checkkarte von Bob, die nach dessen Entlassung sofort hätte abgegeben und gesperrt werden müssen, den oberen Planeten wie den Bahnsteig einer U-Bahn betritt, sich dann - als seine Kleidung nach einem zu langen Treffen mit Eden zu brennen beginnt – ins Wasser stürzt, um von der Erdanziehungskraft ins gegenüberliegende Meer geschleudert zu werden, als wäre es ein Sprung vom 3-Meter-Brett, und am nächsten Tag wieder als Adam der „unteren Welt“ das Bürogehäuse unbehelligt betritt - das er offiziell gar nicht verlassen hatte, was normalerweise zu einem Großalarm hätte führen müssen - kann der Film keine Ernsthaftigkeit mehr für sich einfordern. Die Bilder eines frierenden jungen Mannes in seiner einfachen Dachwohnung, die harte Realität vorgaukeln sollen, wirken in diesem Zusammenhang nur noch peinlich.
So offensichtlich es ist, dass Juan Solanas keine Gelegenheit versäumte, um seine Liebesgeschichte irgendwie zum erlösenden Ende zu zwingen, so ließen sich die vielen technischen und futuristischen Spielereien noch verkraften, wären Eden und Adam ein überzeugendes, anrührendes Liebespaar. Doch Adam-Darsteller Jim Sturgess überzeugt mehr als Technikbastler und flippiger Erdanziehungs-Hopper, denn als einfühlsamer Liebhaber, der seine an Amnesie leidende Eden wieder für sich gewinnen will. Zudem lässt sich „Upside down“ zu wenig Zeit für eine authentische Entwicklung ihrer Beziehung, weshalb wieder die Mär früherer, unzerstörbarer Gefühle dafür herhalten muss, dass Kirsten Dunst bei ihrem wuseligen Jungspund glänzende Augen bekommt. Nicht nur, dass sich „Upside down“ nicht entscheiden kann, ob es eine futuristische Utopie oder eine Romeo und Julia- Geschichte erzählen will, beide Seiten kommen inhaltlich über die Verwendung bekannter Klischees nicht hinaus, weshalb es sich erneut beweist, dass eine originelle Story-Idee und eine optisch beeindruckende Umsetzung für einen guten Film nicht ausreichen (3,5/10).