Review

Wer meint, Jean Rollin sei Ende der 70er der einzige hartnäckige Genreregisseur-Gallier, der einer radikalem Autoren-Filmkritik in Frankreich widersteht, irrt gewaltig. Raphaël Delphard legt uns hier seine Visitenkarte hin und zeigt, dass man Bourgeoisiekritik nach Buñuel und Chabrol im Film noch toppen kann, dass es kracht (und spritzt). Elf Jahre nach Narciso Ibanez Serradors LA RESIDENCIA und drei Jahre nach Argentos SUSPIRIA kommen wir hier nicht in ein Mädcheninternat oder eine Balettschule, sondern passend zur heutigen Rentnerrepublik in eine weitere geschlossene Institution: eine Seniorenresidenz. Deren hoher Verschleiß an Arbeitskräften macht schnell argwöhnig und so erfahren wir recht schnell, dass hier die Ausbeutung der Arbeitskraft im Dienste der ungewöhnlich langlebigen Heimbewohner bluternst genommen wird. Am 28. des Monats herrscht helle Freude, wenn es da um die Wurst geht. Der Film besticht vor allem durch die tiefe Zeichnung aller Protagonisten. Jeder hat eine Hintergrundgeschichte, die jeden noch so Buñuelesken Bewohner realistisch erscheinen lässt. Am spannendsten ist sicher der psychotische Hausangestellte mit Herz. Schon allein die Szene in seiner Wohnung zeigt seine Zerrissenheit. Aber auch die Inszenierung und Kameraarbeit ist herausragend. Wenn die Heimbewohner des nachts mit expressionistisch verzerrten Gesichtern durch die Gänge streichen, mit Blick in die Kamera und damit den Zuschauer, fühlt man sich selbst in die Enge getrieben. Neben ungeheuer realistischen Körperhorrorszenen gibt es aber auch immer skurril-komödiantische Stellen: Etwa, wenn die bezaubernde Isabelle Goguey alias Martine sich auszieht und die gesamte Hausgemeinschaft ihr lechzend dabei zusieht! Das nenne ich gelungenes Affektmanagement! Überhaupt hat man mit Martine endlich eine denkende, kluge und selbstbewusste Frau (ihrem „Freund“ schreibt sie, dass sie ihm nicht auf der Tasche liegen will), die ganz anders agiert als die hilflosen Argento-Dummchen in seinen märchenartigen Spielhandlungen. Ob ihr das hilft, finden wir am Ende des vielschichtigen, spannend und überraschend erzählten Films heraus. Herausragende 8/10!

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