Wenn der Leistungsdruck in der Schule hoch ist und keine andere Identifikationsmöglichkeit über Hobbys, Sport oder ähnliches zu greifen ist, tendieren Jugendliche auch mal dazu einfach Sex zu ihrem Ding zu erklären, welches sie dann auch aktiv optimieren und perfektionieren wollen. Dahinter steckt nicht nur der allgegenwärtige Körperkult und die Betonung von Oberflächlichkeiten, sondern oft auch und vielmehr ein Mangel an Liebe, Harmonie, Anerkennung, Zuneigung und Geborgenheit im familiären Umfeld mit entsprechenden Rückzugsmöglichkeiten. So auch bei der 13-jährigen Sarah und ihrer Freundin Charly.
Schon in der ersten Einstellung wird die Einsamkeit dieser Situation sichtbar, als Sarah gelangweilt und rauchend am Fenster sitzt. Sie sinniert über das Leben und es fallen Sätze wie "Die Typen stehen auf mich. Ich will, dass sie mich wollen…Ich mag's, wenn sie mich scharf finden…". So einfach ist die Philosophie der sozialen Verlorenheit gewisser Teile einer ganzen Generation, die auch gerne vereinfachend "Generation Porno" genannt wird, da die entsprechende Verfügbarkeit von entsprechendem Bildmaterial über alle Medien breit und frei verfügbar ist und eben auch entsprechend konsumiert wird. LITTLE THIRTEEN ist die Abschlussarbeit von Regisseur Christian Klandt an der Filmhochschule und er fokussiert sich genau auf diese spezielle Form des Geltungsdrangs dieser Generation.
Die Einzelheiten der Geschichte von Sarah, ihrer Freundin in dem sexuellen Leistungswettbewerb, den oft stattfindenden One-Night-Stands und wechselnden Freunden sind gar nicht so wichtig. Zwischendurch lernt Sarah den 16-jährigen Lukas kennen, mit dem nun alles anders werden soll, allerdings ist auch er ein Kind dieser Generation und nutzt das Verhältnis zu ihr nur dazu, um dies zu filmen und gegen Drogen zu tauschen. Romantik ist somit ein Fremdwort in Klandts Drama und seine eigentliche Leistung ist, dass er ein schonungsloses Bild dieser Jugendlichen zeichnet, ohne moralischen Zeigefinger, aber auch ohne das Gezeigte zu filtern und einfach konsumierbar filmgerecht zu verpacken.
So wirkt LITTLE THIRTEEN oft fast dokumentarisch und hier und da auch mal sperrig und nicht einfach zugänglich in seinen Bildern und es gibt auch mal einige Längen zu verzeichnen. Das eigentlich aufrüttelnde ist nicht das vordergründige Treiben der Teenager, sondern das Bild der umfassenden sozialen familiären Verwahrlosung, insbesondere der Familie Sarahs, welche nach außen eher gutbürgerlich wirkt. Aber hinter der Fassade ist das Verhältnis zu ihrer jung gebliebenen attraktiven Mutter Doreen stark sozial-dysfunktional. Diese wird im Beisein von Sarah ohne Rücksicht sexuell aktiv mit einem sehr jungen Freund auf der wohnzimmerlichen Couch. Und es wäre nicht das erste Mal, dass Mutter und Tochter Liebhaber tauschen.
Sahras Mutter (Isabell Gerschke) will mit der Jugend von Sarah gleichziehen und nicht älter werden und lebt ihr auch ein Leben in der Definition über Sexualität vor, in dem sie mit Sarahs Freunden Sex hat und auch einem Dreier mit Sarahs Freund und ihrer Tochter nicht abgeneigt ist. Weniger sozialen Schutzraum in Bezug auf Sexualität kann man einer Tochter in diesem Alter kaum bieten. Die FSK 12 finde ich in diesem Falle mal gut und ausnahmsweise relativ mutig da ich denke, dass Jugendliche in diesem Alter eher irritiert werden durch das Gezeigte. LITTLE THIRTEEN ist sehr sehenswert, ohne jedoch formal und von der Tiefe der Analyse her Höchstwertungen erlangen zu können.
6,5/10 Punkten