Hm, also insgesamt schien mir das alles recht sinnlos zu sein, nur ist das wohl der beabsichtigte "Naturalismus" an dieser Doku: ähnlich der literarisch hochwertigen naturalistischen Darstellung eines "Bahnwärter Thiel" ist auch hier nicht die Absicht, eine direkte Aussage zu treffen, sondern vielmehr das Geschehen selbst sprechen zu lassen. Das Anliegen dabei ist vielmehr, die soziale Situation in ihrem ungeschönten Ist-Zustand darzustellen, möglichst frei von irgendwelchen über sie hinausreichenden Perspektiven (wie etwa im Realismus).
Inwieweit man die anspruchsvolle Konstruktion eines glaubwürdigen Handlungszusammenhangs im Zusammenspiel mit nachvollziehbaren inneren Vorgängen der Protagonisten wie in "Bahnwärter Thiel" einem filmischen Erzeugnis wie Seidls "Doku"-Drama gegenüberstellen kann, in dem allein schon Gedankengänge der Handelnden nicht dargestellt werden können, das ist jedenfalls fraglich. Auch wenn dieser Film eine Überlänge hat, sowie eine dürftige, in weiten Strecken fast nicht vorhandene "Handlung", würde ich ihn dennoch nicht zum pseudokünstlerischen bzw. pseudoanspruchsvollen Schrott erklären.
So hat "Models", wenigstens teilweise, sehr glaubwürdige Dialoge (und ich bin mir sicher, dass das alles Schauspieler sind). Besonders interessant und überzeugend ist in erster Linie das Zusammentreffen von alterndem Profifotograph und jungem Nachwuchsmodel. Ich hatte den Eindruck, dass wenn das Klischee "Model blas und fick für gute Bilder" in bestimmten Situationen erfüllt wird, es sich wohl so oder zumindest ähnlich peinlich, abstoßend und entwürdigend abspielt. Deshalb halte ich dieses "Kapitel" der Doku auch für deren eigentliche Stärke (wobei der Ausklang des One-Night-Stands am Ende ebenfalls sehr überzeugend ist - dabei vor allem der männliche Darsteller, der den gekränkten, psychisch labilen Macho spielt).
Es ist eine naheliegende Frage, ob es sinnvoll ist, das Leben von Models oder von überhaupt jemandem so detailgetreu Nachzustellen, allerdings möchte ich darauf hinweisen, dass gerade so eine "dokumentarische" Darstellung die ganze Oberflächlichkeit, Schäbigkeit, Belanglosigkeit und Stupidität eines Geschäfts bzw. Lebenszieles wiedergibt, das - bis auf die handwerklichen Finessen des Fotographierens - selbst ein gutes Stück Oberflächlichkeit, Schäbigkeit, Belanglosigkeit und Stupidität ist. Im Vergleich zu einem Spielfilm mit gleicher Intention halte Ich deshalb so ein Experiment wie Seidls "Models" für die bessere Alternative, denn in einem Spielfilm müsste ja eine Handlung konstruiert, also ein in Bezug auf das Sujet nicht erforderlicher Zusammenhang gestiftet und der Zuschauer durch Zoten und Dialoge "unterhalten" werden. Ist hier nicht der Fall, so ein Produkt schaut man sich nicht zur dumpfen Belustigung an, sondern um Eindrücke von etwas Unbekanntem zu erhalten, vielleicht auch um seinen Voyeurismus zu befriedigen; wobei jedoch letzteres in 90% des Films enttäuscht wird. Das hat mir übrigens auch gefallen: es wurde keine physische Gewalt ausgeübt (also kein Model vergewaltigt oder geschlagen) oder sonst irgendwas richtig Aufsehen erregendes eingebaut. Das alles plätschert in seiner schockierenden Idiotie und Belanglosigkeit dahin - so wie das Leben von jungen Frauen, die aus welchen Gründen auch immer keine andere Perspektive in ihrem Leben haben als Model zu werden.Natürlich kann man Seidl vorwerfen, dass er durch Konstruktion und Manipulation doch wieder übertreibt und nicht die echte und einzige Realität wiedergibt. Dass aber dürfte, solange keiner ein paar echte Models und ihr gesamtes Umfeld 48 plus X Stunden lang in ihrem Lebensalltag abfilmt, während diese intimste Details von sich preisgeben, nicht zustande kommen. Einer Note enthalte ich mich, weil das in dem Fall eine vollkommene Null-Aussage wäre.Anschauen, eigenes Urteil bilden.