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Die gutsituierte Professorin Gemma (Penélope Cruz) lebt mit Ehemann Giuliano (Sergio Castellitto) und ihrem Sohn Pietro (Pietro Castellitto) in Rom, als sie ein Anruf eines alten Freundes aus Sarajevo erreicht: Gojko (Adnan Haskovic) macht dort eine Ausstellung 20 Jahre nach Beginn des Jugoslawien-Krieges, zu der er sie einlädt. Gemma, die bereits als junge Studentin bei den olympischen Winterspielen 1984 in Sarajevo war und sich dort Hals über Kopf in einen amerikanischen Fotografen verliebt hatte, sagt zu und reist mit ihrem Sohn an. Während ihres Aufenthaltes dort läßt sie die Jahre ihres Lebens, von denen einige in Sarajevo stattgefunden hatten, Revue passieren: Nicht nur, daß sie dort mit Diego (Emile Hirsch) die Liebe ihres Lebens kennengelernt hatte, dessentwegen sie sich (damals frisch getraut) scheiden ließ, auch das Ambiente der multikulturellen Stadt und der unbeschwert lebenden Künstler-Clique um Gojko hatte sie sehr beeindruckt. Ihre Erinnerungen umfassen aber auch die größte Enttäuschung ihres Lebens, nämlich selbst unfruchtbar zu sein und dem gemeinsamen Kinderwunsch nicht entsprechen zu können. Als die befreundete Musikerin Aska (Saadet Aksoy) dem Paar eine Leihmutterschaft anbietet, ist sie im Gegensatz zu Diego davon nicht überzeugt. Aber bevor etwas in die Wege geleitet werden kann, kommen die Serben und schießen die Stadt in Brand...

Twice Born - Was vom Leben übrig bleibt ist der treffende Titel eines streckenweise eindringlichen Dramas von Regisseur Pietro Castellitto (der in einer Nebenrolle übrigens selbst zu sehen ist) welcher nach dem Roman Venuto al mondo (Komm zur Welt!) von dessen Frau Margaret Mazzantini entstand. Die in mehreren Ebenen dargestellte Rückblende über Gemmas Leben umfasst einen Zeitraum von fast 30 Jahren, angefangen von der noch etwas naiven Studentin, die sich auf den ersten Blick in den unkonventionellen Amerikaner Diego mit seinem Dreitagebart verliebt über den jugoslawischen Bürgerkrieg, aus dem sie zwar flüchten kann, ihr Diego aber vorort bleibt um zu helfen bis hin zu ihrem jetzigen Leben als Professorin mit italienischem Ehemann und Sohn. Penélope Cruz meistert ihre verschiedenen Rollen bravourös, sie wirkt sowohl in der filmischen Gegenwart (2012) Anfang 50 mit Silbersträhnen genauso wie mit kastanienbraunen Haaren anno 1984 überzeugend und glaubhaft: Eine Frau, die an die Liebe glaubt und manches Mal an der harten Realität zu scheitern droht - eine starke Frauenrolle, die die Spanierin mit ausdrucksvoller Mimik und Gestik hervorragend ausfüllt.

Das einfühlsame Drehbuch läßt den Charaktären genügend Raum zur Entfaltung: Während Gemma immer wieder nach Rom zurückkehren kann zu ihrem Papa, der sich mit Diego übrigens prächtig versteht, stehen Gojko und seiner Truppe diese Annehmlichkeiten nicht zur Verfügung - sie brauchen sie aber auch nicht. Erst als der Krieg vor der Tür steht, was er zuerst nicht glauben will und trotzig dazubleiben gelobt, bricht die bittere Realität in ihr bisher so unbeschwertes Leben herein. Das muss auch die quirlige Trompeterin Aksa erfahren, die auf Curt Cobain steht und mit ihrer unkompliziert-fröhlichen Art Diego ein wenig den Kopf verdreht, was in Gemma wiederum Eifersuchtsgefühle weckt. Der vom Krieg tief betroffene Amerikaner Diego, der nicht fassen kann, wie das friedlich-multikulturelle Sarajevo von den serbischen Nationalisten in Stücke geschossen wird, beschließt vor Ort zu bleiben und verteilt Hilfsgüter der Blauhelme. Er wird später bei einem Unfall im Meer ertrinken...
All diese Erinnerungen gehen durch Gemmas Kopf, während sie mit ihrem Sohn Pietro im heutigen Sarajevo spazierengeht. Pietro, übrigens ein spätpubertierender Rotzlöffel, weiß gar nicht, warum er seine Mutter begleiten sollte - nur weil in seinem Pass als Geburtsort Sarajevo steht, ist ihm zuwenig - er ist ein stolzer Römer, hat keinerlei Bezug zur bosnischen Hauptstadt und langweilt sich zusehends. Doch es gibt einen guten Grund, warum gerade er mit dabei ist. In einer finalen Konfrontation werden die letzten Schleier gelüftet, die Wahrheit ist bitter.

Großes Gefühlskino mit einer hervorragend aufspielenden Penélope Cruz, stringent erzählt ohne Pathos und ohne Schuldzuweisungen - eindrucksvoll, was vom Leben übrig bleibt. 8,49 Punkte.

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